Modedroge

Gefährliche Droge Crystal Meth breitet sich rasant in Deutschland aus

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Foto: Eine Mitarbeiterin des Zollfahndungsamtes Dresden hält während einer Pressekonferenz des Zollfahndungsamtes Dresden sichergestelltes Crystal in den Händen.

Hannover - Die Modedroge Crystal Meth breitet sich bundesweit rasant aus und ist so gefährlich wie kaum eine andere Substanz. Wer abhängig wird, zerstört Körper und Geist – und altert in wenigen Monaten quasi um Jahre. Ein Gespräch mit einer ehemaligen Abhängigen.

Es brennt auf den Schleimhäuten, das Herz klopft, und die Pupillen werden tellergroß. „Du laberst Scheiße. Du baust Scheiße. Aber du fühlst dich wahnsinnig gut“, sagt Lena*. „Mit Crystal Meth kennst du keine Müdigkeit, spürst weder Hunger noch Durst. Dafür ist da jede Menge Mut.“ Die Droge ist eine teure Eintrittskarte in eine scheinbar unbeschwerte Welt voller Enthusiasmus. Die Konsumenten bezahlen mit sofortiger Abhängigkeit – und sehr wahrscheinlich auch mit dem Tod.

An Lenas Schule in einer sächsischen Kleinstadt gehörte der Handel mit dem Methamphetamin zum Alltag, fast wie der Matheunterricht auf dem Stundenplan und der Kakao am Pausenkiosk. Der damals 13-Jährigen ging es wie vielen ihrer Mitschüler: Sie konnte nicht widerstehen. Zu grau war das Leben um sie herum geworden, zu schwach das Selbstbewusstsein. Mit ihrer Mutter lag sie im Streit, in der Schule lief es schlecht. Da folgte sie einem Freund auf die Toilette und schniefte das Pulver, das im Rohzustand so unschuldig glitzert wie feiner, weißer Kandis.

Lenas Weg in die Sucht klingt so ­tragisch wie banal. Hunderttausende Drogenabhängige haben ihn mit ähn­lichen Worten geschildert. Doch bei Crystal Meth geht es um eine Droge, deren Zerstörungskraft eine neue Dimension erreicht. Das auch als „Ice“ oder einfach „Crank“ bezeichnete Methamphetamin wird derzeit kiloweise über die grüne Grenze aus Tschechien nach Deutschland geschmuggelt. Experten von Zoll und Landeskriminalämtern sprechen bereits von einer Flut, die sich allein mit Kontrollen schon nicht mehr eindämmen lasse. Bayern und Sachsen vermeldeten zu Beginn des Jahres eine mehr als hundertprozentige Zunahme der sichergestellten Mengen gegenüber dem Vorjahr.

Die Droge gilt als besonders teuflisch. Schon der einmalige Konsum macht psychisch abhängig. Noch dazu wirkt die Droge – egal ob geschnieft, geraucht, gespritzt – besonders aggressiv auf den Körper. Es heißt: Wer Crystal Meth nimmt, zerstört Körper und Geist – und altert in wenigen Monaten quasi um Jahre. Bernd Rößler von der Bundesfinanzdirektion Mitte in Potsdam hat in seinem Einsatzbereich schon viele Betroffene gesehen. Er sagt es noch drastischer: „Das Zeug ist Selbstmord.“

Auch die Therapeuten sind alarmiert. „Wir halten Crystal Meth für die gefährlichste Droge, die im Moment auf dem Markt ist“, sagt Christa Roth-Sackenheim, Vorsitzende des Berufsverbandes Deutscher Psychiater. Die Chancen, in einem Entzug jemals von der Droge loszukommen, stehen bei eins zu drei. So er überhaupt gelingt, dauert ein Entzug im Schnitt achtmal länger als bei Heroin.

Lena versucht es trotzdem. Seit 14 Wochen nun ist die Schülerin auf Entzug. In Großrückerswalde, ein paar Kilometer vor der tschechischen Grenze entfernt, wo die Schmuggler stetig neue Ware ins Land bringen, liegt die „Alte Flugschule“. Segelflieger sind hier seit einem halben Jahrhundert nicht mehr gestartet. Hierher kommen Drogenabhängige, für die es eigentlich keine Hoffnung mehr gibt. Als der Sozialarbeiter Uwe Wicha die Einrichtung vor 13 Jahren gründete, zählten hauptsächlich Heroinabhängige zu den Klienten. Doch mit der Ware der Schmuggler aus Tschechien hat sich auch das Gesicht der Sucht verändert. Die Mehrzahl der Abhängigen in der „Alten Flugschule“ kämpft mittlerweile gegen Crystal Meth.

Wie viele Konsumenten es derzeit wirklich gibt, weiß niemand. Die Fahnder allerdings sind sich sicher: In den schicken Diskotheken Münchens ist die Droge bereits angekommen, ebenso wie in Frankfurt, Hamburg und Berlin. Nach Meinung der ermittelnden Beamten ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis Crystal Meth auch die restlichen deutschen Ballungsräume erreicht und der Konsum von der Ländersache zu einem bundesweiten Problem wird. „Wir sind uns sicher, sagen zu können, dass die Bedrohung die ganze Bundesrepublik betrifft“, sagt etwa Wolfgang Schmitz vom Zollkriminalamt in Köln.

Der Beamte kennt sich aus in der Szene, die jenseits der deutschen Grenze in Tschechien ein gut funktionierendes System aufgebaut hat. Die in kleinen Drogenküchen hergestellten Substanzen werden meist von vietnamesischen Händlern auf den Wochenmärkten der tschechischen Kleinstädte angeboten. Oft reicht schon ein Fingerzeig, damit sie wissen, dass man es auf Crystal Meth abgesehen hat, sagt Schmitz. Die Szene ist bunt gemischt: Mitunter sind es selbst Abhängige, die den Stoff in Zigarettenschachteln, Shampooflaschen oder aber in Kondomen verpackt im eigenen Körper über die Grenze schmuggeln, um sich den eigenen Konsum durch den Verkauf zu finanzieren. Das System ist so einfach wie grausam – und erreicht mitunter auch Deutsche, die einfach nur zum billigen Tanken und Haareschneiden nach Tschechien fahren. „Es gibt Produzenten, die reichen das Zeug beim Friseur als Bonbon – und gewinnen auf diese Weise neue Kunden“, sagt Schmitz.

Das Geschäft ist offenbar äußerst lukrativ. Während die Rohstoffe für andere Drogen wie Kokain und Heroin unter großerem Risiko über den Schiffsweg oder per Flugzeug aus dem entfernten Ausland über mehrere Grenzen geschmuggelt werden müssen, braucht es für Crystal Meth nur Grundzutaten, die es frei verkäuflich in fast jeder Apotheke und im Chemiegroßhandel gibt. Die Teufelsdroge Crystal Meth – das ist im Grunde nicht viel mehr als ephedrinhaltiges Erkältungsmittel und roter Phosphor, wie er für die Herstellung von Zündhölzern gebraucht wird. Zudem ist der Stoff besonders ergiebig: 1 Kilogramm Crystal Meth ergibt etwa 40.000 Konsumeinheiten zu 25 Milligramm. Im Straßenverkauf kostet die Droge zwischen 60 und 100 Euro pro Gramm.

Auch die Suchtberater in Niedersachsen sind alarmiert: Ein erster Kurier wurde im November auf dem Weg nach Norddeutschland gestellt. Er stammt aus Hannover – und der Zoll vermutet, dass er in die niedersächsische Landeshauptstadt zurückkehren wollte. „Wir haben bisher keine Hinweise darauf, dass Crystal Meth auch hier konsumiert wird“, sagt Stefanie Schünemann von der Drogenhilfe Step. „Aber wir sind uns sicher: Crystal Meth ist ganz klar auf dem Weg zu uns. Es ist nur eine Frage der Zeit.“

* Name geändert

Dany Schrader und Matthias Pöls

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