Fall Michael Brown

Ferguson wartet auf Entscheidung der Geschworenen

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Foto: Die Bevölkerung von Ferguson wartet nervös auf die Entscheidung der Geschworenen.

Ferguson - Anklage oder nicht? Fergusons schwarze Bevölkerung blickt gespannt auf die Geschworenen im Fall des erschossenen Jugendlichen Michael Brown. Sollte der weiße Todesschütze davon kommen, drohen neue Ausschreitungen.

Manche Ecken von Ferguson gleichen in diesen Tagen einer Geisterstadt. Verlassen wirkende Straßen, mit Sperrholz verrammelte Geschäfte und so gut wie keine Polizei unterwegs. „Das ist die Ruhe vor dem Sturm“, sagt der 23-jährige Chris, der seinen Nachnamen nicht nennen will. „Die Leute hier sind ziemlich frustriert und ich denke, sie werden es nicht hinnehmen, wenn der Polizist nicht angeklagt wird.“ Gespannt blicken dieser Tage nicht nur die Menschen im Vorort von St. Louis (Missouri) auf die Geschworenen. Die Grand Jury berät darüber, ob jener weiße Beamte vor Gericht gestellt wird, der Anfang August den unbewaffneten schwarzen Jugendlichen Michael Brown erschoss. Die Proteste und Ausschreitungen danach sorgten weltweit für Schlagzeilen. Die überwiegend schwarze Bevölkerung der US-Stadt Ferguson fordert, dass Officer Darren Wilson des Mordes angeklagt wird. Nicht wenige glauben, dass Brown sich längst ergeben hatte, als die tödlichen Schüsse fielen. Chris behauptet, er habe den Erschossenen gekannt und sich zur Tatzeit zu Hause aufgehalten. „Es geschah vor meinem Haus, ich habe ihn (Brown) rufen hören: „Nicht schießen“. Das kann ich nicht vergessen“, sagt der junge Mann.

Das Misstrauen der Bevölkerung rührt nicht zuletzt daher, dass die Polizei überwiegend aus Weißen besteht. In der Kleinstadt Ferguson, so hat es den Anschein, scheinen viele Bürger den Getöteten gekannt zu haben. Der Friseur Brandon Turner (24) kann sich erinnern, Brown die Haar geschnitten zu haben. So wie jetzt die Polizei vorgehe und die Nationalgarde wie auch das FBI anrücke, könne er sich nicht vorstellen, dass der Polizist angeklagt werde, sagt Turner. Charles Davis weigert sich, seine gerade erst eröffnete Hamburger-Braterei vorsorglich dichtzumachen. „Meine Frau kennt seine (Browns) Mutter und ihn, seit er drei Jahre alt war“, erzählt Davis. „Wir leiden mit der Familie mit, aber ich habe vor nichts Angst und werde meinen Laden nicht zunageln.“ Die Entscheidung der Geschworenen steht bevor. Die Polizei bereitet sich auf abermalige Ausschreitungen vor und der Gouverneur von Missouri, Jay Nixon, hat vorsorglich die Nationalgarde mobilisiert. Dabei war aber auch das Vorgehen der Polizei kritisiert worden, weil sie Tränengas, Gummigeschosse, Blendgranaten und gepanzerte Fahrzeuge gegen Demonstranten eingesetzt hatte. Viele Rechtsexperten bezweifeln derweil, dass es zu einer Anklage kommen werde - doch gerade dies könnte neue Unruhen anheizen. Der Todesschütze selbst beruft sich auf Notwehr. Die Demonstrationen seien aber schon lange nicht mehr nur Ausdruck der Betroffenheit über Michael Browns Tod, sagen die Bewohner.

Viel mehr gehe es darum, die Öffentlichkeit darauf aufmerksam zu machen, wie die Polizei ganz generell Bürger misshandelt. „Es ist größer als Michael Brown. Es geht jetzt um jeden, der jemals jemanden durch Polizeigewalt verloren hat“, sagt Chris. Auf der West Florissant Avenue, wo die Proteste im August ihren Anfang nahmen, herrscht an diesem regnerischen Wochenende scheinbar Alltag. Anwohner spazieren herum, darunter auch Kinder. Einige besuchen die örtlichen Restaurants, andere kaufen ein. Dass die Entscheidung der Geschworenen noch immer auf sich warten lässt, löst unterschiedliche Reaktionen aus. „Ich denke nicht, dass es in der Sache einen übereilten Beschluss geben sollte“, sagt die 44-jährige Tracy, die ebenfalls ihren Nachnamen nicht nennen mag. Wenn die Jury mehr Zeit benötige, dann sei das eben so. Kendric Catching hingegen findet, dass die ganze Warterei Zeitverschwendung ist: „Schauen Sie sich die jüngere Geschichte der USA an. So viele Schwarze wurden von der Polizei getötet, festgenommen und belästigt, aber wurde jemals ein Beamter angeklagt? Nein“, sagt der 48-Jährige ernüchtert. „Warum also sollten wir davon ausgehen, dass es dieses Mal anders ist?“

dpa

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