Billiglöhner

Am Ende der Nahrungskette

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Foto: Attila H.beutete jahrelang Billiglöhner in der Fleischindustrie aus – und machte damit Millionen.

Oldenburg - In Niedersachsens Fleischindustrie ist Attila H. reich geworden – durch Ausbeutung von Billiglöhnern. Der Fall wirft ein Schlaglicht auf die Branche.

Große Summen zu besorgen war offenbar nicht schwer. Ein Anruf bei der Bank, und zwei Tage später konnte Attila H. aus Cloppenburg seinen Koffer mit Geldscheinen füllen. Jeden Monat wieder. 100 000, 800 000, eine Million Euro – kein Problem, auch nicht in der niedersächsischen Provinz. Bargeld, das man leicht am Fiskus und an den Sozialkassen vorbeischleusen kann, war wichtig für die Geschäfte des Ungarn. Bis zu einer Million Euro, das hat ein Anwalt aus Löningen der Polizei bestätigt, hat sich der Mann monatlich in drei kleinen Filialen im Kreis Cloppenburg geholt. Ein Zeuge spricht sogar von bis zu zwei Millionen.

Jetzt beschäftigt sich die Staatsanwaltschaft mit Attila H.s Geschäften in der Fleischbranche. Der Fall taugt als Sittengemälde; er wirft ein Schlaglicht auf einen Industriezweig, der von Billighei­merei, gnadenlosem Konkurrenzkampf und Lohndumping geprägt ist. Einer Branche, in der es um Fressen und Gefressenwerden geht. An dem einen Ende der Nahrungskette stehen all die Kunden, die an der Fleischtheke vor allem günstig einkaufen wollen. Irgendwo am anderen Ende der ökonomischen Maschinerie finden sich die schlecht bezahlten Schlachthofarbeiter wieder – und irgendwo dazwischen gibt es Figuren wie Attila H.

Dessen ehemaliger Vorarbeiter belastet seinen früheren Boss schwer. Er, der einmal Trinkkumpan, Vertrauter und so etwas wie ein Bodyguard gewesen sein will, hat den Ermittlern von den Abhebungen erzählt. Und auch, wie H. mit Lohnzahlungen in bar über Jahre seine Arbeiter und den Staat hinters Licht geführt haben soll. Er ist der Hauptbelastungszeuge der Staatsanwaltschaft Oldenburg. Es geht um Sozialversicherungsbetrug und Steuerhinterziehung – Vorwürfe, die im Dunstkreis der großen Schlachthöfe immer wieder erhoben werden. Mit dem 39-jährigen Ungarn hat die Staatsanwaltschaft dieses Mal einen der großen Subunternehmer im Geschäft mit Billiglohnarbeitern aus Osteuropa am Haken – und darum, so heißt es, herrscht Unruhe in Niedersachsens Fleischbranche.

6.000 Osteuropäer schleuste H. nach Niedersachsen

Im Wettbewerb um billiges Fleisch ist H. einer von denen, die dafür zuständig sind, möglichst viele Zerleger aus Osteuropa heranzuschaffen. Die Osteuropäer mussten für wenig Geld an den Schlachtbänken schuften, ihr Boss hingegen wurde reich. Ein Ermittler schätzt sein Privatvermögen auf zwei Millionen Euro. Der Zeuge berichtet von einer Loge im Stadion eines Fußball-Bundesligisten, von teuren Autos und Immobilien. Offenbar hat H. seine Arbeiter um einen Teil ihrer Gehälter betrogen, dabei Sozialleistungen unterschlagen und Steuern hinterzogen, glaubt die Staatsanwaltschaft.

Attila H. ist erst 2005 in Niedersachsen aufgetaucht. Danach hat er nur wenige Jahre gebraucht, um so weit zu kommen. Dafür war das Bargeld wichtig. Eine Sparkasse und zwei Volksbanken in Cloppenburg und Essen/Oldenburg haben H. immer wieder mit frischen Scheinen versorgt. Mit dem Geld im Koffer ist H. von Schlachthof zu Schlachthof gefahren; von Cloppenburg nach Garrel, nach Essen/Oldenburg, nach Sögel. Er hat damit seine Arbeiter bezahlt und von den Löhnen angeblich auch immer etwas für sich abgezweigt. „Die Barauszahlungen hatten aus meiner Sicht nur ein Ziel: mit wehrlosen und abhängigen Werkarbeitern viel Geld zu verdienen“, glaubt der Cloppenburger SPD-Kreistagsabgeordnete Detlef Kolde, der seit Jahren gegen die Machenschaften der Fleischmafia in Cloppenburg kämpft. Etwa 6000 Osteuropäer soll H. seit 2005 nach Niedersachsen geschleust und wieder nach Hause geschickt haben, behauptet der Belastungszeuge.

Die Firmen des Ungarn schließen Werkverträge mit Schlachthöfen, die beim Stammpersonal sparen. Wird etwa das Abtrennen von 60 000 Schweineschinken zum Festpreis an eine Fremdfirma vergeben, kommt H. mit seinen Billiglohnarbeitern ins Spiel. Der Fall sei symptomatisch für die Branche, in der es nur noch darum gehe, immer billiger zu produzieren, sagt Kolde. „Den Konzernen ist egal, wie die Werkvertragsarbeiter bezahlt werden.“ Die Schlachtbetriebe hat offenbar kaum gekümmert, was H. in ihren Räumen trieb.

Der Hauptbelastungszeuge war nach eigenen Angaben dabei, wenn in Essen/Oldenburg Zahltag war: Im Schlachthof stand dafür eigens ein Raum zur Verfügung. Dort mussten die Osteuropäer nach den Schilderungen Schlange stehen und einzeln eintreten. Sie mussten die Lohnzettel blanko quittieren, sonst gab es kein Geld. Nachträglich wurden Fantasiesummen eingetragen, der Boss soll von den Gehältern große Summen für sich abgezweigt haben, behauptet sein früherer Vorarbeiter. H.s Anwalt bestreitet das. Doch seitdem das mit den Barzahlungen ruchbar wurde, haben die Arbeiter plötzlich Gehaltskonten.

Wussten die Banken von der Ausbeutung?

Die Staatsanwaltschaft in Oldenburg hat H. seit Mitte August im Visier. „Auf Barzahlungen für Überstunden sollen keine Sozialabgaben entrichtet worden sein“, sagt Oberstaatsanwalt Roland Herrmann. Außerdem soll H. seinen Arbeitern bei Krankheit und Urlaub rechtswidrig den Lohn gekürzt haben. Laut Herrmann ist den Sozialkassen vermutlich ein Schaden im sechsstelligen Bereich entstanden. Im Fall einer Verurteilung drohen ihm bis zu fünf Jahre Haft. Ein Ermittlungsverfahren wegen Steuerhinterziehung in Millionenhöhe läuft schon etwas länger. Ob die Banken davon wussten, ist unklar. Sie wollen sich nicht äußern. Auch der Anwalt des Ungarn schweigt.

Dafür spricht der Vorarbeiter. Etwa 180 000 bis 200 000 Euro habe der Boss von seinen Touren mit dem Geldkoffer Monat für Monat nach Hause gebracht. Das Geld habe er in seiner Wohnung in Cloppenburg zwischengelagert. Anschließend ist es wohl größtenteils in der ungarischen Heimat gelandet. Glaubt man dem Zeugen, und die Polizei hält ihn für glaubwürdig, hat H. alle zwei Monate an die 400 000 Euro ins Ausland geschafft. Zum großen Teil könnte es sich dabei um Geld handeln, das H. vom Lohn der Arbeiter einbehalten hat, ohne dies auf dem Gehaltszettel zu vermerken. Für die Miete in Schrottimmobilien wurden den Osteuropäern nach Angaben des Vorarbeiters 100 bis 170 Euro abgezogen. Passenderweise besitzt H. gleich mehrere Firmen, die Immobilien verwalten. Für die Fahrt von der Wohnung zum Schlachthof wurden angeblich 50 Euro im Monat berechnet. Heimfahrten nach Rumänien oder Bulgarien wurden nach Angaben des Zeugen mit 120 Euro verbucht. So steht es im Vernehmungsprotokoll.

Während seine Arbeiter in zweifelhaften Immobilien hausten, soll H. in Ungarn jederzeit eine Million Euro flüssig haben. Es soll zwei Bürogebäude in Budapest geben, eine Villa in Kecskemét, teure Autos, ein Jagdhaus, das auf den Namen des Schwiegervaters läuft. Weitere Immobilien soll H. seinem Schwiegervater sowie seinem Vater übertragen haben. Ende September hat der Zoll die Geschäftsräume des Ungarn in Cloppenburg durchsucht, mindestens fünf Firmen von H. laufen unter der Adresse. Durchsucht wurde auch der Schlachthof von Danish Crown in Essen/Oldenburg. Gesucht wurde nach belastenden Unterlagen, die bis 2008 zurückreichen – alles davor ist verjährt. Ein Sprecher von Danish Crown erklärt, zum damaligen Zeitpunkt habe der Schlachthof noch anderen Eigentümern gehört. Man verfolge die Ermittlungen und werde sehen, was sie ergeben. Möglicherweise haben die Fahnder auch bei H. nicht viel Belastendes gefunden.

Der Osnabrücker Rechtsanwalt Jens Meggers wirft der Staatsanwaltschaft vor, die Ermittlungen gegen H. viel zu spät aufgenommen zu haben. Seit Januar sind die Vorwürfe bei der Polizei aktenkundig. Sein Mandant, der ehemalige Vorarbeiter, habe den Ermittlungsbehörden von Anfang an brisantes Insiderwissen zur Verfügung gestellt. Weder Staatsanwaltschaft noch Steuerfahndung hätten reagiert. Stattdessen wurde der frühere Vorarbeiter angeklagt – mit verheerendem Ergebnis. Der Mann wurde im Sommer vor dem Landgericht Oldenburg freigesprochen, auch auf Antrag der Staatsanwaltschaft. Die vorsitzende Richterin Judith Blohm riet eindringlich, lieber bei H. genauer hinzusehen. Seitdem ermittelt die Behörde. Rechtsanwalt Meggers fürchtet, dass H. in der Zwischenzeit alles Belastende beiseitegeschafft haben dürfte.

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