Niersächsische Schulen im Vergleich

Ganztagsschule – oft eine halbe Sache

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Foto: Nachmittags in der Regel freiwillig: Betreuung an Grundschulen.

Göttingen - Die niedersächsischen Ganztagsgrundschulen verdienen nach Ansicht des Göttinger Bildungsforschers Peter Brammer diesen Namen eigentlich nicht. Es seien Schulen mit Unterricht am Vormittag und einem freiwilligen Betreuungsangebot an einigen Nachmittagen, oft von schlecht bezahlten Honorarkräften.

Im internationalen Sinne seien Ganztagsschulen jedoch etwas ganz anderes, heißt es in der jüngsten Studie der Göttinger Georg-August-Universität. Unter Ganztagsschulen verstehe man eigentlich ein abgestimmtes pädagogisches Prinzip aus Unterricht, Förderangeboten, Arbeitsgemeinschaften, Sport und Musik. Die Kinder würden in der Regel an vier Tagen in der Woche zwischen 8 und 16 Uhr professionell betreut, meist von Lehrern. Die Schüler bekämen ein Mittagessen, die Teilnahme am Ganztagsbetrieb sei an vier Tagen grundsätzlich verpflichtend. Ganztagsunterricht kann nicht abgewählt werden.

Diese international gängigen Voraussetzungen erfülle keine der untersuchten Göttinger Grundschulen, sagt Brammer. Die bislang vom Land zugewiesenen 2,5 Lehrerstunden nur in den Klassen 3 und 4 machten es den Schulen unmöglich, ein Ganztagskonzept zu entwickeln, das diesen Namen zu Recht trage. Für die ersten und zweiten Klassen gibt es derzeit vom Land noch keine personellen Zuweisungen an Lehrerstunden.

Kultusministerin Frauke Heiligenstadt (SPD) will die Ganztagsschulen allerdings besser ausstatten. Zu Oppositionszeiten hatte sie stets den niedersächsischen Weg als „Ganztagsschule light“ verspottet. 259 Millionen Euro will sie in den nächsten Jahren investieren, um bis 2017 die Ausstattung der Ganztagsschulen um das Dreifache zu erhöhen. Bislang haben nur 400 der landesweit 1600 Ganztagsschulen ein verpflichtendes Angebot mit Nachmittagsunterricht, die übrigen 1200 machen nur freiwillige Angebote wie Sport- oder Musikkurse.

Nach Ansicht der Göttinger Bildungsforscher wäre für alle Jahrgänge der Grundschule eine Mindestausstattung von 2,5 Lehrerstunden pro Klasse nötig, und das an vier Tagen in der Woche. Dann hätte jede Klasse zehn zusätzliche Stunden, für Lehrer und anderes zusätzliches Personal wie beispielsweise Sozialpädagogen. Kritisch sehen die Wissenschaftler auch die Möglichkeit, dass Schulen die zugewiesenen Lehrerstunden „kapitalisieren“, also in Geld umwandeln und davon Honorarkräfte zu niedrigen Stundenlöhnen bezahlen können.

Brammer bemängelt: „Schulen werden staatlicherseits angehalten, Lohndumping zu praktizieren, um nachmittags Arbeitsgemeinschaften, Förderunterricht oder Hausaufgabenbetreuung anzubieten. Das sind aber Tätigkeiten, die durch professionelles Personal geleistet werden sollten.“Ein pädagogisch sinnvoll abgestimmtes Konzept von Unterricht und Nachmittagsangeboten habe keine der untersuchten Schulen vorweisen können, heißt es in der Studie: „Es handelt sich also um Grundschulen mit freiwilligem Nachmittagsangebot für Schüler, das von außerschulischem, unterbezahltem Personal angeboten wird. Wenn das Kultusministerium diese Schulen als Ganztagsschulen oder offene Ganztagsschulen bezeichnet, ist das Etikettenschwindel.“

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