Seltene Herstellung in Diepholz

Firma produziert noch Vinylplatten

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Foto: Herr Neumann sitzt an einer Schallplattenpresse. Die Firma Pallas aus Diepholz ist eine der letzten Schallplattenpresserei in Deutschland.

Diepholz - Schallplatten? Gibt es noch. Die Diepholzer Firma Pallas produziert in ihrem Presswerk die schwarzen Scheiben und gehört damit in Europa zu den letzten vier verbliebenen Herstellern.

Die Menschen hatten die Schallplatte bereits abgeschrieben. Sie war zu sperrig, zu anfällig für Staub und Kratzer. Und auch der Klang der schwarzen Vinylscheibe konnte mit neuen Medien wie der Tonbandkassette, der CD und dem MP3-Format nicht mithalten. Doch die Schallplatte rettete sich in die Sammlernische - und erlebt seit Jahren eine Renaissance. Mit Vinyl lässt sich wieder Geld verdienen. Davon profitiert auch die Firma Pallas aus Diepholz, die im Gegensatz zu vielen anderen Unternehmen ihre Presserei nicht schloss – auch nicht, als Absatzzahlen durch die Einführung der CD in den achtziger Jahren fielen. Zwar musste Pallas vor zwei Jahren die Kassettenproduktion einstellen, doch bei der Schallplattenherstellung ist das Unternehmen führend. Nur eine weitere vergleichbare Presserei gebe es in Deutschland, vier in Europa und „gut zwei Dutzend weitere weltweit“, sagt Pallas-Chef Holger Neumann. „Mittlerweile beliefern wir große Plattenfirmen wie Universal, die ihre Pressereien aufgegeben haben.“ Doch Pallas ist auch Anlaufpunkt für viele kleine Plattenfirmen, die weniger bekannte Künstler unter Vertrag haben – und auch für die Band aus der Nachbarschaft.

Beim Geschäft mit der Schallplatte setzt Pallas auf internationale Kundschaft: 60 Prozent des Exports gehen in das europäische Ausland, 40 Prozent in den Rest der Welt. Ein großer Kunde sitzt in der Nähe der US-Hauptstadt Washington. Rund eine halbe Million Platten gehen so jährlich in den US-Markt. Das 1948 gegründete Familienunternehmen in dritter Generation stellt seit 1986 in einem zweiten Werk auch CDs her – profitiert aber insbesondere von der Vinyl-Renaissance der Nullerjahre. Rund 10.000 Platten werden in der Firma mit rund 110 Mitarbeitern täglich hergestellt. Musikrichtung wie Techno oder Hip-Hop, in denen die Schallplatte auf dem Plattenteller der Discjockeys zentrales Element ist, beflügelten die Verkaufszahlen. Für viele ist der Griff ins Plattenregal aber auch eine Rückbesinnung – weg vom schnelllebigen Digitalen, hin zum entspannten Musikgenuss.

Die Schallplattenproduktion in Diepholz ist eine Reise in die Vergangenheit – in die Zeit, in der Rolling Stones, Beatles und Drafi Deutscher an der Spitze der deutschen Hitparade standen. „Unsere Maschinen sind aus den sechziger und siebziger Jahren“, erklärt Neumann. „Hechtsprünge können wir mit den alten Maschinen nicht machen“, sagt er. Dennoch ist man stolz bei Pallas, mit so alten Maschinen hochwertige Schallplatten herzustellen. Doch Neumann ist sich auch den Tücken dieses alten Systems bewusst: Ersatzteile werden nicht mehr hergestellt. Der Neubau einer Maschine würde eine halben Millionen Euro kosten. „Das rentiert sich nicht“, sagt Neumann.

Gerade in Zeiten moderner Endgeräte sei die Vinylproduktion eine große Herausforderung, sagt der Unternehmer. „Ich gönne den Technikliebhabern ihre Hightechanlagen“, sagt er mit Blick auf die Kritik mancher Musikfans an der Klangqualität einer Schallplatte. „Doch der Sound einer Schallplatte lässt sich nun einmal nicht mit dem einer CD vergleichen“, sagt Neumann.

Bis eine Schallplatte in Diepholz in Serienproduktion geht, durchläuft sie viele Stationen. Mithilfe der Schnittfolie aus dem Aufnahmestudio wird in verschiedenen Arbeitsschritten eine Matrize hergestellt. Bevor daraus in der Produktionslinie Hunderte Platten hergestellt werden, landet ein Exemplar zur Hörprobe bei Mitarbeiter Udo Karduck auf dem Plattenteller – „ein begnadeter Musiker“, wie Neumann sagt. Karduck hört ganz genau hin, hört hinter die Musik. Wenn nötig, stundenlang. „Er erkennt den Unterschied zwischen einem Knacksen durch eine Verunreinigung in der Rille und dem Anschlagen einer Klaviertaste“, erklärt Neumann.

In den vergangenen Jahren hat Pallas die Musik vieler bedeutender Musiker auf Schallplatten gepresst. 2011 wurde die komplette Rolling-Stones-Collection in Diepholz gefertigt. Auch die Musik von Jazztrompeter Louis Amstrong wurde digital aufgearbeitet und bei Pallas gepresst. Eine andere Plattenfirma bestellt drei bis viermal im Jahr das „Nevermind“-Album von der neunziger-Jahre-Grunge-Band Nirvana. Rund 1000 LPs verlassen dann das Presswerk.

Bei der Arbeit vertraut Neumann auf die Erfahrung seiner Mitarbeiter. Mehr als 80 Prozent der Belegschaft sind länger als zehn Jahre bei Pallas. Erfahrungswerte werden an junge Kollegen, die in der Firma angelernt werden, weitergegeben. „Bevor jemand bei uns in Rente geht, schreibt er seine Erfahrungen auf.“

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