Windpark vor Borkum

Ein Energieriese - nur ohne Stecker

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Der Windpark Riffgat 15 Kilometer vor Borkum ist fertig. Strom kann er noch nicht liefern, weil der Netzanschluss fehlt.

Hannover - Eigentlich sollte es eine Freudenfeier werden. Schließlich beginnt mit der offiziellen Eröffnung des Windparks Borkum Riffgat am Sonnabend eine neue Phase der Offshore-Technik. Deutschlands erster kommerzieller Windpark in der Nordsee ist startbereit. Doch das Projekt hat einen Makel.

Die 30 Windräder 15 Kilometer vor der Insel haben keinen Netzanschluss - und das wird noch Monate so bleiben. Beim Windparkbetreiber EWE in Oldenburg sind sie stinksauer. In nur 14 Monaten hat der regionale Stromversorger die 120 Meter hohen Windgiganten errichtet. Der Park, der Energie für bis zu 120.000 Haushalte liefern kann, sollte ein Meilenstein der deutschen Energiewende werden. Und jetzt das. Statt Strom zu produzieren, verbrauchen die Anlagen nun erst einmal welchen. „Wir müssen Dieselaggregate anwerfen, um die Lager zu bewegen, sonst rosten sie in der salzigen Seeluft“, sagt Unternehmenssprecher Christian Blömer. Das verursacht Kosten und schadet dem Image. „Was das für ein Bild für die Offshore-Windkraft abgibt, kann sich jeder ausmalen.“

Verantwortlich für den Stillstand ist Netzbetreiber Tennet. Bis März 2013 wollte das niederländische Staatsunternehmen Borkum Riffgat angeschlossen haben. Nun soll sich EWE noch ein gutes halbes Jahr gedulden. „Wir planen, den Netzanschluss bis Mitte Februar 2014“, sagte Unternehmenssprecherin Henrike Lau auf Anfrage. Für EWE ist dieser Termin neu. Bislang hatte das Unternehmen keine Information darüber, wie lange sich die Verzögerung hinzieht. „Wir können diesen späten Anschlusstermin nicht nachvollziehen“, sagt Sprecher Blömer zu dem nun genannten Termin.

Tennet macht Munitionsfunde auf dem Meeresgrund und schlechtes Wetter für den Aufschub verantwortlich. Beim Verlegen des Kabels sei unerwartet viel Munition aus dem Zweiten Weltkrieg gefunden worden, die Bergung sei problematisch gewesen, berichtet Lau. Auch habe es Probleme mit der Beschaffung von Kabelverlegerschiffen gegeben. „Vorhersagen über die Fertigstellung der Stromtrassen sind extrem schwierig“, betont Lau.

In der Branche gibt man sich damit nicht zufrieden. Tennet, der einzige zugelassene Netzbetreiber in der Nordsee, sei finanziell überfordert, betreibe Rosinenpickerei und habe mit seinem Druck für die Ende 2012 beschlossene Neuregelung der Haftungsumlage die Strompreise für die Verbraucher in die Höhe getrieben, wird kritisiert. Dass der Ausbau der Offshore-Windkraft weit hinter den Plänen der Bundesregierung zurückliegt, ist aber nicht nur Tennet anzulasten. Auch die Politik ist nach Ansicht von Branchenkennern mitverantwortlich dafür, dass es nicht weitergeht. Bis 2020 sollen 10 000 Megawatt Leistung installiert sein. Kaum jemand rechnet in der Branche noch damit, dass dieses Ziel erreicht wird. Intern ist längst nur noch die Rede von 6000 Megawatt.

Bei den Bürgern wächst die Skepsis gegenüber der teuren Offshore-Technik mit dem Anstieg der Strompreise. Umweltschützer halten die Aufrüstung dezentraler Windanlagen an Land für sinnvoller. Die Idee einer Strompreisbremse, die Bundesumweltminister Peter Altmaier aufgebracht hat, hat nun auch Investoren verunsichert. Viele Windparkpläne liegen auf Eis.

Auch EWE will sich nicht mehr an weiteren Anlagen auf See beteiligen. Den Stimmungsumschwung bekommen Anlagen- und Fundamentebauer wie die Firma Cuxhaven Steel Construction (CSC) oder die Emder Nordseewerke hart zu spüren. Ihnen fehlen Folgeaufträge, Hallen und Hafenanlagen liegen brach, viele hundert Beschäftigte verloren ihren Job.

Hat der Hoffnungsträger Offshore-Windkraft seine besten Zeiten schon hinter sich? Ronny Meyer, Geschäftsführer der WAB Windenergieagentur in Bremerhaven, die mehr als hundert Windkraftfirmen vertritt, bleibt optimistisch. Es gebe bei allem Frust auch gute Zeichen, sagt er. „Sechs weitere Windparks vor der Küste werden in den nächsten eineinhalb Jahren fertig.“ An der Technik liege die Offshore-Flaute nicht, betont Meyer. „Es funktioniert, und wir haben das Know how - aber die Investoren sind verunsichert“, sagt er. Vor allem die Ankündigung einer Strompreisbremse habe die Branche abgeschreckt. Darunter leide auch Tennet. „Denn wenn die Investoren abspringen, bedeutet das verlorene Kosten für den Netzbetreiber.“

In der rot-grünen Landesregierung beobachtet man die Entwicklung mit Unbehagen - sollten doch die Offshore-Firmen den gebeutelten Werftstandorten neuen Auftrieb geben. Allein in die Ertüchtigung des Hafens Cuxhaven hat das Land 125 Millionen Euro gesteckt, damit dort die schweren Fundamente auf Schiffe geladen werden können.

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