Prozess in Osnabrück

Hat Freigänger 13-Jährige missbraucht?

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Foto: Eindeutiges Zeichen: Der Angeklagte streckt zum Prozessbeginn die Zunge raus.

Osnabrück - Während seines genehmigten Freigangs soll ein 52 Jahre alter Mann im Mai eine 13-Jährige sexuell missbraucht haben – seit Dienstag muss er sich deswegen vor dem Landgericht Osnabrück verantworten.

Nach der Verbüßung einer Haftstrafe hatte der Mann als Sicherungsverwahrter in der Justizvollzugsanstalt Lingen eingesessen.

Die Staatsanwaltschaft muss beweisen, dass der 52-Jährige am Abend des 30. Mai ein betrunkenes und daher wehrloses Mädchen sexuell missbraucht und vergewaltigt hat, wenige Stunden vor ihrem 14. Geburtstag. Der Angeklagte soll zu einer Party in die Wohnung eines Bekannten eingeladen haben, der 2010 wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern zu einer Freiheitsstrafe verurteilt worden war und noch unter Bewährung stand. Dazu waren mehrere Jugendliche gekommen, darunter auch das Mädchen.

Gleich zu Beginn der Verhandlung versuchte der Angeklagte zu provozieren: Normalerweise erheben sich alle Anwesenden von ihren Plätzen, wenn die Berufsrichter und Schöffen den Sitzungssaal betreten – genau diese Geste des Respekts verweigerte der Angeklagte. „Wollen Sie nicht auch aufstehen?“, fragte Richter Franz-Michael Holling den 52-Jährigen. „Nein, ich stehe nicht auf“, antwortete der Mann. Das Auftreten seines Mandanten zum Prozessbeginn sei respektlos gewesen, räumte sein Rechtsanwalt Frank Otten ein.

Der Fall hatte großes Aufsehen erregt, nicht nur wegen des mutmaßlichen Missbrauchs. Nach der Verbüßung einer Haftstrafe wegen gefährlicher Körperverletzung war der Mann seit 2007 in Sicherungsverwahrung. Die Richter befürchteten, dass er weitere schwere Delikte begehen könnte. Seit 2012 waren ihm 188 begleitete und 169 unbegleitete Ausgänge gewährt worden. Auch für die Zeit vom 28. Mai bis zum 1. Juni hatte er Ausgang. Aber er kehrte nicht in die Haftanstalt zurück. Am 3. Juni machten Staatsanwaltschaft Osnabrück und das Justizministerium den Fall öffentlich. Am 7. Juni wurde der Angeklagte in der Nähe der deutsch-niederländischen Grenze bei Kleve gefasst.

„Ich denke, der JVA kann man keinen Vorwurf machen, dass sie den Ausgang genehmigt hat“, sagt Frank Otten, der Rechtsanwalt des 52-Jährigen. Es gab bis dahin keine Auffälligkeiten, nach Lage des Gesetzes waren die Haftlockerungen zu rechtfertigen. Sein Mandant werde am Mittwoch die Gelegenheit nutzen, um seine Sicht der Dinge zu erzählen, kündigte er an. Es werde sicherlich kein Geständnis im Sinne der Staatsanwaltschaft sein – aber es sei ihm ein Bedürfnis, die Sache klarzustellen.

Elmar Stephan

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