Entführungen in Cleveland

Fähigkeit zur Sklavenhaltung ist laut Expertin „veranlagt“

+
Ein Mann in Cleveland soll drei Frauen rund ein Jahrzehnt festgehalten und vergewaltigt haben.

Wien - Tausende Jahre lang wurden Sklaven gehalten. Erst seit 200 Jahren haben sich die Einstellung und das Rechtssystem dazu geändert. Die Anlagen im Menschen sind laut einer Psychiaterin aber noch immer vorhanden.

Entführungen wie der jüngst aufgedeckte Fall in Cleveland sind laut Psychiaterin Adelheid Kastner keine Seltenheit. „In der Menschheitsgeschichte gibt es tausendjährige Phasen von Sklavenhaltung. Die Fähigkeit dazu ist im Menschen veranlagt, und die Menschheit hat sich seither nicht dramatisch verändert“, sagte Kastner im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur. Einzig die gesellschaftliche Einstellung und die rechtliche Situation habe sich in den vergangenen 200 Jahren stark geändert.

Anfang der Woche wurde bekannt, dass ein Mann in Cleveland drei Frauen rund ein Jahrzehnt festgehalten und vergewaltigt haben soll. Eine Frau soll in der Zeit eine Tochter bekommen haben.

Kastner erstellte beim Prozess gegen den zu lebenslanger Haft verurteilten Inzest-Täter Josef Fritzl das psychiatrische Gutachten. Fritzl hielt seine Tochter 24 Jahre lang in einem fensterlosen Verlies in seinem Keller im österreichischen Amstetten gefangen. Er vergewaltigte sie und zeugte mit ihr sieben Kinder. Sechs davon überlebten. Kastner stellte nach stundenlangen Gesprächen mit Fritzl fest, dass er an keiner Geisteskrankheit litt, die seine Schuldfähigkeit ausschließen würde.

Zuvor hatte die Wienerin Natascha Kampusch nach acht Jahren vor ihrem Entführer fliehen können. In Medien wurde danach von zwei schockierenden österreichischen Einzelfällen gesprochen. Kastner sagte damals, dass weltweit „noch genug“ Opfer gefangen gehalten würden. „Das hat sich dann auch bewahrheitet“, sagte Kastner. Wie etwa der Fall der Amerikanerin Jaycee Lee Dugard zeigte. Sie war 1991 als Mädchen entführt und 18 Jahre lang gefangen gehalten worden.

Kidnapper hätten weltweit ähnliche Persönlichkeitsmerkmale, die unabhängig vom Kulturkreis seien, sagte Kastner. Besonders ausgeprägt sei das Bedürfnis, Macht über eine andere Person auszuüben. „Einige sind auch sadistisch veranlagt“, sagte die Fachärztin für Psychiatrie und Neurologie. Zumeist verfügen sie über kein “überbordendes Mitgefühl“. Allerdings müssen auch die passende Gelegenheit für die meist durchschnittlich intelligenten Kriminellen vorhanden sein: „In einer Mietwohnung würde so etwas nicht gehen.“

Solche Taten präventiv einzudämmen sei laut Kastner nicht möglich: „Man sieht auch in Studien, dass die Todesstrafe etwa in den USA nicht abschreckend wirkt. Täter gehen nie davon aus, dass sie gefasst werden.“ Einziges Mittel, das dagegen helfen könne, sei soziale Kontrolle. Nachbarn sollten auffällige Gegebenheiten den Behörden melden. Die Polizei müsste solchen Hinweisen dann nachgehen. „Aber Kriminalität wird es immer geben, wo Menschen zusammenkommen“, so Kastner.

Für die drei jungen Frauen aus Cleveland, die über Jahre gefangen gehalten wurden, sei es besonders wichtig, nicht lebenslang als Opfer definiert zu werden. Dabei ist das Ausmaß der Strafe für den Täter eher zweitrangig. „Viel wichtiger ist, dass öffentlich gesagt wird: „Euch ist Unrecht geschehen““, sagte Kastner. Einen Ratschlag, das Trauma der vergangenen Jahre zu bewältigen, gibt die Psychiaterin nicht ab. Ob die drei Frauen nun in den Medien ihre Geschichte erzählen, wie etwa Natascha Kampusch, oder zurückgezogen ein neues Leben beginnen, sei eine persönliche Frage: „Denn fremdbestimmt waren die Frauen lange genug.“

dpa

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare