Grohnder über das AKW

„Gedanken macht man sich schon“

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Immer präsent: Die beiden Kühltürme des Atomkraftwerks Grohnde gleich hinter Einfamilienhäusern.

Grohnde - Leben im Schatten des Meilers: Für die Grohnder bringt das Atomkraftwerk Wirtschaftskraft und Unbehagen zugleich. Eine Reportage.

Vergessen kann Karl-Heinz Neubauer das Atomkraftwerk nicht. Wenn er aus dem Haus tritt, wenn er heimkommt, immer sieht der Grohnder die beiden Kühltürme. Kein Kilometer liegt zwischen seinem Haus in der Ohsener Straße und dem Kernkraftwerk, das seit Sonnabend wieder am Netz ist. Wie zwei Ausrufezeichen stehen die Kühltürme inmitten der idyllischen Landschaft im Weserbergland. Seit 18 Jahren wohnt Neubauer dort, im Schatten des Meilers.

Vergessen kann er es nicht, aber verdrängen muss Karl-Heinz Neubauer das Kraftwerk. „Wenn ich Angst hätte, müsste ich konsequent sein und wegziehen“, sagt der 60-Jährige. Als er damals in den Ort zog, habe er das Kraftwerk, das da vor den Toren Grohndes steht, ignoriert. „Meine Frau stammt von hier. Wir waren frisch verliebt, da denkt man über so etwas nicht nach.“ Heute sei das etwas anders. „Meine Tochter, die hier aufgewachsen ist, hat es mit der Schilddrüse.“ Natürlich könne er nicht beweisen, dass dies mit eventueller Strahlung aus dem Kraftwerk zusammenhänge, sagt der 60-Jährige. „Aber Gedanken macht man sich schon.“

Er habe das Gefühl, dass „die meisten Grohnder zu wenige Fragen stellen – etwa welche Auswirkungen das Kraftwerk auf ihre Gesundheit haben kann“, sagt der gebürtige Baden-Württemberger. Eine Anti-AKW-Bewegung gebe es in dem kleinen Ort nicht. „Wenn hier eine Demo gegen des Kernkraftwerk läuft, sieht man kaum einen Grohnder mitlaufen. Das sind alles Leute von außerhalb, aus Göttingen oder Braunschweig“, sagt Neubauer. „Eigentlich müsste doch halb Grohnde auf den Beinen sein, wenn protestiert wird.“

Nichts weist im Ort auf eventuelle Atomkraftgegner hin, auf den Straßen keine Spur von Plakaten, Bannern, Aufklebern oder Graffiti. „Es ist schwierig, hier Meinungen über das Thema zu hören“, sagt Ortsbürgermeisterin Rita Bode. Sie hingegen hat eine: Sie fühle sich nach den vergangenen zwei Monaten, in denen das Kraftwerk zunächst aufgrund der regulären Revision und dann wegen defekter Drosselklappen und der anschließenden Prüfungen abgeschaltet war, verunsichert und spricht sogar von „Angst“. Auch ihre Schwester Karola spricht von „Gefahren, denen man sich bewusst sein muss“. Trotzdem ist sie nach 25 Jahren in ihr Elternhaus in Grohndes Nachbarort Lüntorf zurückgekehrt. „Das Kraftwerk hat mich von dieser Entscheidung nicht abgehalten“, sagt Karola Bode.

Nur die allerwenigsten in dem 1250-Einwohner-Dorf wollen reden: „Nein, kein Interesse“, ist eine häufige Antwort auf die Bitte zu erzählen, wie es sich mit dem Meiler vor der Haustür lebt. Einer, der spricht, ist Dirk Borchers. Mit seiner kleinen Fähre bringt er in Grohnde Autos, Radfahrer und Fußgänger über die Weser. „Das Atomkraftwerk? Das ist halt da“, sagt er lakonisch. Aber ignorieren könne er es auch nicht – ihm wäre es lieber, „wenn sie den Meiler schnell vom Netz nehmen“. Auch er weiß zu erzählen, wie unaufgeregt die Grohnder mit dem Kraftwerk umgehen. „Mein Eindruck ist: Je weiter weg die Menschen leben, desto mehr sind sie gegen das AKW.“

Für den Bürgermeister der Gemeinde Emmerthal, Andreas Grossmann, ist das kein Wunder. „Schließlich leben hier zahlreiche Menschen, die im Kraftwerk arbeiten, und deren Familien.“ Im AKW Grohnde sind nach Angaben des Betreibers e.on mehr als 300 Angestellte beschäftigt. „Dazu kommen aber noch die indirekten Arbeitsplätze“, sagt Grossmann. Lieferanten zählt er dazu, Handwerker, die die Sanitäranlagen reparieren, Heizungsbetriebe, Elektrofirmen. e.on beauftrage sehr häufig Unternehmen aus der Gemeinde, sagt Grossmann. Er rechnet mit insgesamt 600 bis 700 direkten oder indirekten Arbeitsplätzen. Das sei bei 10 000 Einwohnern, die in der Gemeinde leben, schon eine beträchtliche Zahl. „Das Kraftwerk ist für die Gemeinde ein großer wirtschaftlicher Faktor.“ Denn die Menschen, die dort arbeiten, zahlen Einkommensteuer und gehen vor Ort einkaufen. Lange Jahre sei es der Kommune dank des Meilers finanziell sehr gut gegangen, sagt der SPD-Politiker. „Die Gemeinde hat eine positive Entwicklung genommen, die ohne das Kraftwerk nicht möglich gewesen wäre.“ Die Einwohner Emmerthals hätten vielfach davon profitiert: Grundsteuer, Abwassergebühr, Gewerbesteuer, Hundesteuer, Kitagebühren – alles sei enorm niedrig im Vergleich zu anderen Kommunen im Landkreis gewesen. Doch seit 2007 stehe auch die Gemeinde im Süden Hamelns unter Konsolidierungsdruck. Ob e.on in der Gemeinde Emmerthal noch Gewerbesteuer zahle, dürfe er wegen des Steuergeheimnisses nicht sagen, so Grossmann. Nur so viel: „In den Haushaltsplänen ist ersichtlich, dass die Gemeinde bis 2006 jährlich über rund zehn bis elf Millionen Euro Gewerbesteuern verfügt hat.“ Seit 2006 seien es zweieinhalb bis drei Millionen Euro.

Das habe dazu geführt, dass die Kommune Steuern, Abgaben und Gebühren in den vergangenen Jahren angehoben hat. „Wir schalten mittlerweile auch die Nachtbeleuchtung auf den Straßen aus“, sagt der Bürgermeister. „Das kann natürlich niemand verstehen, dass wir ein Kraftwerk vor der Tür haben, aber nachts das Licht nicht einschalten.“

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