Eurovision Song Contest in Wien

Eine Show mit vielen Fragezeichen

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Um die Abstimmungsphase zu überbrücken, gab es eine neunminütige Percussion-Einlage des Weltklasse-Musikers Martin Grubinger.

Wien - Favoritensieg in Wien: Der Schwede Måns Zelmerlöw gewinnt den Eurovision Song Contest 2015. Und Deutschland erlebt mit Ann Sophie ein Debakel: Letzter Platz mit exakt null Punkten. Eine Analyse des Abends von unserem Mann in Wien: Imre Grimm.

Goldene Glitzerflocken schweben von der Decke, der letzte Ton ist verhallt. Der große Favorit hat das Rennen gemacht: Der SchwedeMåns Zelmerlöw ist der Sieger des Eurovision Song Contest 2015. Mit seiner Europop-Partynummer „Heroes“ und einer originellen Trickperformance mit animierten Strichmännchen und Digitaleffekten holte er sich den Sieg. „Wir sind alle Helden“, sagte er direkt nach seinem Sieg. „Egal, wen wir lieben, woran wir glauben, wer wir sind!“ Die „russische Helene Fischer“ Polina Gagarina landete auf Platz zwei mit ihrer bombastisch inszenierten Weltumarmungshymne „A Million Voices“.

Mit ihrer fulminanten Arie auf die Liebe sicherte sich das italienische Tenor-Trio Il Volo (auf Deutsch: Der Flug) alias Piero Barone, Ignazio Boschetto und Gianluca Ginoble Platz drei. Und Deutschland? Erlebte ein Debakel. Null Punkte.

Höhepunkte der Show in der Wiener Stadthalle waren die umjubelten Auftritte der Sängerin aus Russland mit ihrer bombastischen Hymne, des erst 16 Jahre alten Interpreten aus Israel mit goldfarbenen Sportschuhen, der schwergewichtigen Sängerin aus Serbien („Beauty Never Lies“) und die ESC-Premiere von Australien.

Für ihren Mut belohnt wurde überraschend die originelle TripHop-Electro-Nummer „Love Injected“ von Aminata aus Litauen (Platz 6) und der Belgier Loïc Nottet mit seiner schwarzweißen Tanzperformance zum hochmodernen Rythm-&-Blues-Titel „Rythm Inside“ (Platz 4).

Es war eine Show, die ordentlich Fragen aufwarf: War das wirklich Kai Ebel, der da für Aserbaidschan den Wolf tanzte? Warum sah jeder dritte Act aus wie eine Dreiminutenversion von „Game of Thrones“? Sollte man georgische Unglücksrabenfrauen nicht besser fliegen lassen – ganz schnell und ganz weit weg? Und ist zum Thema Federkleid seit Björks Schwanenkostüm bei der Oscar-Verleihung 2001 nicht eigentlich alles gesagt?

Die Punktevergabe wurde schnell zum engen Dreikampf zwischen Italien, Russland und Schweden, der bis fast zuletzt spannend blieb.

Lange sah es nach einem italienischen Sieg aus. Erst seit 2010 ist Italien wieder beim ESC dabei – nach zwölf Jahren Pause. Die Ausbeute seitdem ist stattlich: Ein zweiter, ein neunter, ein 21. Platz – und jetzt der dritte von Il Volo. Hinter dem Trio steckt Michele Torpedini, der Manager von Andrea Bocelli und Zucchero, ein italienischer Popveteran, der genau weiß, was er tut.

Historische Pleite für Deutschland

Das deutsche Team erlebte einen unschönen Abend. Sie wolle gern die Top Ten erreichen, hatte die 24-jährige Hamburgerin Ann Sophie gesagt. Aber die blieben in weiter, sehr weiter Ferne. Am Ende sprang der Letzte für sie heraus – nach einem allerdings engagierten, fehlerlosen und eleganten Auftritt mit „Black Smoke“ im schwarzen Jumpsuit. Von Erkältung keine Spur mehr – aber was hilft's denn? Nicht mal aus der Schweiz oder den Niederlanden gab's auch nur einen einzigen Punkt. Deutschland und Österreich – als Nullnummern im Elend vereint. Eine historische Pleite, deren Aufarbeitung lange dauern wird. Die deutsche Höchstwertung wiederum ging an Russland.

Viele eher lahme Balladen waren in den Halbfinals hängengeblieben, die musikalische Bandbreite im Finale stimmte daher: dröhnendes Weltkriegspathos aus Frankreich, ein ungarisches Schneewittchen namens Boggie mit einem hingehauchten Friedensappell, die erfolglosen österreichischen Mozartkugel-Hipster The Makemakes mit Hut und dem schönsten Lied, das John Lennon 1975 in New York nie geschrieben hat (war das Wolfgang Petry am Bass?). Die mitfavorisierte Spanierin Edurne – Spielerfrau des Torhüters von Manchester United – kämpfte sich unfallfrei durch ihr Airbrush-Kitschposter von einem Song (Platz 15). Und England wurde wie erwartet für seine krawallig-gestrige Federboa-Ententanz-Nummer abgestraft (Platz 24).

Die meisten der zuvor hoch gehandelten Thronanwärter dagegen konnten sich gut behaupten: Das estnische Pärchen Elina Born & Stig Rästa holte mit seinem feinen Roadmovie-Soundtrack „Goodbye to Yesterday“ – das an Nancy Sinatras und Lee Hazlewoods „Summer Wine“ erinnerte – Platz 7. Die serbische Matrone Bojana Stamenov, deren Kleid viele unschuldige Meter Glitzerstoff das Leben kostete, landete mit ihrem etwas stumpfen Selbstbewusstseinsappell auf Platz 10. Und das norwegische Paar Morland & Debrah Scarlett holte sich mit dem düsteren, warmen Duett „A Monster Like Me“ - aus dem mal Netflix oder HBO unbedingt eine schaurig-schratige Krimi-Miniserie machen müssen - Platz 8.

Und Australien, der Jubiläums-Ehrengast? Der „Australian Idol“-Gewinner Guy Sebastian landete – schon des verlockenden Gedankens beim Abstimmen wegen – mit seinem fluffigen Mix aus Commitments-Soul und Gnarls Barkleys „Crazy“ auf einem sensationellen fünften Platz. Zwölf Punkte gab's aus Österreich und Schweden. Umgekehrt gingen Australiens zwölf Punkte an Schweden.

Ein Debakel also für Deutschland. Seit den erfolgreichen Lena-Jahren 2010 (Sieg) und 2011 (Platz 10) und dem achten Platz für Roman Lob 2012 in Baku gab es für das deutsche Team einmal den 21. Platz (Cascada, 2013), einmal den 18. (Elaiza, 2014) und jetzt also der Tiefpunkt. Deutschland rutscht damit wieder ab in die bitteren Tabellenregionen, in denen es vor Lena verharrte: mit Grazia (24. und Letzte), Texas Lightning (15), Roger Cicero (19), den No Angels (23., punktgleich mit dem Letzten) und Alex Swings Oscar Sings (20). Diese beklagenswerte Bilanz wird auch nicht durch die Tatsache geschönt, dass das NDR-Team und die deutschen Plattenfirmen den Vorentscheid längst nicht mehr als popkulturelle Resterampe betrachten, sondern bei der Bestückung durchaus die Qualität im Auge haben.

Und die Show? Scherzarm, allzu routiniert, führten die drei österreichischen Grazien Arabella Kiesbauer, Mirjam Weichselbraun und Alice Tumler durch den Abend („Frühstückszeit in Australien!“). Schon das Opening sah aus wie eine Unicef-Gala oder der 100. Geburtstag von Sepp Blatter: Wiener Sängerknaben, fliegende Conchitas, Fahnenmärsche, liebreizende Menschen in diversen, endlosen glücksbesoffenen Einspielfilmen, allgemeine Menschlichkeitsbejahung und ganz große Gesten voll Pathos und Kitsch. Der ORF-Inszenierung fehlte der ironische Bruch, der Wille zur fröhlichen Selbstverarschung. Das war alles viel zu ernst gemeint. Die Bühne allerdings – entworfen vom deutschen Studiodesigner Florian Wieder –, dieses 44 Meter breite, 14 Meter hohe und 20 Meter tiefe „Auge“ aus 1288 Metallröhren, Lichtelementen und organisch von der Hallendecke wabernden Kugelwellen, war schlicht sensationell.

Nachbarschaftsgemauschel ist Vergangenheit

Wieder bot der brodelnde Popzirkus massig Lästerpotenzial (die Luftgeige von Ljubljana! Brennende Klaviere aus Österreich! Elektrische Engländer!). In seinem 60. Jahr aber hat der Eurovision Song Contest das übermäßig Trashige im Kern abgestreift. Die 20-Zentimeter-Schulterpolster, die Herrendauerwellen und die psychedelischen Bucks-Fizz-Pullover der Vergangenheit sind nur noch putzige Reminiszenzen an die modische Schmerzfreiheit der 80er- und 90er-Jahre und Stoff für historisch-schrullige Einspielfilmchen. Aus dem zunächst braven Liedermacherfest und dem schrill-schrulligen Zuckerwattefestival der 70-er bis 90-er Jahre ist ein hochkomplexer Popcorntest geworden, der nicht nur als technische Leistungsshow des TV-Entertainment dient, sondern vor allem die kulturelle Homogenisierung Europas widerspiegelt. Folklore war gestern. Acht von insgesamt 40 Songs stammten von schwedischen Produzenten. 82 Prozent der Teilnehmer sangen auf Englisch. Das vielzitierte Nachbarschaftsgemauschel ist – von Einzelfällen abgesehen – Vergangenheit. Wer heute den ESC gewinnen will, braucht Punkte aus allen Ländern. Niemand gewinnt hier nur mit Hilfe seiner Kumpels von nebenan.

Der Versuch der European Broadcasting Union (EBU), den zuletzt ausufernden Gigantismus beim größten Musikevent der Erde behutsam zu bremsen, geht in die richtige Richtung. Die andauernden Beteuerungen, wie unglaublich „grün“, „klimaneutral“ und allgemein ökologisch untadelig das Event ist, gehen den Stammmitgliedern des ESC-Wanderzirkus allerdings zunehmend auf die Nerven. Und die hartnäckige Beteuerung, der Song Contest sei strikt unpolitisch, erinnert fast an die Ammenmärchen der Fifa und ist pure Augenwischerei.

Unliebsame Bugrufe technisch ausgeblendet

Selbstverständlich spielt Politik hier eine Rolle. Selbstverständlich ist es nicht bloß eine Frage der Höflichkeit, wenn die EBU – wie mehrfach geschehen – unliebsame Buhrufe technisch ausblendet. Warum sonst musste Moderatorin Alice Tumler während des Votings den Saal zur Ordnung rufen wegen andauernder Unmutsäußerungen für Punkte an Russland?

Selbstverständlich nutzen einzelne Länder ihre drei Minuten Weltbühne für politische Zwecke, Armenien etwa mit ihrem kaum kaschierten Ansinnen, die Weltöffentlichkeit mit dem Titel „Face The Shadow“ an den von der Türkei hartnäckig geleugneten Genozid vor 100 Jahren zu erinnern. Oder die rumänische Folkrockband Voltaj, die mit ihrem berührenden Song „De La Capat/ All Over Again“ an die Kinder von drei Millionen im Ausland arbeitenden rumänischen Väter und Mütter erinnerte, die elternlos aufwachsen, weil die Heimat ihnen keine Chance bietet. Die Koffer auf der Bühne waren stumme Symbole dieses Dramas.

Der Sieg von Conchita Wurst im Vorjahr war der politischste seit langem. Nur zu gern ergriff der Kontinent die Möglichkeit, sich das Hort der Toleranz und Modernität zu beweisen, auch wenn ihr „Rise Like A Phoenix“ nebenbei natürlich der stärkste Song des Abends war. Mit guten Absichten allein gewinnt niemand den ESC. Ralph Siegel – der in diesem Jahr zum 24. Mal antrat und mit San Marino im Halbfinale ausschied – erlebt das mit seinen Zeitgeistausbeutungsversuchen seit Jahren. Eines aber hatte er lange damit: Erfolg.

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