Dorfladen eröffnet in Bolzum

Einfach mal handeln

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Macherinnen: Frauke Lehrke (l.) und Michaela Oldeweme.

- Als in dem Dorf Bolzum bei Sehnde nach und nach alle Geschäfte schließen, entscheiden sich zwei Frauen einen Dorfladen zu gründen. Sie spuckten in die Hände, und das mehr als zwei Jahre lang. So lange dauerte es von der ersten Idee bis zur Eröffnung vor vier Wochen. Sie brachten 75.000 Euro auf, um den Laden einzurichten.

Über das Dorf Bolzum, fast 1300 Einwohner groß, ländliche Struktur, 20 Kilometer entfernt von der nächsten Landeshauptstadt, weiß das Internetlexikon Wikipedia Historisches zu berichten: „Seit etwa 10 000 vor Christus sind menschliche Ansiedlungen in der Region nachgewiesen.“ Aber nicht jede Ansiedlung bleibt. Vor zwei Jahren machte die Bäckerei dicht, damals das letzte Geschäft im Ort. Bolzum hat eine Freiwillige Feuerwehr, eine Turnhalle, Junggesellenschaft, Shantychor, überhaupt viele Vereine - und ist doch so übersichtlich, dass praktisch alle Einheimischen um die Ecke wohnen oder nebenan. Nur nebenan von einem Brötchen wohnte lange niemand mehr.

Als Michaela Oldeweme vor 15 Jahren aus dem hannoverschen Linden hierherzog, der Kinder wegen sollte es ein Haus im Grünen sein, da hatte das Dorf noch so etwas wie eine Grundversorgung. Ein kleiner Laden war da, „der hatte eigentlich alles, von Geschenkpapier bis Häkelsachen“, der Bäcker, dazu eine Gaststätte. Es genügte für den Alltag. Großeinkäufe erledigten die Bolzumer im großen Sehnde nebenan, wo sie Kofferräume verfüllten.

Allmählich verschwand ein Geschäft ums andere. Der Bäcker war der letzte, der seinen Laden schloss, das war Ende 2012, nur die Volksbank harrte noch aus. „Von da an war gar nix mehr“, erinnert sich Michaela Oldeweme. Heute kann sie herzlich darüber lachen, aber Alltag war, dass Dorfbewohner auf den Schlachter angewiesen waren, der einmal in der Woche mit seiner rollenden Theke Station in Bolzum machte. Zwei Mal pro Woche erschien noch ein fahrender Bäcker.

Aber ein Dorf ohne Geschäfte ist ein Dorf ohne Mittelpunkt. Und wenn Menschen keinen Grund mehr haben, ihr Haus zu verlassen, dann veröden Straßen, Wege und Plätze, auf denen sowieso schon nicht viel los war. Immobilienpreise können fallen, weil weniger Menschen wohnen wollen, wo sie nicht einkaufen können. Alte Einwohner haben Probleme, sich mit dem Nötigsten zu versorgen, wenn der Laden um die Ecke fehlt. Rollläden und Schaukästen ohne Inhalte sind die sichtbaren Zeichen dafür, dass sich ein soziales Gefüge ändert.

Frauke Lehrke kannte das Dorf anders, lebhafter. Sie ist Bolzumerin von Geburt, die ganze Familie ist mit dem Dorf verwurzelt, Ehrenämter eingeschlossen, von der Feuerwehr bis zur Landfrauenvereinigung. Aber ohne Läden? „Das Dorf wurde ruhiger, man sah sich nicht mehr.“ Eine alte Frau erzählte ihr, dass draußen fast nur noch Leute unterwegs waren, um ihre Hunde auszuführen. Aber mal einen Schnack beim Bäcker, eine Verabredung in der Kneipe, das konnte es nicht mehr geben, weil die Orte dafür verschwanden.

Bolzum hatte Glück. Frauke Lehrke und Michaela Oldeweme waren bereit, zuzupacken. Oldeweme stand vor der Frage, ob sie zurück nach Hannover ziehen oder in Bolzum bleiben sollte, als die Kinder groß waren. „Aber wenn Bolzum, dann sollte es lebenswert sein.“ Und Frauke Lehrke wollte etwas für das Dorf tun, weil es ihre Heimat ist. Dass im rechten Moment Räume an Bolzums Marktstraße frei wurden, die auch noch ihr gehörten, passte ins Vorhaben, einen Dorfladen zu eröffnen.

Zukunft Dorfläden

Vorbild für Dorfläden in der Region Hannover ist die Initiative in Resse (Wedemark). 90 Bürger beteiligten sich mit je 3000 Euro und bauten, genossenschaftlich organisiert, ein eigenes Haus. Die Gemeinde verzichtet zunächst auf Pacht. In Fuhrberg (Burgwedel) entstand ein ähnliches Modell. In Altenhagen I (Springe) betreibt eine Initiative seit vergangenen September einen Dorfladen. In Mariensee (Neustadt am Rübenberge) sammeln Ehrenamtliche Geld, um ebenfalls einen Lebensmittelladen aufzumachen.

Sie spuckten in die Hände, und das mehr als zwei Jahre lang. So lange dauerte es von der ersten Idee bis zur Eröffnung vor vier Wochen. Auf Bürgerversammlungen erfuhren die Frauen, dass die Leute im Dorf sich einen Laden mit Backwaren wünschten, der gleichzeitig ein Treffpunkt sein sollte. Sie holten sich professionelle Beratung beim Dorfladen-Netzwerk und der Region Hannover. Frauke Lehrke, Dozentin an der Leibniz-Universität, bat Studenten, mit Fragebögen das Interesse der Bevölkerung auszukundschaften. Fast die Hälfte schickte Bögen zurück, 89 Prozent von ihnen wollten einen Dorfladen. Das war schon einmal ein ermutigendes Zeichen. Das hätte ja noch gefehlt, einen Dorfladen zu eröffnen und dann merken: Es kommt fast keiner.

Axel Priebs, Planungsdezernent bei der Region Hannover, glaubt, dass bei den Menschen vor Ort ein neues Bewusstsein wächst: „Es gibt eine Zwischengröße zwischen optimaler Versorgung großer Märkte und null Versorgung.“ Dorfläden seien so ein Mittelding, besonders wenn sie mit einem Treffpunkt verbunden seien. Dörfer, sagt Priebs, brauchen einen sozialen Mittelpunkt. Mit Glück finden sich dann Bewohner zusammen, die bereit sind, ehrenamtlich zu arbeiten.

Vom Interesse der Bewohner ließen sich in Bolzum auch einheimische Investoren überzeugen. Sie brachten 75 000 Euro auf, um den Laden überhaupt einzurichten. Da dachten Michaela Oldeweme und Frauke Lehrke und ein größer werdender Kreis von Initiatoren, dass es nun klappen könnte mit dem Plan. Aus der dunklen Wohnung wurde ein heller Laden gezimmert, etliche Bolzumer halfen freiwillig und kostenlos mit. In der Geschäftsführung schlugen sich Laien unterdessen mit bürokratischen Hürden herum. Hygienevorschriften, Personalwesen, Mindestlohngesetz, Minijobs, Toilettenregeln, Brandschutz und Fluchtwege. Michaela Oldeweme musste erfahren, dass es egal ist, ob man einen Supermarkt auf 2000 Quadratmetern eröffnet oder 160 Quadratmeter mit Grundversorgung und angeschlossenem Café. Aber es war ja längst kein privates Vergnügen mehr. Die Dorfladen UG suchte aus 26 Bewerberinnen sechs Verkäuferinnen aus, vier von ihnen arbeiten jetzt in sozialversicherungspflichtigen Jobs. Frauke Lehrke fragt sich inzwischen, ob sie nicht von jetzt auf gleich der größte Arbeitgeber in Bolzum geworden sind.

„Acht Sorten Joghurt reichen“

Günter Lühning vom Vorstand des Dorfladen-Netzwerks im Interview:

Herr Lühning, wie gelingt es Bürgern in einem kleinen Örtchen, einen funktionierenden Dorfladen aufzubauen? Wer glaubt, er kann mal eben ein kleines Geschäft eröffnen und etwas mehr als Brot hinstellen, der wird schon mal scheitern. Ganz entscheidend ist, dass man die Einwohner einbindet, sei es als Investoren oder als spätere Kunden. Man muss den Leuten sagen: Es kann sein, dass eingezahltes Geld verloren geht. Die höchste Rendite ist die verbesserte Lebensqualität. Und die Kunden dürfen später nicht nur HIV-Produkte kaufen.

Was sind denn HIV-Produkte? Kondome? Hab-ich-vergessen-Produkte. So nennen wir es scherzhaft, wenn Kunden im Dorfladen nur holen, was sie woanders im Supermarkt vergessen haben. So kann ein Dorfladen nicht überleben.

Ein großes Sortiment wäre deshalb nützlich? Ja, und es muss attraktiv sein. Trockenwaren in komischen Regalen dargeboten – das genügt nicht. Das Sortiment in einem Dorfladen sollte schon so sein, dass sich Kunden vollumfänglich versorgen können, mehr als 1000 Produkte gehören dazu. Es müssen nicht 30 Sorten Joghurt sein, acht reichen auch. Wichtig ist, dass die Betreiber einen guten Lieferanten und regionale Produkte haben. In den vergangenen Jahren hat sich außerdem herausgestellt, dass ein Café wichtig ist, als Treffpunkt für die Menschen, und um Kundschaft in den Laden zu bringen.

Wann gründen sich in der Regel Dorfläden? Das passiert meist dann, wenn der letzte Laden in einem Ort verschwunden ist. Manchmal auch dann, wenn es zum Beispiel nur noch einen Schlachter gibt.

Sie haben viel Erfahrung mit Dorfläden gesammelt. Gibt es noch einen Faktor, den Sie für einen erfolgreichen Laden für notwendig halten? Ganz wichtig ist das Personal im Geschäft. Mitarbeiter müssen ihren Arbeitsplatz schon als etwas Besonderes verstehen, nicht so, als wären sie in einem anonymen Supermarkt angestellt. Die müssen auch Dorfschnack können.

Wo der Kapitalismus kein Interesse mehr hat, müssen also Bürger vor Ort einspringen. Im Ehrenamt oder mit Anteilsscheinen wie in Bolzum, die es für 300 Euro pro Stück gibt. Oder als Angestellte. So wie Sandra Feldmann, die an diesem Tag neben Sandra Feldmann hinterm Tresen steht. Dass zwei Bolzumerinnen denselben Namen haben, liegt daran, dass Frau Feldmann mal den Bruder von Frau Feldmann geheiratet hat. Jetzt stehen sie hier in roten Schürzen und verkaufen, was die Leute wollen. Frisches Fleisch, Tiefkühlpizza, Wein, Brot und Butter und noch viel mehr. Wenn irgendwas nicht da ist, schreiben sie es auf und bestellen es, wenn möglich. Manches gibt es auch im Kiosk um die Ecke, der während der Gründungsphase des Dorfladens öffnete, mit Postannahmestelle und Lottoannahme.

„Noch ein Grund weniger, nach Sehnde zu fahren“, sagt Frauke Lehrke. Die gebürtige Bolzumerin hat schon gemerkt, dass sich im Dorf die Laufwege ändern, den neuen Ansiedlungen sei Dank. Die Menschen haben neue Anlässe, ihre Häuser zu verlassen.

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