Goslar

Her mit Flüchtlingen – oder lieber nicht?

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„Wir können 50 bis 60 Wohnungen zur Verfügung stellen“: In Goslar soll leerstehender Wohnraum Flüchtlingen zur Verfügung gestellt werden.

Goslar - Wegen des Leerstands in der Region will Goslars Oberbürgermeister Oliver Junk mehr Flüchtlinge aufnehmen. Doch die Reaktionen auf den ungewöhnlichen Vorstoß bleiben 
zurückhaltend.

Sie kennen ihn in Goslar, den Vorschlag ihres Oberbürgermeisters. Wen man auch anspricht, jeder hat sich mit der Idee von Oliver Junk beschäftigt, und jeder hat eine Meinung. Kein Wunder, es kommt ja nicht alle Tage vor, dass ein Stadtoberhaupt in diesen Tagen sagt, er möchte gern noch mehr Flüchtlinge aufnehmen, während die allermeisten Kommunen stöhnen ob der steigenden Zahl an Menschen, die sie unterbringen müssen.

Junk hatte in der vergangenen Woche die Idee geäußert, leerstehenden Wohnraum an Zuwanderer zu vermieten, um dem Einwohnerschwund in Goslar entgegenzuwirken. Die Reaktionen fallen unterschiedlich aus, rundum begeistert zeigen sich allerdings nur wenige. Den Flüchtlingen müsse man helfen, heißt es zwar zumeist. Dann jedoch folgt fast immer ein „Aber“.

„Wir müssen den Flüchtlingen helfen, das ist keine Frage. Aber um die Unterkünfte soll sich der Staat kümmern. Er muss Wohnheime bauen. Es kann nicht sein, dass Privatleute ihre Wohnungen vermieten“, sagt ein Passant in der Innenstadt. Eine Frau hält Hilfe ebenfalls für selbstverständlich. „Aber das Land muss dann auch viel Geld in die Hand nehmen und die Menschen integrieren. Es müssen sich dann Sozialarbeiter um die Flüchtlinge kümmern“, sagt sie.Tatsächlich bleibt offen, ob und wie Goslar am Ende profitieren kann, wenn es Flüchtlinge zum Kommen einlädt. Die Arbeitslosenquote im Landkreis liegt deutlich über dem Landesdurchschnitt. Wenn Flüchtlinge also eine Arbeit aufnehmen dürfen, ist fraglich, ob sie sie in Goslar finden. Zudem bleiben nach Angaben von Goslars Landrat Thomas Brych nur etwa vier Prozent der Flüchtlinge vor Ort. Entweder müssten diese nach Ablauf des Asylverfahrens das Land wieder verlassen. „Oder sie dürfen sich im Rahmen der Freizügigkeit frei im Land bewegen“, sagt Brych. Dann verließen viele die Region, etwa weil sie in größeren Städten eher Arbeit fänden.

Auch der Landkreis Goslar betont, wie wichtig Integration sei, warnt aber zugleich vor falschen Erwartungen. „Der Vorschlag des Oberbürgermeisters hat durchaus das Potenzial, als zynisch missverstanden zu werden“, sagt der Sprecher des Kreises, Dirk Lienkamp. „Viele Flüchtlinge kommen mit dramatischen Schicksalen und in existenzieller Not zu uns. Wenn hier der Eindruck entsteht, dass diese Menschen als Verfügungsmasse genutzt werden, um demografische Probleme zu lösen oder Leerstände zu beseitigen, sehen wir das als problematisch an.“ Er sei sehr überrascht gewesen vom Vorschlag des Oberbürgermeisters, sagt Landrat Brych. Er hoffe, dass in Zukunft solche Ideen abgestimmt werden.

Auch im Landkreis steht die Frage im Vordergrund, wie die Flüchtlinge, deren Zahl sich auch ohne Junks Vorschlag von 247 im vergangenen Jahr auf bislang 386 in diesem Jahr erhöht hat, integriert werden können. „Noch haben wir keine Probleme, die Menschen unterzubringen. Aber es wird zunehmend schwieriger“, sagt Kai Kaufmann, stellvertretender Fachdienstleiter Allgemeine soziale Hilfe beim Landkreis. Die Kommune arbeitet bei der Vergabe der Wohnungen eng mit der Diakonischen Gesellschaft Wohnen und Beraten zusammen. Doch wenn die Wohnung bezogen ist, endet deren Arbeit. Weitergehende Integrationsarbeit befinde sich erst im Aufbau, sagt Landkreissprecher Lienkamp. Dies solle mit einer neuen Stelle für Migration und Teilhabe gelingen. Es sei nicht damit erledigt, den Menschen ein Dach über dem Kopf zu geben, ergänzt Landrat Brych. „Menschen müssen integriert werden.“ Der Landkreis solle für alle Menschen attraktiver werden, egal ob Flüchtling oder nicht.

Der Vorsitzende der Wohnungsgesellschaften Goslarer Wohnstättengesellschaft und Landkreis-Wohnungsgesellschaft, Andreas Matschkus, hält Junks Vorschlag für realisierbar. Einzige Voraussetzung: Mieter müsse der Landkreis, nicht die Flüchtlingsfamilie sein. „Wir können sofort 50 bis 60 Wohnungen zur Verfügung stellen.“ 3300 Wohnungen nennt das Unternehmen in der Stadt Goslar sein Eigen. „Im Stadtgebiet haben wir rund sechs Prozent Leerstand“, sagt Matschkus. Im Landkreis sei die Situation schlimmer. Von den 2500 Wohnungen stünden zehn Prozent leer. „Allerdings erfüllt nicht jede Wohnung die Anforderungen, Flüchtlinge aufzunehmen.“

In der Stadt Goslar sieht Oberbürgermeister Oliver Junk Strukturen für eine Integration von Flüchtlingen schon gegeben. Dies könnten Vereine leisten, die Feuerwehr, „und wir haben hier eine starke Kirche“, betont Junk. Er wolle mit allen Beteiligten im Gespräch bleiben.

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