Der Fall Walter Lübcke

Lübcke-Prozess in Frankfurt: Wie aus den Nazi-Kameraden Stephan Ernst und Markus H. Feinde wurden

In Frankfurt hat der Prozess im Mordfall Walter Lübcke gegen Stephan Ernst und Markus H. begonnen. Rasch zeigt sich, dass aus den Freunden Feinde geworden sind.

  • Der Kasseler Regierungspräsident Walter Lübcke starb am 2. Juni 2019
  • Der 65-Jährige wurde vor seinem Haus in Wolfhagen-Istha per Kopfschuss getötet
  • Vor Gericht stehen Stephan Ernst und Markus H. - aus den Nazi-Kameraden wurden Feinde

Frankfurt – Kurz nach 10 Uhr an diesem Dienstag haben alle Prozessbeteiligten im Mordfall Walter Lübcke* Platz genommen im Raum 165 C des Oberlandesgerichts Frankfurt: Irmgard Braun-Lübcke, die Witwe des Ermordeten, die Söhne Jan-Hendrik und Christoph, die Vertreter der Bundesanwaltschaft, die Angeklagten mit ihren Verteidigern, die Richter. Da ergibt sich schon das erste auffällige Bild.

Stephan Ernst steht vor Gericht, weil er Walter Lübcke ermordet haben soll.

Stephan Ernst, der Hauptangeklagte, wie er im dunklen Anzug und im weißen Hemd hinter dem Mitangeklagten Markus H. sitzt. Der trägt ein graues Poloshirt unter dem verwaschenen grünen Kapuzenpulli, eine braune Hose, die nicht richtig sitzt – als wolle er einen Gegenpol bilden zu Ernst, der einst sein Neonazi-Kumpel gewesen sein soll und der im nun begonnenen Verfahren womöglich sein großer Gegner wird. Schließlich hat Stephan Ernst zuletzt ausgesagt, nicht er habe Walter Lübcke in jener Nacht auf den 2. Juni 2019 erschossen, sondern H. – aus Versehen.

Prozess in Frankfurt: Wer erschoss Walter Lübcke?

Ernst blickt auf der Anklagebank starr nach vorn, verzieht keine Miene, H. schaut mal nach links, mal nach rechts. Seine erste Rüge hat er da schon kassiert. Thomas Sagebiel, der Vorsitzende Richter, ermahnte ihn gleich zu Beginn, künftig aufzustehen, wenn das Gericht den Saal betrete.

H. war zu Prozessauftakt einfach sitzen geblieben: die Kapuze über dem Kopf, den Mund-und-Nasenschutz im Gesicht, einen Aktenordner vor dem Gesicht. So wollte er unkenntlich bleiben, solange Fotografen und Kameraleute im Raum waren und Aufnahmen machten. Als sie verschwunden waren, zeigte H. sein Gesicht, das einen leichten Bart ziert. Ihm gegenüber: die Familie Lübcke, die als Nebenklägerin in dem Prozess auftritt.

Ebenfalls in Frankfurt vor Gericht: Markus H., der sein Gesicht versteckt.

32 Verhandlungstage bis Ende Oktober sind erst einmal angesetzt, aber gleich zu Beginn wird deutlich, dass es sehr zäh werden könnte. Stephan Ernst und Markus H. haben jeweils zwei Vertreter – und alle vier stellen sogleich Anträge.

Frankfurt: Stephan Ernst im Anzug, Markus H. im Kapuzenpulli

So sieht Mustafa Kaplan, einer der Ernst-Anwälte*, sowohl den Vorsitzenden Richter als befangen an als auch Nicole Schneiders, seit Mai neben Björn Clemens Rechtsbeistand von Markus H. Sie habe auch Dirk Waldschmidt vertreten, nachdem der Rechtsanwalt zunächst als Ernsts Vertreter aufgetreten war. So könne sie über interne Informationen verfügen. Wie über andere Anträge wird der Senat nach Beratung auch darüber später entscheiden.

Ansonsten sind auch die Prozessbedingungen in Zeiten von Corona und die Unmengen an Akten Thema. Und Björn Clemens spricht von einer Vorverurteilung seines Mandanten – durch die angeblich unzulässige Veröffentlichung von Haftbeschlüssen und die Berichterstattung der Medien. Er beantragt die Aufhebung des Haftbefehls gegen Markus H. Es ist das übliche Vorgeplänkel – der Auftritt der Rechtsanwälte. 

Die Vertreter der Oberstaatsanwaltschaft Frankfurt und Holger Matt, der Rechtsanwalt der Familie Lübcke, halten alle Bedenken für unbegründet. Sie wollen, dass verhandelt wird – hier und jetzt und in den nächsten Tagen und Wochen. Matt sagt, für die Nebenklage sei der heutige Vormittag schwer erträglich. Als er den Rechtsanwalt der Gegenseite einmal direkt anspricht, weist ihn Björn Clemens recht harsch darauf hin, er möge doch bitte seinen Doktortitel erwähnen. So werden die Rahmenbedingungen abgesteckt.

Stephan Ernst schweigt vor dem OLG Frankfurt

Thomas Sagebiel ist der Vorsitzende Richter im Mordfall Walter Lübcke.

Daran teil nimmt auch der Vorsitzende Richter Thomas Sagebiel, der ein sympathisches Südhessisch nuschelt und nach dem Verlesen der Anklage eindringlich an die Angeklagten appellierte: „Hören Sie nicht auf die Verteidiger, sondern hören Sie auf mich.“ Seine langjährige Erfahrung sage ihm, dass sich ein Geständnis mit Reue perspektivisch immer auszahle. Von Stephan Ernst habe er ein Zitat gelesen: „Sie wollen mal was richtig machen, haben Sie gesagt. Nutzen Sie ihre beste und vielleicht einzige Chance.“ Diese Empfehlung bleibt gestern ungehört. Ernsts Verteidiger Kaplan antwortet für seinen Mandanten: „Herr Ernst hört erst einmal auf seinen Verteidiger.“ Trotzdem wiederholt Sagebiel seinen Rat: „Wir lieben einen offenen Verhandlungsstil. Wir hören Ihnen immer zu.“

Das Verlesen der Anklageschrift verfolgt Ernst regungslos. Markus H. liest dagegen im Aktenordner jede Seite mit. Auch Nebenkläger Ahmad E. nimmt interessiert an der Verhandlung teil. Der irakische Flüchtling, der im Januar 2016 von Ernst niedergestochen worden sein soll, nickt stets, wenn seine Dolmetscherin übersetzt. Immer wieder schaut er Ernst an.

Frankfurt: Stephan Ernst und Markus H. würdigen sich keines Blickes

Der wiederum würdigt seinen Neonazi-Kameraden Markus H. während der fünf Stunden keines Blickes. In der Anklage heißt es, Stephan Ernst und Markus H.* seien Freunde gewesen. H.s Anwalt Clemens bestreitet dies.

Das Verhältnis sei kollegial gewesen. Nach dem ersten Prozesstag in Frankfurt deutet indes einiges darauf hin, dass aus den Verbündeten von einst Feinde geworden sind.

Aus Frankfurt berichten Kathrin Meyer, Matthias Lohr und Florian Hagemann

Stephan Ernst kündigt nach dem Widerruf seines Geständnisses eine Aussage im Mordfall Lübcke an. Am dritten Verhandlungstag im Lübcke-Prozess* geht es um die zweite Tatversion von Stephan Ernst. Seine Aussage sorgt für mehr Verwirrung als Klarheit. (Florian Hagemann, Matthias Lohr, Kathrin Meyer) *hna.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks.

Gab es Pläne für perfektes Verbrechen? Stephan Ernst widerspricht sich bei seinen Aussagen vor Gericht in Frankfurt. Nachdem einer der beiden Verteidiger von Ernst mehrere Anträge stellt, beantragt der Hauptangeklagte beim Prozess in Frankfurt die Entpflichtung des Anwalts.

In Frankfurt wird der Prozess um den Mord an Walter Lübcke geführt. Bisher drehte sich alles um den Hauptangeklagten Stephan Ernst. Auch ein Blick auf den Mitangeklagten Markus H. ist interessant.

Rubriklistenbild: © Thomas Lohnes, dpa (2, Fotomontage)

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