Naturkatastrophe auf Vanuatu

„Ganze Dörfer wurden weggeblasen“

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Foto: Der Zyklon „Pam“ fegte mit Windgeschwindigkeiten von über 300 Kilometern in der Stunde über den Pazifikstaat.

Port Vila - Im Südpazifik auf der Hauptinsel Vanuatus haben nach dem Zyklon "Pam" die Aufräumarbeiten begonnen.In der Nacht zu Sonnabend war der Zyklon mit Windgeschwindigkeiten von über 300 Kilometern in der Stunde über den Pazifikstaat gefegt. Acht Menschen kamen dabei ums Leben.

Port Vila – Die Stimme zittert. Die Frau, der sie gehört, ist voller Angst. Von draußen, aus der Dunkelheit, hört sie einen gewaltigen Lärm – und sie weiß nicht, ob dieses Wüten der Welt auch sie erreichen wird. „Ich sitze im Hotel im Badezimmer und presse mich gegen die Tür“, sagt Alice Clements vom UN-Kinderhilfswerk Unicef in Port Vila in ihr Handy. „Die ganze Balkonfront ist gerade zerborsten, und es hört sich an, als ob das Dach gleich abhebt.“ Es ist kurz nach Mitternacht, Licht gibt es nicht mehr. „Ich füchte um mein Leben“, fügt sie noch hinzu.

Was Alice Clements in diesem Moment in der Hauptstadt der Inselrepublik Vanuatu erlebte, war einer der mächtigsten Zyklone aller Zeiten. Mit bis zu 300 Stundenkilometern fegte „Pam“ in der Nacht zu Sonnabend über den Südpazifik hinweg – und riss alles mit, was ihm im Wege stand. Häuser. Autos. Bäume. Menschen.

Auch zwei Tage nach der Katastrophe ist das Ausmaß der Verwüstung noch nicht abzusehen. Acht Tote, das ist die Zahl, die die Behörden zunächst nennen. Doch die Hilfsorganisationen rechnen mit sehr viel mehr Opfern. Das UN-Büro für die Koordinierung humanitärer Hilfe (Ocha) ging Berichten über mindestens 44 Tote in nur einer Provinz nach. Die Helfer konnten bis gestern nur Teile der Hauptinsel in Augenschein nehmen, die meisten der rund 80 weiteren Inseln waren von der Außenwelt abgeschnitten. Der Zyklon dürfte viele mit voller Wucht getroffen haben.

Klar ist bislang nur: „Vanuatu hat ein Desaster dieses Ausmaßes in seiner jüngeren Geschichte noch nicht erlebt“, sagt Sune Gudnitz, Chef des Pazifikbüros von Ocha. „Pam“ könne eine der „schlimmsten Unwetterkatastrophen in der pazifischen Geschichte“ sein, warnte das UN-Kinderhilfswerk Unicef.

Wer diese Nacht in Vanuatu erlebt hat, beschreibt ein albtraumhaftes Geschehen – wie zum Beispiel die Studentin Desiree Hetzel aus Karlsruhe, die gerade in Port Vila für ihre Masterarbeit zum Thema Klimawandel recherchiert. „Wir haben uns im Haus verbarrikadiert. Aber durch alle Ritzen kam Wasser.“ Die ganze Nacht über versuchen sie und ihre Mitbewohner, das Wasser in Eimer zu bekommen und hinauszuschaffen. Als sie sich am Morgen zum ersten Mal nach draußen wagt, bietet sich ihr ein Anblick der Zerstörung: „Alle Bäume sind weg oder haben zumeist keine Blätter mehr. Überall lagen irgendwelche Wellblechteile, Schilder, Äste und so weiter herum.“

Das Ausmaß der Katastrophe ist gewaltig

Am Tag danach, am Sonnabend, herrscht erst einmal gespenstische Stille. Port Vila? „Ein Bild absoluter Verwüstung“, sagt Chloe Morrison vom Hilfswerk World Vision. Übrig sind verbeulte Wellblechhüttenwände, um die tosendes Wasser spült. Menschen waten mit ihrem letzten Hab und Gut in einer armseligen Plastiktüte durch knietiefes Wasser. Eine Familie hat eine alte Plastikplane über die Reste ihrer Hütte geworfen.

„Sämtliche Vegetation in und um Port Vila liegt flach, Telefon- und Strommasten liegen auf der Straße“, sagt Christopher Bartlett, der für die deutsche Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit in Vanuatu ist. „Man konnte in den ersten 36 Stunden kaum aus dem Haus, weil Stromkabel abgerissen über den Straßen hingen.“

Wie es aber auf den anderen Inseln aussieht, weiß auch am Sonntag niemand. Mehr als 180.000 Menschen sind von der Außenwelt abgeschnitten, kein Handy funktioniert, niemand hat Kontakt. „Wir haben eben eine Luftaufnahme gesehen, von einer anderen Insel: Es sah so aus, als seien alle Häuserreihen komplett zerstört“, berichtet die deutsche Studentin Desiree Hetzel. „Wir haben gehört, dass ganze Dörfer weggeblasen wurden“, sagt Chloe Morrison von World Vision.

Auch Nachbarstaaten Vanuatus meldeten schwere Schäden. In Tuvalu seien 45 Prozent der 10.000 Einwohner schwer getroffen, sagte Regierungschef Enele Sopoaga. „Wir machen uns Sorgen, ob Nahrung, Trinkwasser und Arzneimittel reichen.“ Sowohl in Vanuatu als auch in Tuvalu riefen die Regierungen den Notstand aus.

Erste Hilfslieferungen trafen gestern in Port Vila ein. Zwei Flugzeuge der australischen Luftwaffe brachten Lebensmittel, Zelte und Medikamente. Die Europäische Union stellte eine Million Euro bereit, weitere Millionenspenden kamen von Großbritannien und Australien, das auch Hilfsteams schickte.

Wenn es einen Lichtblick inmitten der Tragödie gibt, dann ist es wohl die Hilfsbereitschaft der Bewohner von Vanuatu. Als Erstes, berichtet Chloe Morrison, habe sich jeder um den Nachbarn gekümmert: „Das ist typisch, die Leute halten zusammen hier.“ Doch es ist unsicher, ob die Menschen mit ihrem Gemüt den Folgen der Katastrophe auf Dauer trotzen können. „Unsere Hoffnung auf eine blühende Zukunft ist zerstört“, sagte Vanuatus Präsident Baldwin Lonsdale einer UN-Konferenz zur Katastrophenvorsorge in Japan. Er kämpfte dabei mit den Tränen.

Von Christine Oelrich

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