Schwertransport rollt durch Niedersachsen

„Frieder fährt wie der Teufel“

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Der Schwertransport rollte drei Tage durch Niedersachsen, dann erreicht er sein Ziel in Alfeld.

Hildesheim - Am Dienstag startete der Kolloss, in der Nacht zum Freitag erreicht er endlich sein Ziel. Wie eine 251 Tonnen schwere Walze von Grohnde auf einem riesigen Schwertransport zur Papierfabrik in Alfeld gebracht wird.

Sie wären mit sechs Stundenkilometern zufrieden gewesen – und jetzt das. Keine 20 Minuten nach dem Start rollt der 251 Tonnen schwere Koloss schon aufs Eimer Kreuz bei Elze (Kreis Hildesheim) zu, und das mit Tempo 20. „Frieder fährt wie der Teufel“, sagt Polizist Peter Trümper, der mit Einsatzleiter Georg Sauer im Bulli den Schwertransport anführt. Sauer grinst und blickt in den Rückspiegel. Der „Teufel“ trägt einen grünen Overall und ist die Ruhe selbst. Frieder Saam sitzt hinter dem Lenkrad seiner 600 PS starken Zugmaschine. Drei Tage schon hat er die Stahlwalze im Rücken, die er von der Weser bis zur Papierfabrik Sappi in Alfeld bugsieren muss. Im Schneckentempo.

Im hügeligen Weserbergland mit seinen kleinen Dörfern mussten für den 6,60 Meter breiten und 7,80 Meter hohen Zylinder sogar Dachrinnen abmontiert werden. Besonders die nicht immer ebenen Straßen haben es in sich. Der Schwerpunkt der Ladung liegt so hoch, dass Fahrer Saam ständig den Neigungswinkel des Zylinders im Auge behalten muss. Obwohl der Koloss bombensicher im stählernen Transportkorsett klemmt und mit sechs Ketten zusätzlich gesichert ist: Bei einem Neigungswinkel von 15 Grad würde der Riese losrollen und alles plattwalzen. Deshalb geht Saam auf Nummer sicher, mehr als sechs Grad geht nicht. Jede Neigung gleicht er mit der Hydraulik aus. Das ist mitunter hohe Physik.

Umso besser, wenn Saam wie auf den ersten Kilometern mal sanft Gas geben kann. Das ändert sich beim ersten Hindernis am Eimer Kreuz. Die steile Zufahrt auf die Bundesstraße 240 ist so eng, dass der Grünstreifen kurzerhand zur Fahrbahn umfunktioniert wird. Für die vielen Schaulustigen auf der Brücke muss das wie ein riesiges Durcheinander wirken. Mehrere Lastwagen stehen mit laufenden Motoren im Rangierbereich, Männer in Signalwesten verlegen Gummimatten und Stahlplatten, Dieselmief liegt in der Luft. Es ist laut. Und doch braucht niemand ein Kommando, jeder weiß, was er zu tun hat.Von der Baustellen-Absperrfirma BAS, deren Mitarbeiter schon jetzt die Verkehrsschilder am nahen Gronauer Kreisel aus den Fundamenten heben und ins Gras werfen. Über den Hebebühnenspezialisten aus Plön, der dem Zylinder, wenn es sein muss, mit der Kettensäge den Weg freischneidet. Bis zur Polizei, die mit 25 Beamten, darunter acht Motorradfahrern, den Tross begleitet, der am Rande der Straße kleine Volksfeste auslöst. So warten an einem Kreisel in Gronau etwa 800 Einheimische gut gelaunt auf das Großereignis. Aus Lautsprecherboxen in einem Ford wummern die Beats, dazu gibt es Flaschenbier im Stehen oder Fachgespräche im Klappstuhl. „Volksfeststimmung“, sagt Polizist Sauer, der ähnliches schon im Weserbergland erlebt hat: „Fehlen nur die Bratwürste.“

Frieder Saam fehlt hingegen der Platz zum Rangieren. „Da müssen wir die Leute wegkriegen, das sieht ja verheerend aus“, sagt er über Funk. Als ob die Polizisten das nicht schon versucht hätten. „Mindestens zehnmal – aber kaum dreht man sich um, gehen die wieder hin“, sagt ein Beamter. Einsatzleiter Sauer versucht es deshalb auf die lockere Art, greift zum Mikrofon: „Liebe Gronauer, alles, was hier rechts steht, muss links auf die Seite“, sagt er. „Und links hört auf zu lachen!“ Tatsächlich trollen sich die Leute. Die meisten zumindest.

Als Saam den Kreisel im Schneckentempo passiert hat, gibt es Applaus. Der 48-Jährige bedankt sich mit zwei ohrenbetäubenden Hup-Stößen. Es geht jetzt auf kürzestem Weg zum Ziel, südwärts in Richtung Alfeld. Der Tross kriecht durch die Dunkelheit, das Flackern der orangefarbenen Rundumleuchten durchzuckt die Finsternis. Im Licht der Scheinwerfer behält Saam alles im Blick. Die Fahrbahn, die Baumkronen, all die Begleitfahrzeuge und natürlich den Zylinder, den er permanent durch sechs Außenspiegel kontrolliert. „Ufbassa, in Rheden hängt die Straße saumäßig nach links“, sagt er über Funk seinen beiden Kollegen, die während der gesamten Fahrt mit ihren elektronischen Wasserwaagen vor und hinter dem Zylinder auf dem 20-Achser stehen und den Neigungswinkel prüfen. „4,1“, meldet einer prompt. Saam stoppt den Laster, klettert auf den Leitstand und öffnet den Hydraulikregler. Weiter bis zum nächsten Hindernis. Es ist eines, das es in sich hat.

Exakt um 1.27 Uhr parkt Berufskraftfahrer Saam seine gewaltige Fracht hinter dem Fabrikgelände. „Das war’s“, sagt er, als er aus der Fahrerkabine steigt, um noch einmal sämtliche Hydraulikventile zu sichern. So ganz war es das natürlich nicht. Wenn in den kommenden Wochen ein 1200-Tonnen Kran nach Alfeld gebracht wird, mit dem der Zylinder in die Papiermaschine gehievt werden soll, sind wieder die schwäbischen Schwertransporteure am Start. Aber vorher hat Frieder Saam ein ganz anderes Projekt: „Urlaub!“

Christian Wolters und Peter Rüttgers

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