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Endlose Suche nach vermissten Kindern

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Foto: Mitten in Deutschland: Von 1946 Kindern auf der aktuellen Vermisstenliste des Bundeskriminalamts fehlt jede Spur.

Hamburg - Lars Bruhns hat weder ein politisches Amt noch ein Mandat. Aber manchmal vertritt er Deutschland. Ganz allein. Kürzlich, über Pfingsten, hat er das mal wieder getan, stets im Einsatz für vermisste Kinder.

Zwei Tage lang diskutierten Delegationen aus 17 Ländern auf Einladung der EU-Kommission in Brüssel über die Frage, wie man gemeinsam schnelle Hilfe organisiert, wenn Kinder verschwinden. Das Nachbarland Polen hatte mit einem guten Dutzend Regierungsvertretern und Mitgliedern von Nichtregierungsorganisationen die größte Delegation geschickt. Für Deutschland war einzig Lars Bruhns aus dem Örtchen Kisdorf bei Segeberg angereist.

Bruhns erzählt dies gut gelaunt, ohne Zorn. Vielleicht weil sich der 32-Jährige daran gewöhnt hat, bei der Bundesregierung abzublitzen, wenn er um Unterstützung bittet. Vielleicht, weil seine Initiative „Vermisste Kinder“ eine Herzenssache ist, oder vielmehr eine Lebensaufgabe, seit vielen Jahren. Täglich werden 200 bis 300 Kinder bei der Polizei als vermisst gemeldet. Die meisten tauchen wieder auf, schon nach wenigen Stunden, wohlbehalten. Es sind Ausreißer, die verschwinden, weil sie der Liebeskummer plagt, weil sie in der Schule nicht klarkommen oder weil sie sich zu Hause alleingelassen fühlen. Einige wenige werden Opfer einer Straftat, wie 2010 der zehnjährige Mirco aus Grefrath oder Nina und Tobias aus Bodenfelde im selben Jahr.

1946 Kinder und Jugendliche – 558 sind noch nicht einmal 13 Jahre alt – stehen auf der aktuellen Vermisstenliste des Bundeskriminalamts. Von ihnen fehlt jede Spur.

Katrin Konert war 15 Jahre alt, als sie verschwand. Am Neujahrstag vor elf Jahren schickte sie von ihrem Handy eine SMS an eine ihrer Schwestern, um mitzuteilen, dass sie in ein paar Stunden zu Hause sei. Es war das letzte Lebenszeichen von ihr. Die Polizei ermittelte später, dass sie an diesem Abend nach einem Treffen mit ihrem Freund in Bergen nach einer Mitfahrgelegenheit Ausschau hielt, da der Bus ins Heimatdorf nicht mehr fuhr. Die monatelange Suche nach Katrin, an der sich auch die Initiative „Vermisste Kinder“ beteiligte, blieb erfolglos.

Lars Bruhns kann sich noch gut an den intensiven Kontakt zu der Familie erinnern. „Man ahnt nicht, wie allein und verzweifelt die Eltern sind, deren Kind verschwunden ist“, sagt er. „Viele kommen mit dem Leben nicht mehr klar, weil es keinen Abschluss gibt; viele Ehen scheitern.“ Auch die Geschwister trügen eine schwere Last.

Als Katrin verschwand, war die Initiative gerade einmal vier Jahre alt. Der spektakuläre Dutroux-Fall in Belgien hatte die Mutter von Lars Bruhns derart berührt, dass sie 1997 beschloss, gemeinsam mit ihrem Mann und Mitstreiterinnen des Kinderschutzbundes den Verein zu gründen. Mutter Bruhns, die damals eine Psychiatrieeinrichtung leitete, wollte keine Hobbyermittlerin sein, sondern Eltern beistehen. Sie startete eine Suchplattform im Internet; kaum waren die ersten Berichte über die Initiative erschienen, stand bei Familie Bruhns das Telefon nicht mehr still. Eltern, deren Kinder verschwunden waren, suchten Rat. 73 Fälle hat die Initiative in den vergangenen Jahren aufgeklärt.

Die 13-jährige Johanna aus Lübeck verschwand im Frühjahr 2008, ohne eine Mitteilung zu hinterlassen. Die Handy-Ortung führte die Polizei nach Düsseldorf. Bruhns und sein Team hängten in der Region Großplakate mit Johannas Bild auf und veröffentlichten die Suchmeldung übers Internet. Nach dem Hinweis einer Frau, die meinte, die Vermisste gesehen zu haben, entdeckte die Polizei Johanna in einer verlassenen Schule, in der sie mit einem 21-Jährigen zusammenlebte. Wie sich herausstellte, war der junge Mann, den sie übers Internet kennengelernt hatte, ein vorbestrafter Sexualtäter. Fünf Wochen nach ihrem Verschwinden kam Johanna zu den Eltern zurück; allerdings gegen ihren Willen.

„Es sind Schicksale, die die Seele berühren“, sagt Bruhns. Seit 2005, seit dem Tod seiner Mutter, ist er Vorsitzender des Vereins. Damals brach er sein Jurastudium ab, zog wieder beim Vater in Kisdorf ein und lebt seitdem vom Erbe seiner Mutter, um ihr Werk fortzusetzen. Eigentlich hatte er keine andere Wahl. „Während der Pubertät wollte ich unbedingt unsozial sein“, bekennt er lachend. „Das klappte nicht.“ Drei Firmen hat er inzwischen als Sponsoren gewonnen. Die Ströer AG in Hamburg stellt ihm kostenlos ein Büro mit Telefon zur Verfügung. 24 Helferinnen stehen ihm zur Seite, durchweg Damen jenseits der 70 mit großem Herz. Jede hilft nach ihren Fähigkeiten; so übersetzt eine frühere Chefsekretärin die Briefe und E-Mails ins Englische. Alle arbeiten unentgeltlich.

Lars Bruhns hat die Suche perfektioniert. „Die ersten Stunden sind entscheidend“, sagt er. Binnen kürzester Zeit nach einer Mitteilung der Polizei, einem Anruf von Eltern oder einem Hinweis des Weißen Rings werden Plakate gedruckt und Steckbriefe der verschwundenen Kinder über die Bildschirme auf Bahnhöfen geschickt. Lars Bruhns war der Erste, der das soziale Netzwerk Facebook nutzte, um Kinder ausfindig zu machen. Die Internetseite des Vereins mit Profilen der Vermissten hat 150.000 Unterstützer, jeder von ihnen hat mehr als 100 „Freunde“. In vier Fällen gelang es bereits, mittels Facebook Kinder zu ihren Eltern zurückzubringen.

Dazu gehört Sharon. Sie wurde von ihrem Vater in die USA und nach Mexiko entführt und dort 16 Monate lang unter falschem Namen versteckt gehalten. Eine Nachbarin, die sich wunderte, dass das kleine Mädchen nebenan immer einen anderen Namen nannte und nur Deutsch sprach, suchte im Internet und stieß auf die Vermisstenanzeige. Sharon kehrte zu ihrer Mutter zurück.

Die Entführung des eigenen Kindes durch ein Elternteil ins Ausland kommt immer öfter vor. Etwa 500 Kindesentzugsfälle sind derzeit anhängig. Nicht immer enden sie so glücklich wie im Fall von Sharon. Sinah wurde mit acht Jahren von ihrem libanesischen Vater in sein Heimatland verschleppt. Lars Bruhns beschloss gemeinsam mit Sinahs verzweifelter Mutter, in den Libanon zu reisen, um ohne langjähriges Verfahren eine Verständigung zu erreichen. Tatsächlich gelang es ihnen, Vater und Tochter in einem kleinen Ort im Süden des Landes ausfindig zu machen. Tagelang wurde mit dem örtlichen Mufti, dem Ortsvorsteher und dem Vater über die Herausgabe des Kindes verhandelt. Am Ende einigte man sich darauf, dass Sinah wieder nach Deutschland kommt und bei der Mutter lebt. Dem Vater wurden Straffreiheit und feste Besuchszeiten zugesichert. Bruhns hatte ihm sogar noch einen Arbeitsplatz in Deutschland besorgt. Am Tag nach dem Friedensschluss verschwand der Vater – und mit ihm Sinah. Spurlos.

Es sind Niederlagen wie diese, die Bruhns noch lange verfolgen. Aber er wird nicht aufgeben. Solange das Erbe seiner Mutter reicht, will er weitermachen. Er schränkt sich ein. Auch die Mutter, sagt er, sei ein Sparfuchs gewesen. Ferien hat er schon lange nicht mehr gemacht. „Mein Urlaub ist eine Konferenz in Brüssel.“

Die Konferenz zu Pfingsten war bereits die zweite, die sich mit einem europaweiten Alarmsystem beschäftigte. Die erste Konferenz, an der Bruhns teilnahm, fand vor vier Jahren statt. Damals entstand die Idee, eine Hotlinenummer einzuführen, unter der Eltern von jedem Ort in der EU telefonisch Hilfe bekommen können. Die Notrufnummer 116 000 funktioniert mittlerweile in 15 Ländern. Nicht überall war der Start problemlos. 2010 mahnte EU-Kommissarin Viviane Reding Deutschland, die Nummer endlich durch die Bundesnetzagentur formell zuzuteilen.

Bruhns kennt die Geschichte aus dem Effeff. Monatelang kämpfte er um die Freischaltung der Nummer. Er schrieb an die Bundesjustizministerin, die mitteilen ließ, dass so etwas von der Polizei erledigt werde. Schließlich zahlte der Vater von Bruhns die Verwaltungskosten von etwa 7000 Euro aus eigener Tasche, um die Nummer zugeteilt zu bekommen. In Frankfurt fand die Initiative ein Unternehmen, das seit 2011 unentgeltlich rund um die Uhr mit geschulten Mitarbeitern die Anrufe über die Hotline entgegennimmt. Die Telekom stellt für die Anrufe aus ihrem Netz keine Rechnung aus. Für Anrufe aus allen anderen Netzen zahlt die Initiative die Gebühren.

Kürzlich konnte sich Bruhns doch noch über ein wenig Anerkennung freuen. Die von der Bundesregierung und der Industrie getragene Initiative „Deutschland – Land der Ideen“ nahm das Hamburger Projekt in die Riege der Prämierten auf. Die Onlinesuchaktion sei einzigartig und das weltweit größte Netzwerk zur Suche von vermissten Kindern, heißt es in der Begründung. In solchen Momenten fühlt sich Lars Bruhns gestärkt. „Das Leben“, sagt er, „ist arg kurz.“ Man sollte etwas Gutes damit anfangen.

Unter www.vermisste-kinder.de und www.deutschland-findet-euch.de finden betroffene Eltern Kontaktadressen und Rat für die wichtigen ersten Stunden nach dem Verschwinden eines Kindes.

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