Explosion in Farb- und Lackfabrik

Druckwelle beschädigt 40 Häuser

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Eine Farb- und Lackfabrik ist durch eine schwere Explosion zerstört worden.

Ritterhude - Stundenlang kämpfen 200 Feuerwehrleute gegen die Flammen nach einer gewaltigen Explosion in einer Entsorgungsfirma. Der Knall hallt kilometerweit, die Druckwelle beschädigt fast 40 Wohnhäuser. Wie kam es zu dem Unglück?

Bei der Explosion in einer Entsorgungsfirma für chemische Lösungsmittel in Ritterhude (Kreis Osterholz) sind vier Menschen verletzt worden – darunter ein 60-jähriger Mitarbeiter schwer, der wegen einer Fehlermeldung auf dem Bereitschaftshandy einen Kontrollgang machte und nun mit Verbrennungen dritten Grades in einer Spezialklinik liegt. Rettungskräfte hatten ihn auf dem Firmengelände gefunden. Nach Angaben der Feuerwehr ergaben Schadstoffmessungen, dass keine Gesundheitsgefahr für die Anwohner bestand. Die Ursache der Explosion vom Dienstagabend ist unklar.

Das Ausmaß des Unglücks am Rande von Bremen wird erst am Morgen danach sichtbar. Anwohner stehen am Mittwoch fassungslos vor ihren von der Druckwelle teils schwer beschädigten Häusern. Die Fabrik liegt mitten zwischen Wohnhäusern. Bis zu 40 der gepflegten Einfamilienhäuser haben Schäden abbekommen, acht sind nach Angaben der Polizei nicht mehr sicher. In der Entsorgungsfirma hatte es am Dienstag gegen 20.30 Uhr eine Detonation gegeben, die nach Angaben eines Sprechers der Bremer Feuerwehr über mehrere Kilometer zu hören war. Ein Großaufgebot mit 200 Feuerwehrleuten und Dutzenden weiteren Helfern sicherte danach die Gegend am südlichen Rand der Kleinstadt Ritterhude ab.

Feuerwehr und Polizei räumten etliche Häuser. Einige Anwohner durften schon am Mittwochvormittag zurück in ihre Wohnungen. Statiker hätten die Gebäude zunächst überprüfen müssen, sagt Gemeindebrandmeister Jochen Pieper. Die Straßen rund um die Unglücksstelle sind mit Dachziegeln und Glassplittern übersät. Fensterrahmen hängen schief, Gardinen wehen heraus, Rollläden sind verbogen, Garagentore eingedrückt, Löcher klaffen in den Dächern. Die Druckwelle muss durch einige Häuser geradezu hindurchgefegt sein. In einem Schlafzimmer ist das Bett mit Glasscherben bedeckt. Kaum auszudenken, was passiert wäre, wenn die Explosion sich mitten in der Nacht ereignet hätte, meinen Einsatzkräfte und Bewohner.

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Claudia Schwarz saß vor dem Fernsehgerät, als es am Dienstagabend knallte. „Es flog alles durch die Gegend, die Scheibe des Wohnzimmerfenster zersplitterte. Wir sind sofort raus“, sagt sie. „Wir haben immer gesagt, irgendwann passiert da was, irgendwann fliegt das Ding in die Luft.“ Das Haus der vierköpfigen Familie steht keine 50 Meter von der Firma entfernt – es gehört zu den nicht mehr bewohnbaren Gebäuden. Die Familie wird zunächst zu Freunden im Ort ziehen. Von der Entsorgungsfirma ist nach Explosion und Großbrand nicht mehr viel übrig geblieben. Nur ein paar Außenmauern der Werkshalle stehen noch. Teile des Dachs finden Feuerwehrleute in den Vorgärten einiger Häuser. Erst als alle Glutnester gelöscht sind, kann die Suche nach der Brandursache beginnen.

Auf dem Gelände befanden sich nach Angaben des Umweltministeriums in Hannover drei genehmigungspflichtige Anlagen, für die 1990 eine Erlaubnis erteilt worden sei: eine für die Destillation von Lösungsmitteln, eine Feuerungsanlage und ein Tanklager. Der Betrieb, der sich aus einem Labor des noch dort tätigen Firmengründers entwickelt hat, sei der Gewerbeaufsicht bei den regelmäßigen Kontrollen nicht durch häufige Mängel aufgefallen. Zuletzt habe es im Juni dieses Jahres eine Inspektion dort gegeben, sagte eine Sprecherin. „Es sind keine Mängel festgestellt worden.“

„Wir haben die Firma immer mit Sorge beguckt“, sagt die Bürgermeisterin von Ritterhude, Susanne Geils. „Wir haben immer gesagt, diese Firma ist an dieser Stelle völlig fehl am Platz.“ Sie solle nicht wieder aufgebaut werden. Allerdings liegt das Gelände nicht in einem reinen Wohn-, sondern in einem traditionellen Mischgebiet, in dem sich schon vor fast hundert Jahren eine Chemiefabrik ansiedelte. Die Wohnhäuser seien im Laufe der Zeit dichter an die Betriebe herangerückt, sagt Kreissprecher Marco Priebs. Als sich die jetzt niedergebrannte Entsorgungsfirma 2010 nach dem Umzug der alten Chemiefabrik auf deren benachbartes Grundstück ausdehnen wollte, hätten sich Kreis und Gemeinde dagegen gesperrt. „Damals stand die Verkehrsbelastung im Fokus.“

Von Vera Jansen und Gabriele Schulte

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