Umstrittenes Gesetz

Frankreich sagt dem Magerwahn Adieu

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Foto: Dünner geht’s nimmer: Beine wie diese staksen immer noch über die Laufstege in Paris.

Paris - „Mädchen, die eine oder zwei Wochen vor den Modenschauen abends nichts mehr essen, die nur einen Apfel am Tag essen, sich mit Kaffee volllaufen lassen oder nur rauchen, um den Hunger zu bekämpfen.“ Dagegen will Frankreich nun vorgehen: Am Dienstag soll umstrittenes Gesetz gegen zu dünne Models verabschiedet werden.

Es sind Erfahrungsberichte ehemaliger Models, die aufschrecken. „Man hat mir in diesem Milieu auf die Finger gehauen, weil ich erzählt habe, was ich gesehen habe“, sagt Géraldine Maillet, die früher selbst auf Pariser Laufstegen unterwegs war. „Mädchen, die eine oder zwei Wochen vor den Modenschauen abends nichts mehr essen, die nur einen Apfel am Tag essen, sich mit Kaffee volllaufen lassen oder nur rauchen, um den Hunger zu bekämpfen.“

Was die Französin der Tageszeitung „Libération“ erzählte und auch schon in einem Buch verarbeitet hat, führt sie zu dem Schluss: „Die Mode ist ein Katalysator der Neurose.“

Steckt hinter den feenhaften Körpern bei den legendären Pariser Modenschauen also ein System, das ein verzerrtes Schönheitsideal verbreitet und die Magersucht fördert? So sehen es jedenfalls die französischen Sozialisten – die von ihnen dominierte Nationalversammlung will jetzt durchgreifen: Wer zu wenig wiegt, soll künftig nicht mehr auf den Laufsteg. Diesen Passus nahm das Parlament jetzt in die geplante Gesundheitsreform auf. Heute soll über das Gesetz abgestimmt werden. Unterhalb eines noch festzulegenden Body-Mass-Index, der das Gewicht ins Verhältnis zur Größe setzt, wäre die Arbeit als Model in Frankreich damit tabu. Wer trotzdem Magermodels beschäftigt, dem würden 75.000 Euro Geldstrafe und bis zu sechs Monate Gefängnis drohen. Zu dünne Models vermittelten ein gefährliches Körperbild, mahnte der sozialistische Abgeordnete Olivier Véran. Die Modebranche ist bereits auf den Barrikaden. Die Modelagentur-Organisation Synam beklagt eine Benachteiligung von Frauen, die von Natur aus sehr dünn sind – und nennt als Beispiel die androgyne Figur des früheren Starmodels Inès de la Fressange.

Die Agenturen fühlen sich zudem zu Unrecht am Pranger und verwiesen auf die Wünsche ihrer Kunden, also der Designer, Werbeleute und Modemagazine. Das Thema und die Debatte darüber ist nicht neu. In Israel gibt es bereits ein Gesetz, in anderen Ländern Selbstverpflichtungen der Branche. In Deutschland verbannte die Frauenzeitschrift „Brigitte“ zwischenzeitlich professionelle Models ganz von ihren Seiten. Doch allen Kampagnen zum Trotz, die Initiatoren der französischen Gesetzesänderung stellen keine Besserung fest. „Es geht wirklich darum, sich dem entgegenzustellen, was man in Frankreich und anderen Ländern feststellt. Nämlich eine beunruhigende Abmagerung einer bestimmten Zahl an Models. Ob das Berufsverbot für Magermodels tatsächlich Gesetz wird, ist noch nicht ausgemacht. Schließlich muss der Text auch noch durch den Senat, wo die oppositionellen Konservativen die Mehrheit haben. Und die sind skeptisch. Schließlich gibt es noch die Frage, wie die Regel überhaupt überprüft werden soll. Jad Hayek von der Schweizer Modelagentur Fotogen wies zudem darauf hin, dass untergewichtige Models in einigen Ländern ihr Gewicht künstlich puschen. So schmuggelten sie beispielsweise Sand oder Gewichte in den BH.

Einige Juristen sehen die ganze Stoßrichtung des geplanten Gesetzes, das auch gegen Magersuchtblogs im Internet vorgehen will, kritisch. „Wir versuchen, auf etwas, das alle als eine Krankheit beschreiben, mit einem Strafgesetz zu antworten“, sagte der Anwalt Rodol-?phe Bosselut dem Fernsehsender LCI. Selbst bei Befürworterinnen gibt es Kritik im Detail. Ex-Mannequin Géraldine Maillet wies darauf hin, dass der Body-Mass-Index allein als Kriterium wohl nicht ausreichend sei.

Von Sebastian Kunigkeit

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