„Sch(l)aufenster“ statt „Graufenster“

Eine Stadt entdeckt sich neu

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Einbeck - Leere Schaufenster sollen im südniedersächischen Einbeck bald der Vergangenheit angehören. Eine Bürgerinitiative will leerstehende Schaufenster in„Sch(l)aufenster“ verwandeln. Künstler, Vereine, Schulen, Sammler und Kunsthandwerker können ihre Werke dort präsentieren.

Schaufenster heißen so, weil es in ihnen etwas zu schauen gibt. In vielen Orten ist ein Schaufensterbummel inzwischen allerdings eine eher triste Angelegenheit. Statt Mode, Taschen oder Haushaltswaren gibt es häufig nur noch mit Zeitungspapier abgeklebte Fenster zu sehen, immer mehr Läden in Innenstädten stehen leer. Auch das südniedersächsische Einbeck hat damit zu kämpfen: Die Fachwerkstadt mit ihren gut 31 000 Einwohnern schrumpft jedes Jahr um rund 300 Menschen – und die schmucke Altstadt verliert an Attraktivität. Um wieder mehr Leben in die Innenstadt zu bringen, haben sich engagierte Bürger etwas Besonderes einfallen lassen: Sie verwandeln die unansehnlichen „Graufenster“ der leer stehenden Läden in „Sch(l)aufenster“, in denen sich Künstler, Vereine, Schulen, Sammler und Kunsthandwerker präsentieren können.

Den Anstoß zu diesem Projekt hat der Unternehmer und Gründer der neuen Einbecker Touristenattraktion PS-Speicher, Karl-Heinz Rehkopf, gegeben. Er hatte seine einzigartige Sammlung von historischen Motorrädern in eine Stiftung eingebracht. Seit vergangenem Juli sind die mehr als 300 Exponate in dem umgebauten historischen Kornhaus in Einbeck ausgestellt. Die Erlebnisausstellung ist ein Magnet, innerhalb des ersten halben Jahres kamen mehr als 40 000 Besucher. Um diese Menschen auch in die Innenstadt zu locken, so Rehkopf, müsse das Umfeld attraktiver werden.

Mit seiner Idee stieß er sofort auf eine große Resonanz. Zahlreiche Einwohner gründeten im April vergangenen Jahres die Bürgerinitiative „Sch(l)aufenster Einbeck“. Inzwischen hat der Verein 60 Mitglieder, und er hat schon mächtig Staub aufgewirbelt – im Sinne des Wortes: Die Unterstützer putzten verdreckte Fensterscheiben, verpassten Fenster- und Türrahmen einen frischen Anstrich, brachten Lampen und Strahler an und dekorierten die Räume mit Bildern, Plakaten und den unterschiedlichsten Ausstellungsgegenständen.

Innerhalb weniger Monate hat sich das Gesicht der Einbecker Innenstadt verändert: 36 der insgesamt 54 leer stehenden Geschäfte haben wieder Schaufenster, die ihrem Namen auch gerecht werden. Wo vorher zugehängte Fenster waren, gibt es wieder was zu gucken. Einheimische Künstler präsentieren ihre Werke, Schulen und Vereine geben Einblick in ihre Aktivitäten. Einbeck scheint außerdem eine Stadt der Sammler zu sein: In einem Laden gibt es ein kleines Schreibmaschinenmuseum zu sehen, in einem anderen präsentiert der VW-Club seine Raritäten. Daneben stellt ein Einbecker-Bier-Fan seine Sammlung von Gläsern, Bierkrügen und sonstigen Gebrauchsgegenständen mit dem Motiv des Einbecker Brauhauses aus.

„Wir haben auch Handwerksbetriebe mit ins Boot geholt, die uns bei vielen Arbeiten kostenfrei unterstützen“, sagt der Vereinsvorsitzende Hans-Jürgen Kettler. Der gebürtige Einbecker, der seit einigen Jahren wieder in seiner Heimatstadt lebt, ist der Motor der Bürgerinitiative. Der umtriebige Recycling-Spezialist macht die Hausbesitzer ausfindig, wirbt um ihre Unterstützung und organisiert Materialien. Neben zahlreichen Privatpersonen und Firmen unterstützt auch das Stadtmarketing den Verein. Und inzwischen interessieren sich sogar schon andere Kommunen für das Projekt. Am meisten aber freut sich Kettler darüber, dass einige der „Sch(l)aufenster“ bereits wieder verschwunden sind: Vier ehemals leer stehende Geschäfte, die der Verein dekoriert hatte, haben neue Mieter – und werden jetzt als Büro oder Ladenlokal genutzt.

Heidi Niemann

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