Musikerinnen aus der Wesermarsch

Dudelsackmädchen machen Schotten Konkurrenz

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Dudelsack können nicht nur Männer in Kilts spielen - das macht auch Anastasia Eifeld vor.

Nordenham - Wer bei Dudelsack an kernige Männer mit Kilt aus den schottischen Highlands denkt, kann sich beim Besuch in der Wesermarsch wundern: Sieben junge Mädchen sorgen in der Szene für Aufmerksamkeit. Ihre Auftritte in Aberdeen und Edinburgh wurden hoch gelobt.

Sieben Mädchen im Schottenrock wirbeln durch die Welt der Dudelsackmusik. Vor der Probe sind sie eher schüchtern, tuscheln miteinander, kichern auch mal. Auf der Bühne im Dorfkrug von Nordenham-Abbehausen aber drücken sie dann richtig aufs Gas. Trommeln geben den Rhythmus und treiben an, Dudelsäcke blähen sich und pfeifen Melodien von schottisch traditionell bis Rock 'n' Roll. Die zehnjährige Anzela lässt die hölzernen Sticks auf der Snare Drum (Marschtrommel) wirbeln, als hätte sie es immer schon gekonnt. Anastasia, mit 16 die Älteste der Gruppe, bläst "Cullan Bay" in ohrenbetäubender Lautstärke auf dem Dudelsack. Jana, Jennifer und Laura bearbeiten Tenor- und Basstrommel und vervollständigen die "Happy German Bagpipers". Zwei Mädchen fehlen an diesem Übungsabend. Immer dabei: Der 71 Jahre alte Chef Falk Paulat. Er komponiert, arrangiert, organisiert und betreut.

Natürlich auch im Schottenrock, blau-schwarz kariert, mit Glangerry (Kappe) auf dem Kopf und Dudelsack über der Schulter steigt Paulat von der Bühne und guckt zu seinen Mädchen hoch: "Keine kann Noten lesen." Macht aber nichts. "Ich habe alle als Ohrspieler ausgebildet." Das heißt: Er spielt vor, die Mädchen gucken auf seine Finger, spielen nach und prägen sich die Melodien ein. Das klappt gut, denn zwei Stunden Auftritt am Stück sind kein Problem. Allerdings nur, weil die Bandmitglieder zwischendurch die Instrumente tauschen, ohne Pause am Dudelsack hält nämlich niemand durch.

Thomas Zöller von der Dudelsack-Akademie im hessischen Hofheim lobt das Projekt. "Ich finde es eine gute Sache. Sie lassen sich in keine Konventionen pressen." Inzwischen sei es gar nicht mehr ungewöhnlich, dass Mädchen und Frauen Dudelsack spielen. In seinen Kursen sei das Geschlechterverhältnis etwa ausgeglichen. Das es lange eine Männerdomäne war, liege an der Militarisierung des Instruments. Zöller hat nach eigenen Angaben in Glasgow als erster Europäer vom Festland den Studiengang "Bachelor of Scottisch Music/Piping Degree" abgeschlossen. Die Mädchen aus der Wesermarsch selbst haben nicht das Gefühl, etwas Ungewöhnliches zu tun. "Wir finden, das ist ein ganz normales Instrument", sagt Anastasia. Auch wenn sie keine zweite Mädchengruppe kennen und auch wenn sie wohl die einzigen sind, die Lieder wie "Rock around the Clock", "Pipi Langstrumpf", "La Cucaracha" oder einen Schuhplattler auf dem schottischen Instrument spielen. Weihnachts- und Kinderlieder sind ebenso im Angebot wie eigene Kompositionen.

Ein bisschen stolz ist die ganze Truppe auf die Anerkennung vor allem in Schottland, der Heimat des Dudelsacks. In Aberdeen und Edinburgh durften sie sich in die große Zahl der Dudelsackgruppen bei Festivals einreihen: "Das war natürlich der Hammer", sagt der Chef derBand. Mehr als 30 große Auftritte sind es inzwischen pro Jahr. Im nächsten Jahr geht es nach Spanien und 2016 steht sogar eine Reise auf die andere Seite der Erde nach Neuseeland an. Bei allem Spaß gehört Disziplin dazu. "Wir führen ein hartes Regiment", sagt der frühere Maschinenbauingenieur Paulat und bezieht den Co-Chef Friedhelm Ricklefs mit ein. So locker und väterlich, wie er mit seinen Schützlingen umgeht, mag man es gar nicht glauben.

Ricklefs und Paulat machen schon seit vielen Jahren gemeinsam Musik. Der 53-Jährige kümmert sich um die Trommelausbildung. Den Dudelsack spielen kann der bärtige Klempner, der mit markantem Gesicht und grauem Bart, mit Kilt und Barett als Schotte durchgehen könnte, allerdings nicht. "Das lerne ich jetzt auch nicht mehr", meint er. Geld für Instrumente, Bühnenkleidung und die weiten Reisen kommt ausschließlich durch Auftritte rein. Von der aktuellen CD mit Live-Aufnahmen ist bereits eine ganze Menge verkauft. Die 15-Jährige Laura kümmert sich um die Kasse. Paulat will die jungen Damen langsam immer mehr in die Verantwortung nehmen, damit sie irgendwann auch alleine weitermachen können. "Die Übergabe läuft", sagt er.

Von Sönke Möhl

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