Milch marsch

So funktioniert ein Hightech-Kuhstall

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Foto: Melkroboter im Kuhstall von Hauke Ahrens. Hier gehen die Kühe selbst hinein.

Großenkneten - Stillstand gibt es im Kuhstall von Hauke Ahrens fast nie. Gerade spricht der Landwirt von der nächsten Ausbaustufe – und meint damit, dass er zusätzlichen Platz für weitere Milchkühe schaffen will. Ahrens hat auf seinem Hof schon jetzt 318 Tiere und ist damit einer der größten Milchbauern in Niedersachsen.

Bei Hauke Ahrens werden es bald an die 400 sein, aber dann ist Schluss, sagt der 41-Jährige. Ein anderer Milchbauer plant dagegen in noch ganz anderen Dimensionen. In Thedinghausen in der Nähe von Bremen etwa gab es im vergangenen Jahr Ärger, weil der Landwirt dort 1400 Milchkühe halten will. Ein so großer Stall wäre für ihn nichts, versichert Ahrens. „Man muss das als Einzelner noch managen können.“

So reden Landwirte heute über ihre Arbeit: Da ist von Ausbaustufen und Management die Rede, als handele es sich um Industrieproduktion. Wobei neuerdings in einigen Ställen Roboter einen großen Teil der Arbeit erledigen, auch auf dem Ahrens-Hof in Großenkneten. Er selbst sieht das so: „50 Kühe ohne Maschinen zu halten ist aufwendiger als 300 mit den Robotern.“

Zum Beispiel hat er den sogenannten Futterschieber. Den roten Koloss hat der Landwirt so programmiert, dass er eigenständig durch die Gänge im Stall wandert und den Kühen ihren „Eintopf“ zuschiebt. So nennt Ahrens das Futter. Es ist ein Gemisch aus Mais- und Grassilage mit weiteren Zutaten wie Karotten. 55 Kilo davon frisst jede Kuh am Tag und schiebt es dabei mit der Schnauze außer Reichweite. Früher mussten Ahrens oder einer der Lehrlinge mit dem Besen dagegenarbeiten. Jetzt gibt es den Roboter. Noch mehr aber schätzt der 41-Jährige wahrscheinlich seinen Spaltenroboter. „Das ist kein schöner Beruf.“ Das Gerät wandert einmal stündlich unfallfrei zwischen den Beinen der Kühe durch den Stall: Es holt den Dung der Tiere aus den Boxen. So bleiben die Hufe trocken.

Das Herz der modernen Milchproduktion sind aber die Melkroboter. Gemolken wird hier nicht mehr einmal morgens und einmal abends im Melkstand, sondern 24 Stunden am Tag. Vier Maschinen erledigen das. Um genau zu sein: Die Kühe erledigen das selbst.

Die Tiere habe in dem großen, lichten Stall viel Freiheit. Sie können frei entscheiden, wann und wo sie fressen oder liegen. Und die Kühe entscheiden selbst, wann sie gemolken werden. Wenn einer danach ist, geht sie in einen der Melkräume. Ist besetzt, stehen die Tiere geduldig in der Schlange. Wer zu früh kommt, wird von der Maschine gnadenlos rausgeworfen. Im Roboter tastet ein Laser das Euter ab. Daran erkennt die Maschine jede einzelne Kuh. Bürsten reinigen die Zitzen. „Den Kühen gefällt das. Das dient auch der Stimulation.“

Dann fließt die Milch. Der Roboter registriert, ob die Kuh regelmäßig zum Melken erscheint, wie viel sie gibt, wie der Anteil von Fett und Eiweiß ist, wie viel die Kuh wiegt und ob sie Fieber hat. In seinem Büro kann Ahrens all die Daten im Computer abrufen. „Die Arbeit am PC wird immer wichtiger“, sagt er. Aus der Datenbank weiß er: Seine Kühe lassen sich dreimal am Tag melken, die guten sogar viermal. Jedes Mal geben sie im Schnitt elf Liter Milch. Er liefert im Jahr gute drei Millionen Liter an die Molkerei Ammerland ab. „Selbst kann ich die nicht trinken“, sagt Ahrens.

„We speak Milk“, heißt es auf der Internetseite der Molkerei. Sie ist auch auf Englisch, Ungarisch und Spanisch abrufbar. Die Genossenschaft unterhält Büros in den USA und Asien. Ahrens wundert sich manchmal über das Geschäft: „Es ist günstiger, einen Container Milchpulver mit dem Schiff nach China zu bringen als mit dem Lkw nach Bayern. Das ist verrückt.“ Deutsches Milchpulver ist in Asien sehr gefragt. „Die wissen, dass deutsche Ware gut ist“, glaubt Ahrens. Der günstige Euro tut ein Übriges.Milchwirtschaft heute hat nur noch wenig damit zu tun, wie noch der Großvater und Vater ihre Höfe bewirtschaftet haben. Zwischen 1955 und heute hat die Zahl der Milchviehbetriebe rapide abgenommen. Ahrens holt die Daten beim Kaffee in der Küche aus einer Verbandszeitschrift. Auch Kühe gibt es weniger, sie geben aber deutlich mehr Milch als noch vor gut 60 Jahren. Im vergangenen Jahr hat die Produktion noch einmal angezogen. Auch haben die Landwirte mehr Kühe angeschafft. Marktbeobachter führen das auf die Abschaffung der Milchquote zurück. Seit April dürfen Bauern erstmals seit 1984 wieder so viel Milch produzieren wie sie wollen.

Viele suchen schon länger ihr Heil in Größe. Die Ahrens-Familie hat früh damit begonnen. 1979 hat der Vater von 28 auf 50 Kühe erweitert, 2001 kamen noch einmal 20 hinzu. 2002 haben Vater und Sohn den jetzigen Stall gebaut und dort 130 Tiere gehalten. Vor vier Jahren kam die erste Ausbaustufe mit heute 318 Kühen. Von 10 000 Euro Investitionskosten pro Kuhplatz spricht der Landwirt – einen großen Teil der Kosten, 1,6 Millionen Euro, hat der Zukauf der Milchquoten verursacht. Deren Abschaffung hält er für richtig: „Die Quote hat die ganzen Jahre über nichts gebracht – außer den abgebenden Betrieben.“

Ob Größe ein Weg für alle Milchbauern ist? Ahrens mag keine Empfehlung abgeben. „Es ist aber schwierig, zwei Familien mit 50 Kühen zu ernähren“, sagt der 41-Jährige. Er und seine Frau Britta haben zwei Kinder, und seine Eltern leben auch auf dem Hof, den die Familie Ahrens seit 1640 bewirtschaftet.

Die Arbeitsgemeinschaft Bäuerliche Landwirtschaft kritisiert große Ställe wie den von Ahrens dafür, dass die Kühe das ganze Jahr über im Stall stehen und nur Silage statt frisches Gras auf der Wiese fressen. Tatsächlich betreten seine Tiere nur ein mal im Jahr im Juni die satte oldenburgische Weide hinter dem Stall. Aber, sagt Ahrens, und das ist ihm wichtig: Früher hätten die Kühe ein halbes Jahr angebunden im Stall verbracht. „Das kann nicht gut gewesen sein.“ Seinen 300 Kühen geht es heute deutlich besser, findet er.

Von Karl Doeleke

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