Prävention

Familienhebammen als letzte Rettung

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Foto: Niedersachsen will ein flächendeckendes Netz von Familienhebammen zur Vorbeugung von Missbrauch in Familien ausbauen.

Hannover - Jede zehnte Familie ist mit Neugeborenen völlig überfordert.Sozialministerin Aygül Özkan will daher das Netz der Familienhebammen flächendeckend ausbauen.

Sie wissen oft überhaupt nicht, was sie tun sollen, wenn das Kind schreit. Oder was zu machen ist, wenn das Kleine gar nichts mehr sagt. „Eine große Anzahl junger, sehr junger Mütter hat keine Ahnung von den körperlichen Bedürfnissen ihrer Kinder“, sagt Adolf Windorfer von der Stiftung „Eine Chance für Kinder“. In diesen Fällen bedeuten Familienhebammen oft die letzte Rettung. Nach Schätzungen der Stiftung und des Landessozialministeriums braucht mindestens jede zehnte Familie in Niedersachsen professionelle Hilfe durch eine Familienhebamme.

Seit 2001 hat Windorfers Stiftung 220 Frauen im Land ausgebildet, den Job der großen Kümmerin zu übernehmen. Die meisten von ihnen sind gelernte Hebammen, doch seien auch Kinderkrankenschwestern gut geeignet, sagte Windorfer gestern. Immerhin ist der Bedarf an Frauen, die ins Haus kommen und die oft blutjunge Mütter beraten und ihnen das Notwendigste beibringen, nach Windorfers Worten ziemlich groß. Um diesen Bedarf zu decken, müsste es in Niedersachsen mindestens 400 Familienhebammen geben, also doppelt so viele wie heute. „Unser Ziel ist es, das Netz der Familienhebammen flächendeckend auszubauen“, meint dazu Sozialministerin Aygül Özkan (CDU).

Das Land muss dabei finanziell relativ wenig tun - ein Großteil der Mittel kommt vom Bund. Denn die „aufsuchende Sozialarbeit“ ist nach Özkans Worten „effektiver Kinderschutz“ und wird jetzt auch von der Bundesregierung massiv unterstützt. In diesem Jahr werden in Niedersachsen dafür 2,4 Millionen Euro ausgegeben, in den kommenden Jahren jeweils 3,5 Millionen Euro. Özkan führt derzeit nach eigenen Angaben mit den kommunalen Verbänden Gespräche darüber, wie das Geld verteilt werden soll. Die Stiftung selbst wird vom Land mit 260 000 Euro unterstützt.

Meist macht das Jugendamt auf Mütter aufmerksam, die überfordert sind. „Für viele Familien ist es ganz normal, dass der Fernseher der Babysitter ist, der den Kleinen das Gefühl gibt, dass da noch jemand ist“, sagt Windorfer. Nicht selten sensibilisierten erst die Familienhebammen die Mütter oder auch Väter dafür, wie wichtig es sei, mit den Kindern nach draußen zu gehen, mit ihnen zu spielen. Nach internen Untersuchungen habe man in 74 Prozent der aufgesuchten Familien Verbesserungen erreicht.

Die Braunschweiger Familienhebamme Mareike Teich betreut Familien manchmal sogar ein ganzes Jahr, wie sie berichtet - etwa eine lernbehinderte junge Mutter, die sich erst nach zwölf Monaten aus ihrer Obhut begab. „Während der Schwangerschaft habe ich darauf geachtet, dass sie nicht rauchte oder trank, später ganz handfest viele Sachen mit ihr erprobt.“ Etwa, wie man sich gesund ernährt, wie man ein Fläschchen zubereitet - und und und. „Je größer das Kind wurde, desto besser klappte es.“

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