Neonazi-Aufmärsche

Eine Kurstadt kämpft um ihren Ruf

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Foto: Apotheker Jürgen Uebel organisiert das Bürgerbündnis gegen die Neonazis.

Bad Nenndorf - Alljährlich marschieren Neonazis Anfang August durch Bad Nenndorf, um an Folterungen durch die Allierten in der Nachkriegszeit zu erinnern.Die Kurstadt wehrt sich mit einem breiten Bürgerbündnis.

Flanieren unter Palmen - vorbei an plätschernden Brunnen und blühenden Beeten. Auf der Kurpromenade von Bad Nenndorf geht das Leben einen äußerst ruhigen Gang. Doch das friedliche Bild ist trügerisch. Auf den Kurort ist ein Schatten gefallen. Zum siebten Mal wollen am 4. August Neonazis mit einem „Trauermarsch“ durch Bad Nenndorf ziehen, um an Folterungen durch die Alliierten in der Nachkriegszeit zu erinnern. Samtgemeindebürgermeister Bernd Reese (SPD) spricht von „bösen Bildern“. Die Aufmärsche der vergangenen Jahre mit Rufen wie „Besatzer raus“, sagt Reese, seien nicht folgenlos. Manch einer habe seinen geplanten Kuraufenthalt schon mit Blick auf die Neonazis abgesagt, berichtet der Bürgermeister, der viel lieber über die laufende Modernisierung des etwas verschlafenen Kurortes sprechen möchte.

Die Stadt stellt sich dem braunen Spuk mit einem breiten Bündnis entgegen. „Bunt statt Braun“ lautet das Motto der Kundgebung, die mit einem ökumenischen Gottesdienst an der Kurmuschel eingeleitet wird. Die Bahnhofstraße ist zwar als Aufmarschstrecke der Rechten für Gegendemonstrationen gesperrt, private Familienfeiern aber sind erlaubt. So rufen zahlreiche Anwohner während des „Trauermarsches“ zu Partys auf. Außerdem soll die komplette Bahnhofstraße in einer groß angelegten Kunstaktion bunt „eingestrickt“ werden. Auch das Gymnasium ist mit von der Partie. Bei einem Projekttag haben Schüler der fünften bis elften Klasse große Lappen, Masken, Schals und Wollbälle gestrickt und gehäkelt. „Wir wollen verhindern, dass unser Schulort zum rechten Wallfahrtsort wird“, sagt der Englisch- und Geschichtslehrer Niels Koblitz.

Im Zentrum der bunten Bürgerbewegung steht seit Jahren der Bad Nenndorfer Apotheker Jürgen Uebel. Der 56-Jährige ist stolz darauf, dass die bunten Aktionen große Resonanz gefunden haben. „Das Zentrum wird durch die hohe Polizeipräsenz wieder zum Sperrgebiet“, sagt der Betreiber der Kur-Apotheke. „Man braucht seinen Laden an diesem Tag gar nicht erst aufzumachen, da gibt’s sowieso kein Durchkommen.“

Verschärfend hinzu kommt in diesem Jahr, dass es neben dem Bürgerbündnis weitere Gegendemos geben soll. Mit unkalkulierbarem Verlauf. So tourt die autonome Antifa-Gruppe „linksunten“ mit einer Mobilisierungskampagne schon durch etliche Städte, um für eine Blockade in Bad Nenndorf zu werben.

Auch der SPD-Stadtverband Hannover hat zu Sitzblockaden aufgerufen - ist damit aber nicht nur in der eigenen Partei auf Ablehnung gestoßen, sondern auch beim Bürgerbündnis. „Das könnte als Nötigung ausgelegt werden und zu Auseinandersetzungen mit der Polizei führen“, sagt Jürgen Uebel. „Wir wollen Gewalt aber auf jeden Fall vermeiden und arbeiten deswegen mit den Sicherheitskräften zusammen.“ Gegen private Feiern sei natürlich nichts zu sagen. 2011 war auf diese Weise die Bahnhofstraße während des „Trauermarsches“ in eine Partymeile verwandelt worden.

Doch bei Weitem nicht alle Einwohner des Kurortes stehen auf Seiten des Bürgerbündnisses. „Ich finde es sehr gut, dass mit dem Trauermarsch an die Verbrechen der Alliierten erinnert wird“, sagt eine 85-Jährige, die keinesfalls genannt werden möchte, auf der Kurpromenade. Dass im Nenndorfer WincklerBad von 1945 bis Anfang 1947 Nazis von den Alliierten gewaltsam verhört und Badezellen in Folterzellen verwandelt wurden, ist heute auch unumstritten. „Da gibt es nichts zu vertuschen, wir gehen ganz offensiv damit um“, sagt Bürgermeister Reese. „Von den Neonazis wird aber eben verschwiegen, dass die Briten selbst Anstoß an den Zuständen genommen und das Verhörzentrum darum geschlossen haben.“

Das frühere Badehaus, das mit seiner grauen Rundfassade immer noch an alte Zeiten erinnert, soll nun bald zum Gesundheitszentrum aufgepeppt werden. Die Investoren sind nicht sehr beglückt darüber, dass der historische Bau erneut Zielpunkt von Neonazis ist.

Nicht wenige der Bürger in Bad Nenndorf meinen, dass es besser wäre, die Marschierer einfach zu ignorieren. „Das wird doch alles bloß aufgebauscht“, meint ein 64-Jähriger. „Würde man die gar nicht beachten, hätte sich der Spuk längst erledigt.“

Der Samtgemeindebürgermeister hat andere Erfahrungen gemacht: „Anfangs haben wir sie ja ignoriert“, sagt Reese. „Aber das haben sie gar nicht gemerkt. Es sind immer mehr geworden.“

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