Zwangsprostitution

Gegen den Strich

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Foto: Die Ware Frau: Zwischen 10 000 und 30 000 Frauen werden laut Schätzungen in Deutschland zur Prostitution gezwungen. Das Foto zeigt eine Aktion, mit der Frauenrechtsorganisationen für einen besseren Opferschutz demonstrieren.

Hannover - Die Bulgarin Dana wurde in Deutschland zwei Jahre zur Prostitution gezwungen. Sie sagte gegen ihre Peiniger aus – und lebt nun weiter in Gefahr.

Es brauchte nicht viel, damit Dana an ein besseres Leben glaubte. Keine großen Versprechen für eine Karriere als Model, Schauspielerin oder so etwas. Was bei Dana reichte, war die Aussicht auf einen Job in der Küche. Gemüse schneiden, abwaschen, irgendwo in einem Restaurant. Vielleicht später mal ­kochen. „Wer will das nicht: ein bisschen Geld verdienen?“, fragt Dana. Dana wollte. Natürlich wollte sie. Gerade 17 war sie damals. Acht Jahre war sie zur Schule gegangen. Dann war Schluss, weil das Gymnasium Geld kostete. Wie sie daheim lebten, in ihrem Dorf in Bulgarien? „Kein Wasser, kein Strom, Essen ab und zu“, sagt Dana knapp. Da kam ihr gerade recht, was eine Freundin aus dem Dorf erzählte. Die Geschichte von den Männern, Bekannten, die angeboten hätten, sie nach Deutschland zu bringen, in ein Restaurant.

Es fiel Dana nicht schwer, ihre Tasche zu packen. Hauptsache weg. Nur dass die Männer sie gar nicht in ein Restaurant brachten. Dass sie Dana und ihrer Freundin schon vor der Grenze die Pässe abnahmen. Dass sie ihnen drohten, sie würden ihre Eltern und Geschwister in Bulgarien töten, wenn sie nicht tun, was die Männer verlangen. Und dass sie ja auch sie töten könnten, Dana und ihre Freundin. Dana legt Zeige- und Mittelfinger aneinander und hebt sie an den Kopf. „Ich weiß, wie es ist, eine Pistole an der Schläfe zu haben“, sagt sie. Man tut dann sehr viel.

Das Gesetz zur Prostituion

Strafen für die Freier von Zwangsprostituierten, stärkere Kontrollmöglichkeiten für die Polizei, ein verbessertes Aufenthaltsrecht für die Opfer: Das sind die Eckpunkte der Reform des Prostitutionsgesetzes, die CDU, CSU und SPD verabredet haben. Die Situation im Rotlichtmilieu sei „alarmierend“, sagt der Vizevorsitzende der Unionsfraktion, Günter Krings (CDU). Nicht die selbstbestimmte, selbstständige Prostituierte sei die Regel, sondern die Elends-, Armuts- und Zwangsprostitution, erklärt die frauenpolitische Sprecherin der CSU, Dorothee Bär. Die Reform des Prostitutionsgesetzes will die Große Koalition offenbar bereits Anfang 2014 angehen. Nicht geplant ist aber ein Verbot der Prostitution insgesamt, wie es derzeit in Frankreich umgesetzt und wie es in Deutschland von Alice Schwarzer gefordert wird. Prostitution dürfe nicht komplett in die Illegalität gedrängt werden, erklärt die SPD-Bundestagsabgeordnete Eva Högl. Die letzte Reform stammt aus dem Jahr 2002. Damals beschloss die rot-grüne Koalition eine weitgehende Liberalisierung der Prostitution. Ziel war damals, die Rechte der Prostituierten zu stärken. So sollten sie zum Beispiel ihren Lohn einklagen und sich sozialversichern können. Letztlich, bemängeln Kritiker, habe die Reform jedoch vor allem die Macht der Zuhälter gestärkt, die Entstehung von Großbordellen begünstigt und die Bekämpfung der Zwangsprostitution erschwert.

Zwei Jahre wurde Dana in Deutschland zur Prostitution gezwungen. Wurde von Bordell zu Bordell verschleppt, wurde von Zuhälter zu Zuhälter verkauft, musste sich endlos von Männern benutzen lassen, zu allem, wofür sie glaubten, bezahlt zu haben. Immer bewacht. Immer in der Angst, dass jemand aus ihrer Familie bestraft würde, wenn sie nicht gehorcht. Die Geschichte von Dana erzählt von etwas, das es in jeder Stadt gibt und zehntausendfach im ganzen Land. Sie handelt von den Schwierigkeiten der Polizei, etwas gegen diese alltägliche Form der Sklaverei zu unternehmen.

Vor allem aber handelt sie vom Unwillen, den Opfern von Zwangsprostitution in Deutschland ein neues Leben zu ermöglichen – oder sie auch nur wirklich zu schützen. Dana erzählt ihre Geschichte im Beratungsraum einer Hilfsorganisation. Auf dem Tisch liegt ein Tannenzweig, es gibt Kaffee aus einer blauen Plastikthermoskanne. Was man über sie schreiben darf, ist, dass sie jetzt Ende 20 ist. Eine schmale, zierliche junge Frau in einem rosa Sweatshirt. Vielleicht darf man auch schreiben, dass sie trotz ihres Martyriums jung aussieht, mädchenhaft. Als sei ihr Leben damals irgendwie stehen geblieben. Was man aber auf keinen Fall schreiben darf, sind die Stadt, in der dieses Gespräch stattfindet, ihr richtiger Name oder auch nur der Name der Hilfsorganisation. Dana hat einen Mann mit ihrer Aussage hinter Gitter gebracht. In wenigen Wochen kommt dieser Mann frei. Es gibt Hinweise, dass er sich an Dana rächen will.

Dana konnte kein Wort Deutsch, als sie hierher kam. Sie hat es inzwischen sehr gut gelernt. „Die Täter bekommen hier ein paar Jahre“, sagt sie. „Die Opfer haben lebenslang.“ Lebenslang Angst. Was sie in den zwei Jahren erlebt hat? Es fällt ihr schwer, darüber zu sprechen, auch jetzt noch. Da waren die Männer, denen sie wie am Fließband zu Diensten zu sein hatte. Da waren die „Bodyguards“, wie sie sie nennt, kräftige Männer, die den Ausgang bewachten, 24 Stunden am Tag. Die Fenster waren schwarz verklebt, sodass sie wochenlang kein Sonnenlicht sah. Und dann war da dieser Mann, dem sie das Geld geben musste. „Wenn er schlagen wollte, schlug er. Wenn er Sex wollte, nahm er sich Sex.“ So beschreibt sie ihn. Als Folterer. Das alles fand nicht in irgendwelchen Kellerverliesen statt – sondern, jedenfalls zum Teil, in sehr bekannten großen Bordellen. Manchmal geben ihre Besitzer Interviews. Da sagen sie dann Sätze wie: „Ich komme mit den Frauen sehr gut zurecht.“

„Die zwei Jahre“, sagt Dana, „kamen mir vor wie 100.“ Ein Mann, der Geschichten wie die von Dana verhindern soll, hat sein Büro am Waterlooplatz in Hannover. Christian Zahel, 51 Jahre alt, leitet seit vier Jahren die Abteilung Bekämpfung der Organisierten Kriminalität beim Landeskriminalamt. Heute ist kein schlechter Tag. Es gibt neue Zahlen. 80 Verfahren hat das LKA 2012 wegen Menschenhandels geführt – mehr als jedes andere Bundesland. Ein Zeichen, dass Niedersachsen ein Hauptfeld der Menschenhändler ist? Nein, meint Zahel. „Die Zahl zeigt, wie engagiert wir auf diesem Gebiet ermitteln.“ Ein Erfolg also – ein zwiespältiger allerdings. 121 Opfer weist die Statistik aus – und Zahel spricht von einer „beträchtlichen Dunkelziffer“. Im Klartext: Es sind viel mehr.

Ein Zeichen dieses Engagements liegt vor ihm auf dem Tisch: ein geheimes „Arbeitsheft zur Bekämpfung des Deliktsbereichs“. Im Anhang verzeichnet: Zeichen, auf die Beamten bei Kontrollen von Bordellen achten sollen. Blaue Flecken, eingeschüchterte Frauen. Frauen, die ihre Papiere nicht haben. „Wir wollen bei unseren Besuchen das Vertrauen der Frauen gewinnen“, sagt Zahel. „Wir wollen zeigen, dass nicht sie das Ziel sind, sondern die Menschenhändler.“ Was schwierig ist, wenn die Frauen kein Deutsch sprechen. Oder wenn ihre Peiniger sie vor der Polizei warnen.

Dana kann sich an eine Kontrolle erinnern. Die Bordellbesitzerin gab sie als Freundin ihres Sohnes aus. „Ich kam überhaupt nicht zu Wort.“ Dass sie nach zwei Jahren doch aus dem Bordell fliehen kann, verdankt sie einem unachtsamen Moment ihrer Bewacher, etwas Alkohol im Blut und dem Mut ihrer Verzweiflung. „Ich bin einfach raus, fast nackt, nur in String und BH.“ Dann ist sie gerannt. So lange, bis sie bei der Polizei war. Man spürt Danas Zorn auch heute noch. Es ist die Wut, die ihr auch damals schon die Kraft verlieh, ihre Geschichte vor Gericht zu erzählen. Die Aussage war ein Erfolg, einerseits. Ihr Hauptpeiniger kam für mehr als zehn Jahre hinter Gitter.

„Viele Opfer werden abgeschoben“

Interview mit Anna Hellmann, Terre des Femmes

Frau Hellmann, Opfer von Zwangsprostitution sollen künftig in Deutschland bleiben dürfen, sofern sie in einem Prozess aussagen. So haben es die Innenminister der Länder angekündigt. Warum reicht Ihnen das nicht? Wir fordern, dass Betroffenen aus humanitären Gründen ein Aufenthaltsrecht garantiert wird – ohne den Zwang, vor Gericht auszusagen. Es geht hier um schwere Verbrechen, die auf deutschem Boden begangen werden. Wir haben gegenüber den Opfern eine Verpflichtung – die auch medizinische und psychologische Hilfen umfasst.

Was passiert bislang mit Frauen, die der Zwangsprostitution entkommen können? Nach derzeitiger Rechtslage wird Opfern aus Nicht-EU-Staaten eine dreimonatige Ausreisefrist eingeräumt. In dieser Zeit sollen sie sich entscheiden können, ob sie zu einer Aussage bereit sind. In der Praxis wird diese Frist nicht immer eingehalten. Wenn die Frauen aussagen, dürfen sie unter Umständen für die Dauer des Prozesses hier bleiben. Spätestens danach jedoch werden sie abgeschoben.

Der Vorschlag wäre also eine deutliche Verbesserung. Wir begrüßen die Absichtserklärung des Bundesinnenministers als erstes positives Signal. Letztlich steht jedoch nach wie vor der Opferschutz hinter der Verfolgung der Menschenhändler. Auch stellt die Aussagebereitschaft keine Garantie für ein dauerhaftes Bleiberecht dar. Die meisten Frauen sind schwer traumatisiert und überdies stark gefährdet. Diese Gefährdung wird durch ihre Aussagen vor Gericht noch verstärkt.

Was ist, wenn ein Verfahren eingestellt wird, was relativ häufig vorkommt? Die Frauen werden in ihre Herkunftsländer abgeschoben – wo sie der Rache derer, die sie belastet haben, schutzlos ausgeliefert sind.

Gegner lehnen ein Aufenthaltsrecht für die Opfer ab, weil sie befürchten, dies könne eine unkontrollierbare Zuwanderungsmöglichkeit werden. Was macht Sie zuversichtlich, dass es nicht dazu kommt? Unter anderem die Erfahrungen aus Italien. Dort gibt es bereits seit den neunziger Jahren ein Modell, das ehemaligen Zwangsprostituierten ein von der Kooperationsbereitschaft unabhängiges und dauerhaftes Aufenthaltsrecht zusichert. Die Erfahrungen zeigen, dass die Betroffenen deutlich häufiger dazu bereit sind, mit der Justiz zu kooperieren. Anzeichen für eine verstärkte Zuwanderung wegen dieses Modells gibt es ebenfalls nicht.

Andererseits kamen Helfer des Mannes bald frei. Für Dana begann eine neue Phase der Unsicherheit – die bis heute andauert. Eine geheime Schutzwohnung gab es für sie nur während des Prozesses. Danach, so kommt es ihr vor, hatte sie für die Justiz ihren Zweck erfüllt. In Deutschland war sie nur geduldet, alle drei Monate musste sie beim Amt um eine Verlängerung bitten. Arbeiten durfte sie nicht. Nach Bulgarien konnte sie nicht, aus Angst vor den Männern, die sie damals nach Deutschland verschleppten. Wer mit dem Polizisten Christian Zahel spricht, hört viel über die zentrale Rolle, die die Aussagen der Opfer für die Verfolgung der Menschenhändler spielen. „Das Problem bei den Ermittlungen ist, dass es immer um subjektive Erfahrungen geht.“ Ohne die Aussage des Opfers, heißt das, gibt es bislang keine Verurteilung.Wer dagegen mit Dana spricht, der hört von einem einsamen, unsicheren Leben, das die Opfer führen.

Wann immer sie einen Menschen zum ersten Mal trifft, ist sie skeptisch – er könnte ja zu ihren Verfolgern gehören. „Meine Geschichte erzähle ich niemandem.“ In Bulgarien, ihrer Heimat, ist sie nie wieder gewesen. Ihre Eltern wissen nur, dass sie noch lebt.Immerhin hat sie seit Kurzem einen Job, als Pflegerin. Ein Zeitvertrag, aber immerhin. Noch lieber wäre ihr allerdings etwas anderes. Sie würde gern als Assistentin der Staatsanwaltschaft arbeiten. Es ist nicht realistisch, sie weiß das. Aber auf der Seite derer zu sein, die ihre Peiniger anklagen: „Das“, sagt sie, „ist ein Traum von mir.“

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