Universitätsklinikum Kiel

Gefährlicher Keim bei toten Patienten entdeckt

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Foto: Im UKSH in Kiel haben sich mindestens 19 Patienten mit gefährlichen Keimen infiziert, fünf sind bereits verstorben.

Kiel - Ein gegen Antibiotika resistenter Keim hat sich im Universitätsklinikum in Kiel ausgebreitet. Bei fünf verstorbenen Patienten wurde der Keim nachgewiesen, 14 Patienten wurden isoliert. Zwei Intensivbereiche sind für Neuaufnahmen gesperrt. DieStiftung Patientenschutz kritisiert, das Klinikum sei überfordert.

Fünf gestorbene Patienten am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH) in Kiel hatten neben ihren teils schweren Erkrankungen auch einen gefährlichen Keim im Körper. Der Chef des UKSH, Prof. Jens Scholz, sagte am Freitag auf einer kurzfristig einberufenen Pressekonferenz, aktuell sei noch bei 14 Patienten das gegen praktisch alle Antibiotika resistente Acinetobacter baumannii nachgewiesen - insgesamt sei die Zahl aber höher als 19.

Ob allein die Vorerkrankungen oder auch der Keim in den fünf Fällen den Tod verusacht oder mitverursacht habe, sei eine offene Frage. Für gesunde Menschen sei der Keim völlig ungefährlich, bei Kranken könnten aber Infektionen ausbrechen. Typisch sind Lungenentzündungen, Harnwegs- oder Wundinfektionen und Sepsis.

Klinikum nennt Zahl der Infizierten nicht

Die genaue Zahl der Patienten, bei denen der Keim nachgewiesen worden ist, nannte Scholz nicht: „Wir haben angesichts der Kürze der Zeit noch nicht nachzählen können.“ Das UKSH hatte nach eigenen Angaben das Kieler Gesundheitsamt über das gehäufte Auftreten des Keims am 23. Dezember unterrichtet.

Aus Sicherheitsgründen hat der Campus Kiel die internistische Intensivstation für Neuaufnahmen „bis auf weiteres“ geschlossen. Außerdem ist eine von insgesamt drei Einheiten der operativen Intensivstation isoliert, um die dort liegenden Kranken, die auch den Keim in sich tragen gesund zu pflegen. Die Stationen blieben geschlossen, bis die dortigen Patienten entlassen worden seien. Das Betreten des UKSH ist ungefährlich, wie Scholz versicherte.

Klinik-Chef: „Ungewöhnliche Situation“

„Das ist eine ungewöhnliche Situation, deshalb unterrichten wir auch pro-aktiv die Öffentlichkeit“, sagte Scholz. Über das Alter der Patienten und der Gestorbenen sowie ihre Vorerkrankungen machte er keine Angaben. Zuvor hatte der Sprecher des UKSH, Oliver Grieve, der Deutschen Presse-Agentur gesagt, die gestorbenen Patienten seien zwischen 25 und 80 Jahre alt gewesen.

Die Notfallversorgung in Kiel sei nicht gefährdet, das UKSH habe noch eigene Alternativen und zudem gebe es weitere Krankenhäuser, sagte Staatsekretärin Anette Langner. Das UKSH teilte mit, wegen der eingeschränkten Intensivkapazität könne es am UKSH dazu kommen, dass große Operationen verschoben werden müssten.

Meldeweg sei eingehalten worden

In einer Sondersitzung des Sozialausschusses des Landtags berichtete Scholz am Freitagabend, das Ministerium sei erst am gleichen Tag unterrichtet worden. Der FDP-Gesundheitsexperte Heiner Garg bezeichnet diese späte Information als Unding. Die übliche Meldewege seien eingehalten worden, versicherte Dr. Bärbel Christiansen, verantwortliche Hygiene-Ärztin am UKSH. Auch die Hygienemaßnahmen seien vorschriftsmäßig erfolgt. Es sei auch genügend Personal eingesetzt worden. „Die Meldekette ist eingehalten worden“, ergänzte Wissenschafts-Staatssekretär Rolf Fischer.

Christiansen betonte, dass im UKSH in Kiel zum ersten Mal Acinetobacter baumanniis aufgetreten sei. Der erste Patient, bei dem der Keim am 23. Dezember nachgewiesen wurde, sei ein 1940 geborener deutscher Urlauber gewesen, der aus der Türkei kam. Der Mann habe beim Eintreffen im UKSH am 11. Dezember keine typischen Symptome gezeigt, so dass ein sogenanntes Screening - eine Untersuchung auch auf Keime - nicht erfolgte.

Problem schien schon gelöst

Eigentlich habe man geglaubt, das Problem mit dem hartnäckigen Keim im UKSH schon gelöst zu haben. Eine erste Phase von Übertragungen des Erregers bei drei Patienten sei mit dem 3. Januar abgeklungen, aber dann sei in einem anderen Gebäudeteil ein zweiter Fall aufgetreten. Dabei handle es sich um einen Patienten, der in Mallorca in einem Krankenhaus gewesen sei. Christiansen, die auch Leiterin der Kommission für Krankenhaushygiene und Infektionsprävention (KRINKO) ist und damit nach Einschätzung von Scholz „beste Exptertin Deutschlands“, sagte, zwei völlig getrennte Fälle seien zwar denkbar, sie halte dies aber für sehr unwahrscheinlich. Man habe die Situation im Griff.

Scholz erläuterte, einige Patienten seien mit dem Keim infiziert, also erkrankt. Andere wiederum seien mit dem Keim nur „kolonisiert“, bei ihnen sei er also nur nachgewiesen.

Gefährlich: Acinetobacter baumannii

Das Acinetobacter baumannii gehört zu den MRGN-Keimen. Es ist gegen vier Antibiotikagruppen resistent - „und damit praktisch gegen alle Antibiotika“, sagte Christiansen. Die Übertragung des Erregers erfolge auch über die Luft. Die Bakterien könnten außerhalb des menschlichen Körpers Trockenheit überstehen und lange überleben. Eine Übertragung mit dem Erreger führe „nur relativ selten zu schweren Infektionen, die ganz überwiegend auf Intensivstationen, bei schwerkranken Patienten vorkommen“, teilte das UKSH mit.

Zur Identifikation weiterer Keimträger und möglicher Übertragungswege führt das UKSH ein umfassendes Screening mittels Abstrichen durch. Alle Räumlichkeiten und Geräte würden einer ausgiebigen, gründlichen Desinfektion unterzogen.

Patientenschützer üben scharke Kritik

Massive Kritik übte die Deutsche Stiftung Patientenschutz mit Sitz in Dortmund. „Das Uni-Klinikum Kiel scheint beim Management von multi-resistenten Keimen und infizierten Patienten überfordert zu sein“, sagte Vorstand Eugen Brysch. „Wie kann ein Patient aufgenommen werden, ohne ihn vorher einem Screening zu unterziehen? Warum wurde die Behörde über die Infektion erst zwei Wochen später informiert?“

Der Stiftung zufolgen sterben pro Jahr etwa 40.000 Menschen an Krankenhausinfektionen. „Davon wären 20.000 durch Hygienemaßnahmen vermeidbar“, sagte Brysch.

Von Matthias Hoenig/dpa

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