Ex-Häftling unter Verdacht

Fußfessel-Träger begeht Verbrechen

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Göttingen - Eine Fußfessel soll eigentlich weitere Verbrechen eines Straftäters verhindern. Doch in Hann. Münden soll ein Ex-Häftling trotz der elektronischen Überwachung an einem Raubüberfall auf eine 72-Jährige beteiligt gewesen sein. Der Sender verriet den Mann und seinen Komplizen.

Erstmals hat die Polizei in Niedersachsen ein Gewaltverbrechen mit Hilfe einer elektronischen Fußfessel aufgeklärt. Ein 32-jähriger Sexualstraftäter, der seit seiner Haftentlassung eine Fußfessel tragen muss, hat gestanden, am vergangenen Sonnabend an einem Raubüberfall auf eine 72-jährige Rentnerin in Hann. Münden beteiligt gewesen zu sein. Der Mann aus Duderstadt war bereits kurz nach der Tat in Verdacht geraten. Eine Überprüfung der von der Fußfessel gesendeten Daten habe dann ergeben, dass sich der Verdächtige zur Tatzeit in der Nähe des Tatortes aufgehalten habe, sagte der Göttinger Polizeipräsident Robert Kruse am Freitag.

Nach seiner Festnahme hatte der 32-Jährige der Polizei den mutmaßlichen Haupttäter genannt. Bei ihm handelt es sich um einen einschlägig vorbestraften 33-jährigen Drogenabhängigen aus dem Landkreis Peine. Er sitzt inzwischen ebenfalls in Untersuchungshaft. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen ihn wegen versuchten Mordes, schweren Raubes und gefährlicher Körperverletzung. Der 32-Jährige soll Beihilfe zum Raub geleistet haben.

Nach Angaben der Ermittler kannten sich die beiden Tatverdächtigen aus dem Gefängnis. Der 32-jährige gebürtige Thüringer habe seit seinem 14. Lebensjahr immer wieder Straftaten begangen, sagte die Sprecherin des Landgerichts Göttingen, Cornelia Marahrens. Neben diversen Sexualstraftaten soll er auch verschiedene Gewalt- und Diebstahlsdelikte begangen haben, bei denen ältere Menschen die Opfer waren. Nachdem er seine vorerst letzte Haftstrafe von 14 Monaten verbüßt hatte, stand er aufgrund einer Anordnung des Amtsgerichts Arnstadt unter unbefristeter Führungsaufsicht und musste eine elektronische Fußfessel tragen. Seit November 2012 lebte er in Duderstadt.

Der 32-Jährige ist der erste Straftäter in Niedersachsen mit einer elektronischen Fußfessel. Derzeit gibt es landesweit zwei Straftäter, die derart überwacht werden. Aus dem Justizministerium hieß es, die Tat sei kein Grund, den Einsatz von Fußfesseln als Über-
wachungsinstrument zu überdenken. „Es stellt sich vor dem Hintergrund des Einzelfalls im Moment nicht die Frage, darüber nachzudenken, wie die gesetzliche Regelung ist“, sagte Ministeriumssprecher Alexander Wiemerslage.

Der 32-Jährige habe für ein soziales Unternehmen gearbeitet und bei Umzügen geholfen, sagte der Leiter des Zentralen Kriminaldienstes der Polizeiinspektion Göttingen, Volker Warnecke. Bei dieser Gelegenheit sei er auch in der Wohnung der 72-jährigen Frau in Hann. Münden gekommen. Als er kürzlich seinen früheren Gefängniskumpel aus Peine traf, habe er diesem erzählt, dass die Rentnerin eine größere Menge Bargeld in ihrer Wohnung habe. Der 33-jährige Drogensüchtige war erst im Dezember vorzeitig entlassen worden, wo er wegen schweren Raubes und gefährlicher Körperverletzung eine Haftstrafe von dreieinhalb Jahren und sechs Monaten zu verbüßen hatte.

Nach den Erkenntnissen der Ermittler fuhr der Fußfesselträger seinen Kumpanen am Sonnabend nach Hann. Münden. Der 33-Jährige soll sich dort Zugang zur Wohnung der Rentnerin verschafft und sie so lange stranguliert und gewürgt haben, bis er kein Lebenszeichen mehr feststellte. Anschließend habe er die Wohnung durchsucht, aber nichts Wertvolles gefunden, sagte der Sprecher der Staatsanwaltschaft, Andreas Buick.

Die Rentnerin war bei dem Überfall schwer verletzt worden. Nach Angaben der Polizei ist sie inzwischen außer Lebensgefahr. Die 72-Jährige erlitt unter anderem einen Kieferbruch sowie diverse Prellungen und Verletzungen.

Stichwort Elektronische Fußfessel

Die elektronische Fußfessel ist keine Fessel im eigentlichen Sinn. Es handelt sich um einen Sender zur Aufenthaltsüberwachung, der am Körper getragen wird. Der Apparat funktioniert mit dem von Navigationsgeräten bekannten GPS-System. Der Aufenthaltsort des Trägers wird ständig an eine Überwachungsstelle der Bundesländer im hessischen Bad Vilbel übermittelt. Von dort aus werden deutschlandweit derzeit 67 Fußfesselträger kontrolliert.

Einige davon sind nach Angaben aus dem hessischen Justizministerium auch ehemalige Sicherungsverwahrte, die nach einer Entscheidung des Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte aus den Gefängnissen entlassen werden mussten. Die Idee der Fußfessel stammt aus den USA. In Deutschland gibt es die Möglichkeit zur Überwachung rückfallgefährdeter Gewalt- und Sexualverbrecher nach Verbüßung ihrer normalen Haft seit 2011. Angeordnet wird die Fußfessel vom Gericht, das die Bereiche festlegt, in denen sich ein überwachter Ex-Häftling aufhalten muss. Alarm wird ausgelöst, wenn ein Betroffener sich nicht an die Auflagen hält oder den Sender manipuliert - und auch bei technischen Pannen.

Von Heidi Niemann

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