„Hurricane“-Besucher trotzen dem Unwetter

Friedliches Sturmfest

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Foto: Trotz Schlamms und schlechten Wetters herrscht beim „Hurricane“-Festival ausgelassene Stimmung.

Scheeßel - Matsch wohin man auch schaut beim Hurricane-Festival in Scheeßel. Die Polizei mahnt die Besucher zum Abschluss, nur langsam vom Gelände zu fahren, um nicht im Schlamm stecken zu bleiben.

„So hoch stand das Wasser im Zelt“, sagt Jeanette Campell und hält beiden Hände im Abstand von fünf Zentimetern übereinander. Der Sturzregen, der Donnerstag über dem Campingplatz niederging, hat auch die 29-jährige Britin nicht verschont. Ihre Klamotten sind auch zwei Tage später noch klamm, die Schuhe schlammverkrustet.

Aber das ist jetzt egal: Zusammen mit ihrem Bruder Andrew und dem Rest der Clique steht Jeanette vor der Hauptbühne des „Hurricane"-Festivals und wartet auf die Arctic Monkeys. Allein wegen der Rockband aus Sheffield ist die quirlige Londonerin nach Scheeßel (Landkreis Rotenburg) zu Niedersachsens größtem Rockfestival gekommen. Nicht ganz so weit hatten es Luca und seine Freundin Tomke, die ganz vorne jubeln, als Sänger Alex Turner mit dem rotzigen „Dancing Shoes" den Innenraum vor dem ersten Wellenbrecher in eine riesige Tanzfläche verwandelt. Luca kommt aus Wolfsburg und hat sich extra fürs „Hurricane" ein plüschiges Hai-Ganzkörperkostüm besorgt, seine Freundin Tomke ist im Affenkostüm gekommen – wegen der Arctic Monkeys – und schwenkt eine große Gummibanane.

Einen Abend zuvor hatten dort die deutschen Schwermetaller Rammstein mit dem Feuer gespielt. „Du liebst mich, denn ich lieb dich nicht", grunzt Sänger Till Lindemann, nachdem er in einem funkensprühenden Metallkäfig vom Bühnendach eingeschwebt ist - und Zehntausende gröhlen mit. Hinter dem Hünen schießen Feuersäulen aus dem Bühnenboden, wenig später feuert das Muskelpaket mit einem Flammenwerfer in den Nachthimmel. Es ist ein bombastisches Spektakel, das Rammstein hier abfackeln. Und natürlich: ein Spiel mit dem Tabubruch.

Das Kokettieren mit Leni-Riefenstahl-Überwaltigungsästhetik, Songs über Kannibalismus, Inzest oder Sado-Maso-Praktiken polarisieren noch immer. Wenn bis zur letzten Bierbude fröhlich bei „Links 2-3-4" im Takt mitmarschiert wird, ist das für viele befremdlich. „Sie wollen mein Herz am rechten Fleck / Doch seh ich nach unten weg / Da schlägt es links / Links zwo drei vier", singt Lindemann, doch diese Distanzierung geht im martialischen Gitarrengewitter etwas unter. Bei „Benzin" wird ein Komparse in Brand gesetzt (und wenig später problemlos gelöscht), zu „Reise, Reise" ejakuliert Lindemann zum Abschied mit einer Schaumkanone ins Publikum. „Ein überkrasses Konzert", meint Luca aus Wolfsburg hinterher.

Das 17. „Hurricane" ist eine fröhliche Party. Als die kanadischen Zwillinge Tegan & Sara ihre Synthesizer aufdrehen, fliegt Konfetti. Dem Sänger der US-Band The National, bekannt für ihre melancholischen, schwelgerischen Songs, gefällt es in Scheeßel so gut, dass er über die Absperrungen klettert und mit dem Publikum im Matsch tanzte - in blauen Gummistiefeln zum schwarzen Anzug.

Mit 1400 Kubikmetern Rindenmulch versuchten die Organisatoren, am Sonnabend und Sonntag die völlig aufgeweichten Hauptwege zu befestigen – und waren erleichtert, als es am letzten Tag weitgehend trocken blieb.

Zwei Unwetterwarnungen hatte es schon vor Beginn des Festivals gegeben. Nachdem am Donnerstag mehr als 45 Millimeter Niederschlag die Zufahrt zu den meisten Campingplätzen unpassierbar gemacht hatten, mussten die Besucher mehr als vier Stunden wenige Kilometer vom Eichenring-Stadion entfernt in ihren Autos ausharren, ehe die Letzten gegen zwei Uhr nachts endlich aufs Gelände fahren konnten.

Besucher, Bands und Bühnentechniker trotzen dem widrigen Wetter. Lediglich ein Konzert musste abgesagt werden - das Equipment der Gruppe Tame Impala steckte zu lange beim belgischen Zoll fest.

Ein Wohnmobil ging beim Grillen versehentlich in Flammen auf, sechs Dixieklos wurden vorsätzlich in Brand gesteckt. 47 Taschendiebstähle und 18 Körperverletzungen verzeichnete Polizeichef Heiner van der Warp am Sonntagnachmittag. Für eine Festival mit 73.000 Besuchern sei das nicht besonders viel. „Die trinken ordentlich und nehmen auch mal was anderes", sagte er.

Und sie stehen trotzen früh auf: Am Sonntag wollten viele Hip-Hopper Prinz Pi sehen, ehe der US-Rapper Macklemoore die Zuschauer noch viele hundert Meter von der Bühne entfernt zum Tänzen brachte. Der Matsch war da fast überall getrocknet - die Besucher wird er zu Hause aber noch ans Hurricane erinnern.

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