„Krasses Fehlurteil“

Experte verurteilt Haftstrafe für Seismologen

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Dreieinhalb Jahre nach einem schweren Erdbeben in den Abruzzen sind sieben Experten wegen ungenügender Warnung vor Erdstößen zu jeweils sechs Jahren Haft verurteilt worden.

Hannover /L'Aquila - Das italienische Urteil, nach dem Experten wegen angeblich ungenügender Warnungen vor dem Erdbeben 2009 in Haft sollen, empört viele Wissenschaftler. Sie befürchten, dass das Urteil gravierende Auswirkungen auf Erdbebenwarnungen haben würde.

Scharfe Kritik an der Verurteilung von Seismologen nach einem Erdbeben in Italien kommt von der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR). „Ich halte das für ein krasses Fehlurteil“, erklärte der Experte Christian Bönnemann, der Leiter des Seismologischen Zentralobservatoriums der BGR am Dienstag in Hannover. „Die Wissenschaft ist nicht in der Lage, Erdbeben vorherzusagen. Möglicherweise wird das auch nie gelingen.“

Zuverlässige Aussagen seien nur über die prinzipielle Gefährdung eines Gebietes möglich, so Bönnemann. „Nachweislich gibt es keine Anzeichen, mit denen man den Zeitpunkt eines schweren Erdbebens sicher vorhersagen kann.“

Sollte das Urteil von L’Aquila nicht in der nächsten Instanz aufgehoben oder zumindest drastisch reduziert werden, so befürchtet Bönnemann gravierende Folgen für alle öffentlichen Aussagen von Erdbebenforschern. „Seismologen müssten dann extrem vorsichtig sein und auch bei jedem Verdacht vor einem möglicherweise bevorstehenden Beben warnen“, erklärte Bönnemann. „Die Folge wäre, dass dann niemand mehr die vielen Warnungen ernst nehmen würde.“

Dreieinhalb Jahre nach einem schweren Beben mit mehr als 300 Toten im April 2009 hatte ein Gericht in L’Aquila am Montag sieben Experten wegen angeblich ungenügender Warnungen vor den Erdstößen zu jeweils sechs Jahren Haft verurteilt. Die Wissenschaftler und Zivilschutzbeamten hätten die Bevölkerung nur „ungenau, unvollständig und widersprüchlich“ über die Gefahren informiert, lautete die Anklage.

Die Gefahr eines Bebens in der Region um L’Aquila sei zudem schon lange bekanntgewesen, erklärte Bönnemann. „L’Aquila liegt in einer stark erdbebengefährdeten Zone mit entsprechenden strengen Bauvorschriften.“

Auch aus der Schweiz gab es Kritik. „Wir werden in Zukunft noch vorsichtiger kommunizieren müssen“, sagte am Dienstag der Direktor des Schweizerischen Erdbebendienstes, Stefan Wiemer. Die italienischen Kollegen hätten wissenschaftlich gesehen alles richtig gemacht.

Sogenannte Schwarmbeben, wie sie 2009 in der Region von L’Aquila auftraten, könnten zwar gelegentlich Vorboten größerer Beben sein, erläuterte er. Jedoch sei dies bei weniger als einem Prozent der Fall. Deshalb, sagte Wiemer, sei der Schweizerische Erdbebendienst in einer nach der Katastrophe von L’Aquila erstellten Studie zu dem Schluss gekommen, dass eine „Schwarmbeben-Aktivität nicht zu einer allgemeinen Evakuierung führen sollte“.

dpa

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