Kulteis Dolomiti kommt zurück ins Kühlregal

Gefrorener Zeitgeist

+
Foto: Werbung im typischen Stil der siebziger Jahre: Eisreklame aus dem Jahr 1973.

Hannover - Langnese legt den Eisklassiker Dolomiti aus dem Jahr 1973 neu auf – und setzt, wie Konkurrent Schöller, auf die Nostalgiestimmung am Kühlregal. 15 Millionen Exemplare der Kultmarke sollen 2014 verkauft werden. Dafür verschwinden Solero Exotic, Cornetto Enigma, Magnum 5 Kisses und Twinni aus dem Sortiment.

Mit Erinnerungen lässt sich gutes Geld verdienen. Das wissen nicht nur Memoirenschreiber, auch die Lebensmittelindustrie setzt auf den Retrotrend und legt alte Marken neu auf. Wenn Supermärkte und Kioske ab dieser Woche mit den neuesten Eiskreationen beliefert werden, ist etwa auch das Langnese-Dolomiti dabei, ein Klassiker aus den frühen Siebzigern. 1973 kam das weiß-rosa-grüne Wassereis auf den Markt, ehe es 1987 klammheimlich wieder aus den Kühltruhen verschwand. Vielen Deutschen ist es aber offenbar in guter Erinnerung geblieben. Zahlreiche Fans hätten sich in Facebook-Petitionen für eine Neuauflage starkgemacht, berichtet Langnese-Marketingchef Harald Melwisch. Weil jedes Jahr ohnehin ein Drittel der sogenannten Impuls-Eissorten ersetzt wird - 2014 trifft es unter anderem die Langnese-Marken Solero Exotic, Cornetto Enigma, Magnum 5 Kisses und Twinni -, versucht es der Marktführer nun mit einer Sorte, die viele noch aus ihrer Kindheit kennen.

Bereits vor fünf Jahren legte Konkurrent Nestlé Schöller mit Himbi erfolgreich einen Klassiker auf. 30 Jahre lang, von 1962 bis 1992, war das Eis schon einmal im Programm. Das Revival kam offensichtlich an: Auch im neuen Sortiment findet sich das pinkfarbene Bourbon-Vanilleeis mit dem Himbeerfruchteisüberzug. „Gerade bei Eis werden Kindheitserinnerungen an vergangene Sommer, an Urlaub, Freibad und Strand wach“, sagt Nestlé-Sprecherin Barbara Groll.

Das bestätigt auch die Wissenschaft: Nichts kennzeichne den modernen Alltag so sehr wie rasante Veränderung in immer kürzeren Zyklen, meint Thomas Ellrott, Direktor des Instituts für Ernährungspsychologie an der Universität Göttingen. „Retroprodukte sind ein Gegentrend dazu. Der Verbraucher schätzt besonders deren Beständigkeit.“ So könne er - zumindest in Gedanken - der Beschleunigungsspirale entfliehen und bei schönen Erinnerungen innehalten.

Das Schwelgen in solchen Erinnerungen lassen sich die Kinder der Siebziger und Achtziger, die „Generation Golf“, gerne etwas kosten: Die Ritter-Sport-Sorte Olympia etwa, eine Schokotafel, die mangels Nachfrage Anfang der Nullerjahre aus dem Programm genommen wurde, erlebte 2009 ihr Comeback. Genau wie Ritter Sport Cocos - 2003 nach vier Jahren aussortiert und 2013 mit überarbeiteter Rezeptur wieder neu aufgelegt - ist auch Olympia in diesem Jahr wieder im Sortiment. „An die alten Marken sind positive Erinnerungen an glückliche Kindertage geknüpft“, sagt Ernährungspsychologe Ellrott.

Dolomiti, Himbi und Co. sind aber noch mehr: Sie sind gefrorener Zeitgeist. Der Langnese-Klassiker Capri etwa war 1959 nicht nur das erste Wassereis am Stiel. Er symbolisierte auch das Italien-Fernweh, die Sehnsucht nach einem Stück Dolce Vita. Nach dem Jahrhundertsommer 1959 war die Nachfrage nach dem gelben Orangeneis gleich so groß, dass das Werk in Hamburg-Wandsbek nicht mehr mit der Produktion nachkam. Auf Nogger, 1964 als erstes „Männereis“ vermarktet („Nogger dir einen!“), folgten exotische Sorten wie KoKos, Irish Love, Rumba oder Miami Flip, die allerdings deutlich kurzlebiger waren als das Schokoeis, das in diesem Jahr 50 wird. Auf den Erfolg der „Winnetou“-Kinofilme reagierte Langnese 1974 mit der Sorte Brauner Bär. „Sie griff den Trend der Wildwestromantik auf, der durch Fernsehsendungen wie ,Bonanza‘ populär geworden war“, erklärt Langnese-Marketingchef Melwisch.

Ein Revival von Brauner Bär plane das Unternehmen derzeit nicht. Auch Grünofant, 1978 wegen gesundheitsschädlicher Inhaltsstoffe des künstlichen Waldmeisteraromas vom Markt genommen, harrt noch seiner Wiederentdeckung. Anders als Dolomiti, das sich nun im zweiten Anlauf etablieren soll: Der erste Comebackversuch scheiterte 1994. Der Wiedergänger schmeckte schlicht nicht wie das Original. Statt Himbeer und Waldmeister verwendete Langnese neben Zitronenaroma damals Kiwi- und Erdbeergeschmack. „Das wich deutlich von den Erfahrungen ab“, erinnert sich Ernährungspsychologe Ellrott. „Das konnte keine zufriedenen Kindheitserinnerungen wachrufen.“

Langnese hat nun die Rezeptur des Originals geändert, nicht aber den Geschmack. Die Erwartungen an das neue alte Dolomiti sind hoch: Mindestens 15 Millionen Exemplare sollen in diesem Jahr verkauft werden. Eines allerdings ist anders als 1973: der Preis. Kostete ein Dolomiti damals noch 50 Pfennig, muss man 2014 dafür einen Euro bezahlen.

2780548

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare