Konsumfest Ostern

Ein Gefühl wie Weihnachten

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Foto: Wo ist das Maß unseres Konsums? Das Ostergeschäft beschert den Händlern – hier in der Innenstadt von Hannover – immer größere Umsätze.

Hannover - Ostern entwickelt sich rasant zum neuen Hochfest des Konsums. Den Einzelhandel freut’s, die Kirchen fürchten einen Sinnverlust.

Es gibt Osterhasen, Osterküken, Osterlämmer, Osterkäfer – und ja, auch Osterfrösche. Meterhoch gestapelt, bevölkern sie seit Wochen Kaufhäuser und Supermärkte. Dicht an dicht, Schokomassentierhaltung in Goldpapier. Auch außerhalb der Süßwarenecken geht es in den Kaufhäusern sehr österlich zu: bei den Badaccessoires, wo Osterhasen von Handtuchspitzen lugen, in der Zeitschriftenecke, wo die Illustrierten das beste Osterrezept versprechen, und erst recht in der Spielzeugetage, wo große Kaufhäuser in Kassennähe noch bis heute Abend einen Verpackungsservice anbieten. Dort herrscht Andrang fast wie in der Weihnachtszeit. Zur österlichen Artenvielfalt im Kaufhaus gehört offenbar auch die Warteschlange.

Spielzeug im Wert von 200 Millionen Euro ging in den Tagen vor Ostern über die Ladentresen. Satte zehn Prozent des jährlichen Grundumsatzes macht die Branche im Ostergeschäft. Das teilt der Deutsche Verband der Spielwarenindustrie mit. Ostern beschert der Branche nach Weihnachten den zweitgrößten Umsatz im Jahr. In keinem anderen europäischen Land wird zu Ostern so viel Spielzeug verschenkt.

Auch die Süßwarenindustrie setzt auf Ostern. Nach einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov wollen acht von zehn Befragten morgen jemandem etwas Süßes ins Nest legen. Der Bundesverband der Deutschen Süßwarenindustrie (BDSI) teilte mit, dass 206 Millionen Osterhasen produziert wurden – das sind 16 Millionen mehr als im Vorjahr. Ein Grund für die stattliche Vermehrung sei, dass das Osterfest in diesem Jahr fast einen Monat später stattfindet als im Vorjahr. Somit werden die Ostersüßwaren länger in den Geschäften angeboten. „Weihnachten steuert etwa 55 Prozent des Umsatzes bei, Ostern etwa 45 Prozent“, heißt es beim BDSI. Der Rest des Jahres ist somit kaum der Rede wert.

Überhaupt: Essen. Für den Lebensmittelhandel war der Gründonnerstag einer der umsatzstärksten Tage im Jahr. Die Handelsketten brachten zuletzt eine Vielzahl von Werbeprospekten heraus, mit dem „Besten zum Fest“. Selbst Discounter werben mit „Delikatessen und Gourmetangeboten“ wie Wildlachs und Lammkeulenbraten. Für das Festessen mit der Familie. War Ostern nicht mal das entspanntere der beiden großen christlichen Feste?

Auch die Reiseveranstalter machen gutes Geschäft mit dem Fest. Die Kunden wollen nicht mehr bis zum Sommer warten, um in die Sonne zu fliegen. „Dem Osterstress entkommen“, heißt es auf der Internetseite eines Anbieters. Ein anderer wirbt mit bunt eingefärbtem Wasser in eierförmigen Swimmingpools. Die Botschaft ist klar: Vor dem österlichen Trubel ist man erst Hunderte Kilometer fern der Heimat sicher. Die norddeutsche Küste ist nach Angaben des Reiseveranstalters TUI das beliebteste Reiseziel der Niedersachsen in der Zeit um Ostern. Ferienwohnungen und Bungalows sind seit Wochen ausgebucht.

Der YouGov-Umfrage zufolge will jeder dritte Deutsche am Sonntag etwas verschenken. Ostern wird zum Konsumanlass. Dabei scheint es an diesem frühen Abend in der Innenstadt von Hannover kaum jemanden zu geben, der diese Entwicklung gutheißt. „Schlimm, dieser Geschenkewahn.“ „Schade, dass es nur ums Geld geht.“ „Ostern ist doch kein Weihnachten.“ Eine kleine Umfrage unter Passanten legt den Schluss nahe: Ostern artet aus. Und was ist in den Tüten? „Nur was Kleines“, sagt Ria, 16 Jahre alt. Nein, sagt die Schülerin, sie erwarte von ihren Eltern keine Geschenke, und sie selbst verschenke auch nicht viel. „Es geht doch mehr darum, Zeit mit der Familie zu verbringen.“ Gut, und dazu gehörten eben auch ein paar Ostereier, sagt Ria und weist auf die Tüte in ihrer Hand. Durch das Plastik schimmern Pralinen.

Man lernt in den Tagen vor Ostern etwas über wirtschaftliche Zusammenhänge: Die hübsch verpackten Aufmerksamkeiten sind ein kleiner Schritt für den Konsumenten, aber sie summieren sich zu einem großen Schritt für den Einzelhandel. Und dieser wird, wie Statistiken zeigen, von Osterfest zu Osterfest größer.

Droht die Bedeutung des Festes, drohen seine christlichen Ursprünge verschüttzugehen unter Konsumbergen? „Die Besonderheit des Osterfestes wird durch die zunehmende Kommerzialisierung eingeebnet“, sagt Prof. Christoph Wulf, Anthropologe an der Freien Universität Berlin. „Ostern ist das Fest des Opfers und der Auferstehung Christi – anthropologisch höchst interessant, weil darin zwei Grundhaltungen des Menschen zum Ausdruck kommen: die Bereitschaft, sich für andere hinzugeben, und die Hoffnung darauf, dass aus dem Opfer noch etwas Neues entsteht.“

Aber was haben Schokolade, Parfüm und Fußmatten mit Osterhasenmotiv damit zu tun? „Auch Schenken zählt zu den uralten Grundhandlungen des Menschen“, sagt der Anthropologe Wulf. „Geschenke drückten aber immer auch Stärke und Macht aus. Diese soziale Funktion macht sich die Wirtschaft zunutze und kommerzialisiert sie.“ Dieses Schicksal ereilt immer mehr Tage im Kalender. „Weihnachten, Ostern, Valentinstag – die Aufforderung zum Konsum nivelliert zunehmend die Besonderheit einzelner Feste“, sagt Wulf.

Die Lust an der Verschwendung mag so gar nicht passen zu einem Fest, dem eine lange Fastenzeit vorausgeht. Viele Menschen haben in den zurückliegenden Wochen bewusst verzichtet. Kein Alkohol, kein Fleisch, keine Zigaretten. Der Gedanke dahinter: einfach leben. Für die einen ist das religiöses Hochgefühl, für die anderen ein Selbstbeweis. Mit dem netten Nebeneffekt, dass ein paar Pfunde purzeln.

Fasten ist in der Moderne angelangt. Doch die Bedeutung des Osterfestes ist längst nicht mehr jedem klar. Jeder fünfte Deutsche weiß nicht, was da morgen gefeiert wird. Fünf Prozent glaubten in der YouGov-Umfrage, Ostern feiere den Frühlingsanfang. Es sieht so aus, als definierten zunehmend Produkte und Konsum das Fest. Nicht so sehr Brauch und Religion.

Mit welchem Gefühl blickt ein Geistlicher auf die österliche Warenwelt in den Kaufhäusern? „Es ist ein schwieriges Gefühl“, sagt Werner Schreer, Generalvikar des Bistums Hildesheim. „Ich unterstütze alles, was den Inhalt und die Bedeutung des Osterfestes fördert. Aber ich habe den Eindruck, dass der schöne, goldene Osterhase nicht den Inhalt fördert, sondern immer mehr an seine Stelle tritt.“ Der Katholik ist da auch selbstkritisch: „Ich frage mich schon, warum es uns als Kirche einfach nicht gelingt, mit einer so gewaltig frohen Botschaft, wie sie das Osterfest vermittelt, die Menschen zu erreichen.“

Was ist seine Erklärung für die schwindende Bedeutung des Festes? „Erstens ist es nun mal so, dass der Konsum für unsere Wirtschaftsform sehr wichtig ist. Und zweitens vermitteln die Waren einen greifbaren Bezug zum Fest. Die freien Tage müssen mit einem Sinn versehen werden, und dieses Bedürfnis wird mit Materiellem befriedigt – obwohl es vielleicht gar kein materielles Bedürfnis ist“, sagt Schreer. Und natürlich erwähnt er, dass auch die Kirche an diesen Tagen ein recht konkretes Sinnangebot vorhält.

„Ostern ist mehr als ein banales Frühlingsfest oder die Chance für ein langes Wochenende“, sagt der hannoversche Landesbischof Ralf Meister. „Die Tage von Gründonnerstag bis Ostermontag lassen uns mit ihrer Dramatik Anteil nehmen am Leiden Jesu und an seiner Auferstehung.“ Und ja, gerade die Aufführungen von Passionsmusiken und die Osternachtsgottesdienste fänden sehr großen Zuspruch. Und was ist mit dem Geldausgeben zur Osterzeit? Für Meister steht das Schenken durchaus in Einklang mit dem Osterfest. „Wir drücken unsere Verbundenheit mit anderen Menschen oft durch Geschenke aus – warum nicht zu Ostern?“ Aber maßvoll sollte das Ganze schon ablaufen, sagt er: „Ein Maß für unseren Konsum zu finden, das bleibt aktuell. Aber es sollte nicht überkritisch an das Osterfest geknüpft werden.“

Von Marina Kormbaki und Felix Klabe

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