Der Fall Hoeneß

Frei nur noch bis Mai

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Foto: Uli Hoeneß.

München - Nach dem Verzicht der Staatsanwaltschaft auf Revision ist das Urteil gegen Uli Hoeneß rechtskräftig – dennoch bleiben viele Fragen offen.

Die Finalspiele im DFB-Pokal (17. Mai) und in der Champions League (24. Mai) werden im frei empfangbaren Fernsehen übertragen. Für Uli Hoeneß ist das wichtig: In gut sechs Wochen muss der 62-Jährige seine Haftstrafe antreten – und in der JVA Landsberg am Lech gibt es kein Pay-TV.

Gestern hat die Staatsanwaltschaft auf Revision im Strafverfahren gegen den Ex-Fußball-Manager verzichtet. Damit ist das Urteil rechtskräftig. Hoeneß hatte bereits am Freitag erklärt, auf Revision zu verzichten. „Die Staatsanwaltschaft soll nur dann Rechtsmittel einlegen, wenn das Strafmaß in einem offensichtlichen Missverhältnis zur Schuld steht“, sagte der stellvertretende Sprecher der Staatsanwaltschaft München II, Florian Gliwitzky. „Das war nach unserer Einschätzung nicht der Fall.”

Der Verzicht auf eine Revision erspart ihm eine jahrelange Hängepartie. Sonst hätte zunächst der Bundesgerichtshof in Karlsruhe den Fall an sich gezogen. Einige Prozessbeobachter hatten auf eine Revision gehofft. Zu viele Fragen seien im turbulenten Verfahren offengeblieben, für das nur vier Tage angesetzt waren. Hier sind die wichtigsten:

Woher stammt das Geld auf Hoeneß‘ Schweizer Konto?

Das Grundkapital stammt vom Ex-Adidas-Chef Robert Louis-Dreyfus. So hat es Uli Hoeneß ausgesagt, Bankbelege belegen das. Hoeneß bezeichnet den 2009 verstorbenen Unternehmer als einen seiner besten Freunde. Der FC-Bayern-Manager hatte sich schon einmal verspekuliert: Nach dem Platzen der Internet-Blase um das Jahr 2000 war Hoeneß „richtig klamm“. Louis-Dreyfus lieh ihm fünf Millionen Mark und bürgte für weitere 15 Millionen Mark. Bereits 2003 konnte Hoeneß aus den Gewinnen den Kredit zurückzahlen und die Bürgschaft ablösen.

Warum lieh ein Adidas-Manager Hoeneß so viel Geld?

Aus Freundschaft, sagt Hoeneß. Hoeneß hat viele Geschäftspartner, die Freunde wurden – und Freunde, mit denen er dann Geschäfte machte. Adidas und der FC Bayern sind eng verwoben, Hoeneß und Dreyfus lernten sich kennen und merkten, dass sie eine Gemeinsamkeit hatten: Sie liebten das Zocken. Dreyfus hatte als Schüler ganze Nächte durchgepokert, jetzt drehte er an der Börse das große Rad. Hoeneß wollte es ihm gleichtun.

Kaum hatte Hoeneß seinen Zockerkredit erhalten, verlängerte der FC Bayern im September 2001 den Ausrüstervertrag mit Adidas und der Sportartikelhersteller stieg mit einer Minderheitsbeteiligung bei der FC Bayern AG ein. Zufall?

Zumindest anrüchig. Doch dieser Fall ist verjährt und kaum noch aufzuklären. Robert Louis-Dreyfus ist verstorben. Hoeneß hatte zudem immer wieder darauf hingewiesen, dass schon ab 1999 Herbert Hainer die Geschäfte bei Adidas geführt hat. „Robert hatte mit dem Deal gar nichts zu tun.“ Der 59-jährige Hainer ist als Nachfolger des zurückgetretenen Hoeneß Aufsichtsratschef der FC Bayern AG. Klärende Worte könnten zumindest nicht schaden.

Hatte Hoeneß wirklich so viel Glück an der Börse – oder steckt noch etwas anderes hinter den sagenhaften Gewinnen?

Hoeneß hat sich schon lange für Devisenspekulationen interessiert – und er habe auch mit Bayern-Spielern Wetten darüber abgeschlossen, wie etwa der Dollar in einer Woche steht, erzählt ein deutscher Bankier. „Gerade im Devisenhandel können auch kleinere Einsätze zu immens hohen kurzfristigen Gewinnen führen.“ Das steht im Gegensatz zu der Einschätzung eines Schweizer Kollegen, der dem Zürcher „Tages-Anzeiger“ gesagt hatte: „Für einen Hoeneß ist es in diesem Markt unmöglich, aus 20 Millionen Mark zeitweise 150 Millionen Euro zu machen. Das ist völlig absurd.“ Doch Hoeneß wurde immerhin vom Chef-Devisenhändler bei Vontobel, Jürg Hügli, beraten – noch so einem Freund und Geschäftspartner. Das Gericht hat sich nicht im Detail mit den 70.000 Seiten Bank-Unterlagen beschäftigt. Diese wurden von der zuständigen Steuerfahnderin nur im Schnelldurchlauf angeschaut, um eine Steuerschätzung abzugeben. In der Verhandlung fielen dann Sätze wie: „Hier fehlen 1,7 Millionen, von denen keiner weiß, wo sie sind.” Linken-Chef Bernd Riexinger zeigte sich gestern empört, dass der Fall Hoeneß nicht in Revision geht. „Das riecht alles nach Deal”, meinte er und beklagt, dass „viele Fragen womöglich für immer ungeklärt” blieben.

Was sollte der FC Bayern nun tun?

Alle Gerüchte sofort widerlegen und größtmögliche Offenheit zeigen, meint die Frankfurter Juristin Sylvia Schenk. Die frühere Leichtathletin ist Sportbeauftragte der Anti-Korruptions-Organisation Transparency International. Der Verein müsse glaubhaft ausschließen können, „dass es sich um ein Schwarzgeldkonto des FC Bayern handeln könnte. Es ist besser, man kriegt die Spekulationen vom Tisch“, sagte Schenk dieser Zeitung. Noch hätten Profi-Sportvereine einen großen Nachholbedarf, Verhaltensregeln im Geschäftsgebaren und bei Interessenkonflikten aufzustellen. Im Wirtschafts-Sprachgebrauch wird so etwas mit dem englischen Begriffs „Compliance“ bezeichnet. „Es wäre doch wünschenswert, wenn der wichtigste Fußballklub der Welt auch das beste Compliance-System hätte“, sagte Schenk.

Von Jan Sternberg

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