Unglück in Ritterhude

Explodierte Fabrik verbrannte illegal Müll

+

Ritterhude - Die Chemiefabrik in Ritterhude (Landkreis Osterholz), in der sich im September 2014 eine schwere Explosion ereignet hat, hat offenbar jahrelang ohne erforderliche Genehmigung Abfälle verbrannt. Das habe eine Überprüfung ergeben, wie Umweltminister Stefan Wenzel (Grüne) Donnerstag im Landtag sagte.

Bei der Explosion im September war ein Mitarbeiter der Organo Fluid GmbH gestorben, drei weitere wurden verletzt. Zudem hatte die Detonation zahlreiche Häuser in einer angrenzenden Wohnsiedlung beschädigt.

Nach Wenzels Worten war die Firma zunächst als Destillationsanlage konzipiert. Dazu gehörte eine Feuerungsanlage, in der Rückstände aus dem Destillationsbetrieb entsorgt wurden. Der Betrieb habe dann spätestens vom Jahr 2005 an, wahrscheinlich aber schon früher, in der Anlage auch Abfall fremder Firmen verbrannt – darunter sollen Lacke und Lösungsmittel gewesen sein. „Diese Änderung vollzog sich ohne die erforderliche genehmigungsrechtliche Absicherung“, betonte der Minister. Zudem könne nicht ausgeschlossen werden, dass in der Anlage mehr Abfälle verbrannt worden seien als genehmigt.

Das zuständige Gewerbeaufsichtsamt Cuxhaven forderte Wenzel auf, die neuen Erkenntnisse seines Ministeriums bei der Staatsanwaltschaft anzuzeigen. Da die Ursache der Explosion noch immer nicht gefunden werden konnte, seien momentan „keine belastbaren, außerhalb des Spekulativen stehenden Rückschlüsse von etwaigen Versäumnissen des Gewerbeaufsichtsamts“ möglich, sagte der Umweltminister. Nähere Erkenntnisse über Fehlverhalten und Versäumnisse müssten nun weitere Ermittlungen bringen. Ob bei einem eventuellen fehlerhaften Verhalten des Gewerbeaufsichtsamtes möglicherweise Schadensersatzforderungen auf das Land zukämen, konnte Wenzel noch nicht sagen.

Alle Anlagen dieser Art sollen nun kontrolliert werden

Die Gewerbeaufsichtsämter sollen nun sämtliche Anlagen ähnlicher Art in Niedersachsen kontrollieren. So solle überprüft werden, ob Ritterhude ein Einzelfall sei oder ein systematischer Fehler vorliege, sagte Wenzel. Zudem werde geprüft, ob Anhaltspunkte für ein Dienstvergehen bestünden, die ein Disziplinarverfahren nach sich ziehen könnten. Die Staatsanwaltschaft ermittelt bereits gegen den Geschäftsführer der Firma und gegen einen Mitarbeiter des Gewerbeaufsichtsamtes.

Anwohner fühlen sich nun bestätigt. „Wir haben ja immer gesagt, dass hier nicht alles mit rechten Dingen zugeht“, sagt Uwe Vanester. „Das sieht das Umweltministerium nun offenbar ja genauso.“ Er musste zweieinhalb Monate im Wohnmobil leben, hat mittlerweile sein bei der Explosion stark beschädigtes Haus aber wieder bezogen. „Andere Hausbewohner können aber noch immer nicht zurück.“

Sein Nachbar Karl-Friedrich Brust betont, dass er einmal gemeinsam mit anderen Bewohnern der Siedlung die ankommenden Lastwagen gezählt habe. „Da wurde eindeutig mehr angeliefert, als von dem Unternehmen angegeben.“ Das habe aber vom Gewerbeaufsichtsamt niemanden interessiert. „Die haben sich nie für unsere Belange eingesetzt, sondern immer nur versucht, möglichst viel für die Firma herauszuholen“, sagt Brust.

Die Firma war am 9. September nach einer Explosion in Flammen aufgegangen. Ein Mitarbeiter kam dabei ums Leben. Die Brandursache ist nach wie vor unklar.

Kommentar von Heiko Randermann

"Die Weggucker": Ein Kommentar von Heiko Randermann

Für die Anwohner der im September explodierten Fabrik in Ritterhude wird es ein schwacher Trost sein: Sie hatten Recht. Jahrelang haben sie die Behörden darauf hingewiesen, dass in der Fabrik etwas nicht stimmt. Doch alle Hinweise, wie etwa auf rosafarbenen Rauch aus der Verbrennungsanlage, wurden von den Behörden in Gemeinde, Kreis oder beim Gewerbeaufsichtsamt abgetan, etwa als „optische Täuschung“.

Mindestens neun Jahre lang haben alle weggesehen. Niemand hat mitbekommen, dass die Feuerungsanlage nicht wie genehmigt betrieben wurde, trotz Hinweisen und trotz Routinekontrollen. Bekannt ist auch, dass der Betreiber damals gern mit teurem Likör und anderen Präsenten in den Behörden auftauchte – auch beim heutigen Chef der Staatskanzlei, Jörg Mielke, der ab 2005 Landrat in Osterholz war. Die Behörden müssen sich fragen lassen, warum sie so lange untätig geblieben sind. Der Fall könnte noch sehr unangenehm werden.

4483430

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare