Bundeswehrkaserne in Ehra-Lessin

„Dschungelcamp“ für Flüchtlinge?

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Foto: „Wir haben die Kasernen sehr gut hergerichtet“: Die abgelegene Lage der ehemaligen Bundeswehr-Unterkünfte sorgt aber für Kritik.

Hannover - Seit Dienstag trudeln Flüchtlinge in der ehemaligen Bundeswehrkaserne in Ehra-Lessin ein. Der Landkreis Gifhorn hat dort, in einem Waldgebiet auf einem ehemaligen Truppenübungsplatz, ein paar Blocks zur Flüchtlingsunterkunft umbauen lassen - und dafür überaus scharfe Kritik vom Flüchtlingsrat geerntet.

Der Landkreis eröffne ein „Ausgrenzungs- und Isolationslager im Wald“, beschwerte sich Flüchtlingsrat-Geschäftsführer Kai Weber: „Nirgendwo sonst in Niedersachsen existiert ein vergleichbares ,Dschungelcamp’ im Wald.“ Der Gifhorner Landrat Andreas Nebel (CDU) weist diese Kritik empört zurück; „Sie ist in Stil und Inhalt völlig unangemessen. Wir haben die Kasernen für 1,5 Millionen Euro sehr gut hergerichtet.“

Die neue Flüchtlingsunterkunft liegt im Wald, etwa 1,5 Kilometer von der nächsten Ortschaft entfernt. Nach Angaben des Landrates hat der Landkreis fünf Kasernenblocks wiederhergerichtet, die früher auch VW-Arbeitern als Unterkunft dienten, die nach Wolfsburg pendeln mussten. Seit 2013 ist das ehemalige Bundeswehrgelände verwaist, und der 1730 Hektar große Truppenübungsplatz, an dessen Rand die Kasernen liegen, nicht mehr benutzt. Nebenan hat VW eine Versuchsstrecke.

Kai Weber vom Flüchtlingsrat meint, mit der Auswahl dieses Standortes setze der Landkreis auf Isolation und Ausgrenzung. Dabei gebe es in Gifhorn viel bessere Alternativen, etwa das alte Krankenhaus nahe dem Stadtzentrum, das an einem schönen Park liege und leer stehe. Statt dieses Krankenhaus zu nutzen, verfolge die Stadt Gifhorn hier jedoch ein Wohnkonzept „Wohnen im Grünen“ in gehobener Wohnlage. Der Landkreis betreibt nach Webers Worten eine „dilettantische Politik“, indem er starre Flüchtlingsquoten für einzelne Ortschaften festsetze und etwa die Orte Gifhorn und die Samtgemeinde Meinersen, wo es durchaus Angebote von Hausbesitzern gebe, von vornherein ausklammere, weil diese angeblich schon genug Flüchtlinge hätten.

Landrat Nebel ist hörbar empört über die Kritik des Flüchtlingsrates. „Ich bin als Landrat gehalten, bei der Verteilung der Flüchtlinge unter den Gemeinden einen Ausgleich zu schaffen.“ Deshalb sei die Quotierung einzelner Orts- und Gebietschaften gerecht und auf „Flüchtlingsgipfeln“ auch so abgesprochen; „Beim letzten Flüchtlingsgipfel haben wir beschlossen, dass wir nach größeren Wohneinheiten suchen.“ Im Übrigen habe man einen Pendlerdienst eingerichtet und auch einen Bus angeschafft: „1,5 Kilometer zum nächsten Ort sind ja wohl noch zumutbar.“ Man achte auch darauf, dass möglichst wenige Familien in den Kasernen untergebracht werden würde.

Man komme jetzt aber an eine Grenze, findet der Landrat. Waren im vergangenen Jahr 750 bis 800 Flüchtlinge in seinen Landkreis geschickt worden, so kämen dieses Jahr noch einmal 1000. Der Staat lasse die Kommunen weitgehend allein. „Ein Großteil der Flüchtlinge, die jetzt in die Kasernen einziehen, kommt vom Balkan - und muss nach einigen Monaten wieder zurück, weil Asylanträge abgelehnt werden.“

Kai Weber vom Flüchtlingsrat überzeugt die Politik des Landkreises nicht. Andere Landkreise wie etwa Harburg prüften zunächst alle verfügbaren Unterkünfte systematisch auf ihre Eignung, anstatt 220 Flüchtlinge in den Wald abzuschieben. Ins Bild passe, dass die Unterkunft zudem von der profitorientierten Firma European Homecare betreut würde, in deren Einrichtungen es zu Misshandlungen gekommen sei. „Wir haben nur gute Erfahrungen mit dieser Firma gemacht“, entgegnet der Landrat.

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