Rekordmesse in der Hauptstadt

Fashion Week zieht mehr als 200.000 Besucher nach Berlin

Foto: Designerin Leily Piedayesh schickte ihre kleine Tochter Lou auf den Laufsteg.

Berlin - Mode und Berlin - da ist etwas zusammengewachsen. Die diesjährige Fashion Week konnte mit Rekorden glänzen: So viele Besucher wie noch nie sahen so viele Designer wie noch nie.

Dass die Fashion Week vor allem ein Sprungbrett für den Nachwuchs ist verdeutlichte in diesem Jahr niemand besser, als das Label Lala Berlin. Als die Show fast zu Ende war und die ersten Gäste schon wieder an ihrem Prosecco nippten, da schickte Designerin Leily Piedayesh ihre kleine Tochter Lou auf den Laufsteg. Ein glamourös Auftritt in einem Outfit ihrer Mutter für das Nachwuchsmodel.

Die 12. Berliner Modewoche mit Fashion Week, Streetwear-Messe „Bread & Butter“ und unzähligen Veranstaltungen in der ganzen Stadt, sie war vor allem eine Woche der Superlative: Noch nie zeigten so viele Designer ihre Kreationen für die kommende Herbst/Wintersaison. Noch nie zog die Branche so viele Besucher in die Stadt. „Wie erwartet waren es weit mehr als 200.000 und besonders auffällig ist, dass es im Vergleich zu den vergangenen Modewochen viel internationaler geworden ist“, sagte Katharina Dreger, Pressesprecherin von visitBerlin. „Berlin hat sich als Modehauptstadt etabliert und das kreative Potenzial wächst und wächst.“

Auch wenn man keinen Flughafen kann, in Berlin kann man offenbar Trends setzen: Rund 18.500 Menschen sind mittlerweile in der Modebranche beschäftigt, der Umsatz betrug 2010 über zwei Millionen Euro. Das ist ein Plus von 17 Prozent. Mode und Berlin, das sei eine Erfolgsgeschichte, freute sich dementsprechend auch Wirtschaftssenatorin Cornelia Yzer (CDU).

Mode und Berlin – das bedeutet vor allem für die vielen jungen Kreativen, die Hoffnung auf Erfolg. Denn wer hier seine Arbeit einem Fachpublikum aus strengen Vogue-Redakteurinnen und aufgeregten Mode-Bloggern präsentieren darf, der hat die größtmögliche Chance die Aufmerksamkeit von Einkäufern und Kunden auf sich zu ziehen. Wie zum Beispiel Kate Kristin Zimmermann. Die junge Erfurterin, die bis vor zwei Jahren noch an der Modeschule M3 (Menschen Machen Mode) in Hannover studierte, zeigte zum ersten Mal auf der Fashion Week in Berlin ihre Prêt-à-porter-Kollektion. „Für die, die sich als Künstler verstehen, ist es Prestige, hier dabei zu sein. Für andere, wie mich, geht es vor allem um den Verkauf“, sagt die 27-Jährige, die 2011 direkt nach dem Studium auf der Fashion Week in New York mit ihrer Haute-Couture-Modestrecke debütierte.

Als Künstler versteht sich vor allem der Münchener Designer Patrick Mohr. Ein Exzentriker, der nicht nur für seine klaren Linien, schlichten Schnitte bekannt ist, sondern auch für seine ausgefallenen Präsentationen. In diesem Jahr lud er seine Anhänger in ein Kellerloch in Mitte, wo einen blutleer wirkende Models mit grellroten Augen anstarrten. Die Mode war hier zweitrangig. Aliens. Die Models eher Modeopfer. Und die Kooperation von Mohr und Reebok erwies sich als ein Haufen Turnschuhe hinter Gittern, der eher als Kunstinstallation, denn als neuster Trend durchging

Die Gäste fieberten ohnehin einzig und allein der Aftershow-Party entgegen, die Mohr wie in jedem Jahr im Kreuzberger Club Prince Charles steigen ließ. Überhaupt war die Frage nach der nächsten Party ein mindestens ebenso heiß diskutiertes Thema im Fashion-Zelt am Brandenburger Tor wie die Eröffnungsshow des Berliner Designers Hien Le. Die Show mit den pastelligen Seidenblusen wirkte zwar ebenfalls etwas blutleer. Doch scheint dies eben der Trend im kommenden Winter zu werden. Auch Michael Sontag, der ebenfalls noch als Nachwuchstalent gehandelt wird, zeigte Zurückhaltung. Der Berliner gibt seinen Kollektionen nicht einmal Namen, die Entwürfe sprechen für sich. Weiche, fließende Stoffe in ruhigen, herbstlichen Farben. Nichts stört die leise Melancholie, die seine Arbeit umgibt.

So richtig laut wurde es erst am Freitagabend, bei der „Michalsky Stylenite“. Die Show mit anschließender Party ist die Kultveranstaltung zum Abschluss der Modewoche. Für die 1500 geladenen Gäste geht es um sehen und gesehen werden und für die Berliner Party-Prominenz um ein Schaulaufen. Für Michalsky ist seine Party mittlerweile „ein Supertanker“, der per Livestream im Internet übertragen wird. In diesem Jahr hatte der Star-Designer, der sich zu den wenigen deutschen Kreativen zählen darf, über die sogar Modezar Karl Lagerfeld lobende Worte findet, unter dem Motto „Broken Promises“ geladen – „ein Appel an die Wertvorstellungen unserer Gesellschaft“, gab er sich politisch.

Ansonsten zählten auf der Modewoche eher Äußerlichkeiten und das perfekte Image: Das des erfolgreichen Messeveranstalters, der die Stadt zurück an die Spitze der Modemetropolen katapultiert hat, wird Karl-Heinz Müller zugeschrieben. Der bärtige Mitte 50-Jährige wirkt wie der Gegenentwurf zur hippen Fashion-Gesellschaft. Und doch stemmt der überzeugte Jeansträger in jedem Jahr zeitgleich zur Fashion Week am Brandenburger Tor die weltgrößte Streetwear-Messe „Bread & Butter“ auf dem Gelände des ehemaligen Flughafens Tempelhof – und zwar aus eigenen Mitteln. Und er wird nicht müde zu betonen, welchen Image-Gewinn die Stadt aus seiner Veranstaltung zieht.

Auch wenn immer wieder gemutmaßt wird, die Geschäfte für Müller würden nicht mehr so richtig laufen - zuletzt sprangen Marken wie Diesel und Bench ab - so betonte Müller zum Abschluss der Messe: „Die positive Resonanz auf allen Seiten belegt, dass unsere Entscheidung, uns auf das Wesentliche zu konzentrieren, richtig war. Wir sind weiterhin nicht daran interessiert, Flächen zu vermarkten.“ Immerhin 560 Aussteller sind der „Bread & Butter“ treu geblieben. Und die Messe selbst bleibt Berlin treu. „Wir bekennen uns zur Stadt“, betont Müller. Die sei schließlich „The capital of street and urban wear.“

Von Nora Lysk

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