Jetzt ist die Staatsanwaltschaft dran

Das Geheimnis der Mumie aus Diepholz

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Fotos der Röntgenaufnahme zeigen unter anderem den Schädel der Mumie und darunter einer Pfeilspitze.

Diepholz - Ein zehn Jahre alter Junge findet Anfang August eine Mumie im Haus seiner Großeltern in Diepholz. Jetzt haben Röntgenuntersuchungen ergeben: Sie enthält tatsächlich einen menschlichen Schädel. Die Polizei prüft, ob es sich um eine echte Mumie handelt – oder jemand ein Verbrechen vertuschen wollte.

Ist es eine moderne Fälschung von Betrügern? Oder hat der Zahnarzt Lutz Wolfgang Kettler Anfang August tatsächlich die 3000 Jahre alten Überreste eines ägyptischen Pharaos auf einem Dachboden in Diepholz gefunden? Lagerte im Wohnhaus gar die Leiche eines gut getarnten Verbrechens, das noch gar nicht so lange zurück liegt? Der Fall der Mumie aus Diepholz bleibt mysteriös. „Es ist ein einziges großes Rätselraten“, sagt der Zahnarzt selbst über den seltsamen Fund. Jetzt immerhin ist klar: In der Mumie befinden sich tatsächlich Menschenknochen, und die Staatsanwaltschaft interessiert sich plötzlich für den Fall.

Kettlers zehn Jahre alter Sohn hatte vor vier Wochen eine mit alten ägyptischen Schriftzeichen verzierte Kiste auf dem Dachboden seiner Großmutter entdeckt. Dazu eine Totenmaske und ein Gefäß, das die alten Ägypter für die Aufbewahrung der Organe von mumifizierten Körpern verwendeten. In der Kiste lag ein bandagiertes Skelett, etwa 1,50 Meter lang und zehn Kilo schwer.

Am Dienstag hat sich die Staatsanwaltschaft Verden eingeschaltet. Sie hält ein relativ frisches Tötungsdelikt nicht für ausgeschlossen und hat am Dienstag die Obduktion der Mumie angeordnet. Die Polizei hat den bandagierten Leichnam bei Kettler abgeholt und zur Untersuchung in die Rechtsmedizin nach Hamburg geschickt. „Wir ermitteln, weil die Möglichkeit eines verfolgbaren Kapitaldeliktes besteht“, sagte gestern der Verdener Oberstaatsanwalt Jann Scheerer.

Was die Staatsanwaltschaft auf den Plan gerufen hat, ist eine Pfeilspitze, die auf einer Röntgenaufnahme zu sehen ist. Sie steckt in der linken Augenhöhle des Schädels. Kettler hatte die Mumie in der Radiologie des Diepholzer Krankenhauses durchleuchten lassen. Herausgekommen sind dabei Aufnahmen eines Kinderskeletts unter den Bandagen. Im Schädel steckt das Stück Metall. Daher sieht Oberstaatsanwalt Scheerer auch „offensichtliche Anhaltspunkte für ein Fremdverschulden“ am Tod des Kindes. „Unklar ist, ob es sich um ein Mädchen oder einen Jungen handelt“, sagt Zahnarzt Kettler.

Der Tod könnte tatsächlich gar nicht so lange zurückliegen. Eine Untersuchung der Mumie beim Deutschen Archäologischen Institut in Berlin hat inzwischen ergeben: Wahrscheinlich stammt sie aus der Neuzeit. „Die labortechnische Untersuchung hat ergeben, dass alle von außen an der Mumie verwendeten Materialien einschließlich Kleberprodukte des 20. Jahrhunderts sind. Die Bandagen bestehen zwar aus Naturwolle, diese wurden jedoch eindeutig maschinell gewebt.“ So steht es im Untersuchungsbericht. Und: Die Hieroglyphen auf dem Sarkophag geben nach Auskunft der Archäologen keinen Sinn.

Doch damit ist die Mumie noch nicht eindeutig als neuzeitliche Fälschung entlarvt. Der Befund sage noch nichts über deren Inhalt aus, heißt es weiter in dem Bericht. Die neuen Bandagen könnten nachträglich aufgebracht worden sein, ähnlich wie bei der Restauration alter Gemälde. Dort werde zur Stabilisierung oft eine zweite Leinwand auf die Rückseite einer alten, versprödeten Originalleinwand aufgebracht.

Bleibt also abzuwarten, ob die Obduktion in der Hamburger Rechtsmedizin neue Erkenntnisse über das Alter der Knochen liefert. „Ich bin froh, dass ich die Mumie los bin“, sagt Zahnarzt Kettler. „Hoffentlich wird jetzt endlich geklärt, ob sie gefälscht ist oder nicht.“

Für die Staatsanwalt ist das Alter der Knochen von herausragendem Interesse. „Mit einer Mumie aus dem alten Ägypten haben wir nichts zu tun. Das ist ein Fall für die Archäologen“, sagt Oberstaatsanwalt Scheerer. „Aber die Bandagen stammen wahrscheinlich aus dem letzten Jahrhundert. Das kann bedeuten, dass auch die Leiche aus der Zeit stammt.“

Und welchen Reim macht sich der Finder auf die Geschichte? „Unvorstellbar“ findet Kettler, dass er tatsächlich einen 3000 Jahre alten Pharao gefunden hat. Genauso unwahrscheinlich findet er die Theorie, dass er einem jüngeren Verbrechen auf die Spur gekommen ist. Kettler glaubt, dass sein Vater in den fünfziger Jahren Betrügern aufgesessen ist. „Er war damals in Ägypten und könnte die Sachen dort von Kunstfälschern erworben haben.“

2020019

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