Verteidigerwechsel

Garbsener überzeugt Kachelmann von Anwalt Schwenn

- Der Garbsener Ralf Witte, der zu Unrecht im Gefängnis saß, hat Wettermoderator Jörg Kachelmann von seinem Verteidiger Johann Schwenn überzeugt. „Guten Tag, Herr Kachelmann“, schrieb Witte in einer Mail: „Mein Name ist Ralf Witte, und ich bin vor Kurzem am Landgericht Lüneburg von dem Vorwurf der Vergewaltigung freigesprochen worden, dank meines Verteidigers, Johann Schwenn aus Hamburg.“

Jörg Kachelmann kennt sich aus mit Vorhersagen. „Herr Witte, Sie sind schuld, wenn es nächste Woche einen Medienknall geben wird“, hat der frühere ARD-Wettermoderator Ende November am Telefon zu seinem Gesprächspartner aus Garbsen bei Hannover zum Abschied gesagt. Kachelmann hat mit seiner Prognose recht behalten. Allerdings ist der Medienknall eher ein Dauergrollen. Ausgelöst hat es Kachelmanns überraschender Verteidigerwechsel.

Am 29. November hat er seinen Kölner Anwalt Reinhard Birkenstock geschasst und durch den Hamburger Juristen Johann Schwenn ersetzt. Seither verteidigt Schwenn ihn mit Verve vor dem Landgericht Mannheim gegen den Vorwurf der Vergewaltigung in einem besonders schweren Fall. Schuld daran ist also Ralf Witte.

Witte wurde in Hannover das Opfer eines Fehlurteils. Um die Glaubwürdigkeit eines vermeintlichen Vergewaltigungsopfers nicht zu gefährden, hatte die Staatsanwaltschaft verschwiegen, dass die Frau nicht nur die beiden angeklagten und schließlich auch verurteilten Männer beschuldigte, sondern sich noch weitere Täter ausdachte. Sie gab zudem an, eine Kindstötung beobachtet zu haben, die es nie gegeben hat. Die Staatsanwaltschaft alarmierte all das nicht. Witte und ein weiterer Mann blieben im Gefängnis. Bis Johann Schwenn ein Wiederaufnahmeverfahren vor dem Landgericht Lüneburg erreichte und Witte nach fünfeinhalb Jahren wieder aus dem Gefängnis holte.

„Guten Tag, Herr Kachelmann“, schrieb Witte dem Wettermann am 24. November in einer Mail: „Mein Name ist Ralf Witte, und ich bin vor Kurzem am Landgericht Lüneburg von dem Vorwurf der Vergewaltigung freigesprochen worden, dank meines Verteidigers, Johann Schwenn aus Hamburg. Ich verfolge Ihren Fall mit großem Interesse, und ich glaube, Sie sind nicht in den besten Händen mit Ihrem Anwalt. (...) Wenn es eine Möglichkeit gibt, Sie mal persönlich zu sprechen, würde ich mich über einen Anruf freuen.“ Kachelmann schrieb eine Stunde später eine Antwort: „Meine 132 Tage unschuldig im Knast sind nichts im Vergleich zu Ihrer abgesessenen Zeit, und ich befürchte, dass es noch viele Menschen sind, die wegen ähnlicher erfundener Straftaten unschuldig einsitzen.“ Die beiden telefonierten. Keine zehn Minuten später habe Kachelmanns Entschluss festgestanden, Schwenn anzuheuern. So stellt es die „Zeit“ in ihrer aktuellen Ausgabe dar.

Dass Schwenn es fertiggebracht hat, sich knapp drei Monate nach Beginn in den Prozess zu drängeln, wurde selbst in Kreisen renommierter Strafverteidiger als äußerst ungewöhnlich bewertet. Als Strippenzieherin im Hintergrund galt bislang Sabine Rückert, Gerichtsreporterin der „Zeit“. Seit Kurzem kursierte eine Mail, die sie Birkenstock im Mai geschickt haben soll. Darin empfahl die Journalistin dem Juristen, „einen Kollegen einzubinden, der Verfahren dieser Art gewachsen ist. Wenn Sie mein Buch gelesen haben, wissen Sie, wen ich in einem solchen Falle wählen würde.“ Das Buch, das sie meint, heißt „Unrecht im Namen des Volkes: Ein Justizirrtum und seine Folgen“. Der Anwalt, um den es geht, ist Schwenn, mit dessen Hilfe sie es verfasst hat. Doch Birkenstock reagierte nicht.

Wenig später machte Rückert gleich auf mehreren „Zeit“-Seiten deutlich, was sie von der Verteidigerarbeit des Kölners hält: nicht viel. Sie warf Birkenstock einen „Schmusekurs“ vor: „Auf leisen Sohlen verteidigt man nicht den Unschuldigen, sondern den Täter.“

Nach dem Engagement Schwenns stand nun der Eindruck im Raum, Rückert habe sich letztlich doch durchgesetzt und Kachelmann von Schwenns Kompetenz überzeugt. Eine Gerichtsberichterstatterin würde so Bestandteil des Verfahrens, über das sie – objektiv – zu berichten hat. Eine Situation mit Geschmäckle, die Rückert offenbar selbst aus der Welt schaffen wollte, indem sie in der aktuellen „Zeit“ nun das Geheimnis um den Verteidigerwechsel lüftete und den Garbsener als Kachelmann-Flüsterer benennt.

Auf Kachelmanns Abschiedsworte soll Witte übrigens gesagt haben: „Daran bin ich gerne schuld.“

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