Weiterer Schwerverbrecher ausgebrochen

Erneute Flucht aus Niedersachsens Justizvollzug

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Der Häftling entkam aus dem Maßregelvollzug in Moringen.

Moringen - Spektakuläre Flucht mit einem riskanten Sprung von der Gefängnismauer: Ein 30-Jähriger ist aus Niedersachsens größtem Maßregelvollzug geflohen. Nun soll die Sicherheit verbessert werden.

Mit einem selbst gebastelten Seil aus Bettlaken sowie einem Wurfanker aus Gartengerät ist einem Schwerverbrecher die Flucht aus Niedersachsens größtem Maßregelvollzugszentrum in Moringen (Landkreis Northeim) geglückt. Sein Entkommen wurde erst Samstagmorgen entdeckt, wie ein Behördensprecher am Mittwoch mitteilte. Der 30 Jahre alte Tschetschene war nach einem riskanten Sprung an eine Straßenlaterne entkommen. Seine spektakuläre Flucht wurde knapp eine Woche nach dem Verschwinden eines 63-jährigen Straftäters im Trubel der Einheitsfeier in Hannover bekannt.

Beide Flüchtlinge wurden nun zur öffentlichen Fahndung ausgeschrieben. Das Innenministerium verwies wegen der späten Bekanntmachung des Falls auf bundesweit geltende Regeln und Vorschriften, die mit der Justiz abgestimmt seien.

Der 30 Jahre alte Tschetschene wurde wiederholt wegen schwerer Straftaten verurteilt und befindet sich wegen seiner Drogenabhängigkeit im geschlossenen Maßregelvollzug. Nach Angaben des Sozialministeriums handelt es sich bei den Straftaten um erpresserischen Menschenraub, vorsätzliche Körperverletzung, Computerbetrug und vorsätzliches Fahren ohne Führerschein. Der Mann war 2004 als Flüchtling anerkannt worden, doch war der Flüchtlingsstatus Anfang 2013 widerrufen worden. Wegen eines Einspruches wurde er aber nicht abgeschoben.

Justizministerin Antje Niewisch-Lennartz (Grüne) unterrichtete am Mittwochmorgen den Rechtsausschuss des Landtags über die Flucht des 63-jährigen Sicherungsverwahrten, der unter anderem wegen Totschlags verurteilt wurde. Er war bei einem Freigang am Rande der Einheitsfeiern während eines Gangs zur Toilette entwischt. Danach hatte das Justizministerium neben personellen Konsequenzen angekündigt, dass es nun landesweite Standards für Ausgänge von Gewalttätern und Sicherungsverwahrten geben soll. Außerdem bekommt das Gefängnis in Rosdorf bei Göttingen einen eigenen Leiter für die Abteilung, in der ehemalige Gefangene nach ihrer Haft auf unbestimmte Zeit in Sicherungsverwahrung sitzen.

Der Verband der niedersächsischen Strafvollzugbediensteten hielt der Ministerin am Mittwoch vor, den Vorfall ohne persönliche Anhörung der Anstaltsleitung und einer Prüfung vor Ort „skandalisiert in den Medien zu bewerten.“ Sie beweise damit kein Rückgrat. Wörtlich heißt es in der Erklärung des Verbands: „Man könnte den Eindruck gewinnen, dass durch die skandalöse Öffentlichkeitsarbeit von Frau Niewisch-Lennartz von eigenen Problemen abgelenkt werden soll.“

Sowohl die CDU wie auch die FDP warfen der Ministerin nach ihrer Anhörung Tatenlosigkeit vor. Erst Ende Mai hatte ein Straftäter aus Lingen bei einem Freigang eine 13-Jährige missbraucht. Er flüchtete und stellte sich erst Tage später. Bereits damals hatte die Opposition im Landtag der Ministerin Versagen vorgeworfen. Der parlamentarische SPD-Geschäftsführer Grant Hendrik Tonne hielt dagegen der CDU Populismus vor: „Die jüngsten Aussagen der CDU zu einer vermeintlich zu späten Öffentlichkeitsfahndung sind nichts anderes als die Aufforderung zum Rechtsbruch.“ Eine öffentliche Fahndung unterliege klaren juristischen Vorgaben.

Aus der Anstalt in Moringen sowie aus anderen Einrichtungen kam es immer wieder zu Ausbrüchen. 2014 gab es landesweit 14 Fluchten, im Vorjahr waren es 33, davor 16. Laut Ministerium sind abgesehen von dem 30-Jährigen und einem weiteren Fall alle Ausbrecher im laufenden Jahr entweder wieder festgenommen worden oder sie kehrten freiwillig zurück. Nach der jüngsten Flucht wird die Anwesenheitskontrolle strenger gehandhabt. Zudem dürfen Insassen den Innenhof nur in Begleitung betreten. Auf dem Dach soll es neue Sicherungen geben.

dpa/r.

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