Hans-Gert Pöttering

Einer war immer schon da

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Foto: Von Beruf Europäer: Hans-Gert Pöttering.

Hannover - Nach 35 Jahren ist Schluss: Hans-Gert Pöttering gibt seinen Sitz im Europäischen Parlament auf - und freut sich auf seine Zukunft.

„Ich empfinde weder Freude noch Wehmut“, sagt Hans-Gert Pöttering, wenn er über seinen bevorstehenden Abschied von der Europapolitik spricht. „Aber ich freue mich auf meine Zukunft“, fügt er hinzu. Pöttering ist der einzige Abgeordnete, der dem Europaparlament seit der ersten Direktwahl im Jahre 1979 durchgehend angehört hat.

Der Niedersachse aus dem Osnabrücker Land hat in Brüssel und Straßburg eine einzigartige Karriere erlebt. Von 1999 bis 2007 stand er als Vorsitzender an der Spitze der EVP-Fraktion, im Januar 2007 wurde er für zwei Jahre zum Präsidenten des Europäischen Parlaments gewählt – mit 100 Stimmen mehr, als für die absolute Mehrheit erforderlich waren. Ob er stolz ist auf seinen politischen Lebensweg? Stolz sei das falsche Wort, entgegnet der 68-Jährige. „Aber ich empfinde ein großes Gefühl der Dankbarkeit, das alles miterlebt zu haben.“ Am 1. Juli endet sein Mandat.

In diesen Tagen reist Pöttering quer durch Deutschland. Als Vorsitzender der Konrad-Adenauer-Stiftung stellt er landauf, landab sein neuestes Buch vor. Es trägt den Titel „Wir sind zu unserem Glück vereint. Mein europäischer Weg“ und gewährt einen guten Einblick in das Wirken eines Politikers, der über alle Parteigrenzen hinweg viel Anerkennung erfährt. Dabei hält er sich nicht mit Kritik zurück. Beispielsweise beanstandet er die Versuche des türkischen Regierungschefs Recep Tayyyip Erdogan, die Meinungsfreiheit einzuschränken.

Grundsätzlich hat Pöttering schon lange Bedenken gegen eine Aufnahme der Türkei in die EU – und sieht sich dabei durch die jüngsten Entwicklungen am Bosporus bestätigt.Pöttering scheut sich auch nicht, die Annexion der Krim durch Russland als Verstoß gegen das Völkerrecht zu brandmarken. Er lobt die französische Regierung für ihr militärisches Eingreifen in Mali und bedauert zugleich, dass Paris im Kampf gegen den Terrorismus in Afrika von seinen europäischen Partnern nur wenig Unterstützung erfährt.

In seinem Buch beschreibt Pöttering auch viele Begegnungen mit weltpolitischen Größen, von Kaiser Akihito in Japan zu den Päpsten Johannes Paul II. und Benedikt. Er freute sich immer wieder, wenn er, wo auch immer, mit Nicolas Sarkozy über europäische Probleme plaudern konnte. Doch so nett und freundlich, wie er im allgemeinen auftritt, Pöttering gibt auch deutlich zu erkennen, wen er nicht mag: die Brüder Kaczynski in Polen und den früheren tschechischen Präsidenten Vaclav Klaus. In Deutschland hat er sich in jüngster Zeit über das Bundesverfassungsgericht geärgert.

Der Grund: Es hat die Drei-Prozent-Hürde für die Europawahl kassiert. Das sei kontraproduktiv, sagt Pöttering, denn nun werde die Organisation von Mehrheiten im Europäischen Parlament erschwert. Um den Karlsruher Richtern seine Position zu erläutern, hat er ihnen kurzerhand sein Buch zugeschickt.

Hans-Gert Pöttering, Wir sind zu unserem Glück vereint. Mein europäischer Weg. Böhlau-Verlag Köln, Weimar, Wien, 570 Seiten, 29.90 Euro.

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