17-Jähriger in Haft missbraucht

Gequält, gedemütigt und vergewaltigt

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Göttingen/Braunschweig - Ein in der Braunschweiger Untersuchungshaft missbrauchter 17-Jähriger hat bereits länger vergeblich Hilfe gesucht. Doch die Justiz überhörte seine Hinweise. Diesen Vorwurf erhebt der Vater des Jugendlichen, den mutmaßlich sechs Mitgefangene drangsaliert hatten.

„Ihr Sohn nervt!“ Dieser Satz klingt Oliver E. seit Monaten in den Ohren. „Ihr Sohn nervt!“ Das, so sagt der 38-Jährige, habe eine Justizangestellte ihm mehrfach am Telefon gesagt, weil der Jugendliche immer wieder zu Hause anrufen und sich darüber beklagen wollte, dass er von Mitgefangenen gemobbt, drangsaliert und gedemütigt werde. „Ich weiß, er kann nerven, wenn er was will“, sagt der Vater über seinen 17-jährigen Sohn. Aber die JVA-Mitarbeiterin habe ihn, wenn er sie auf die Not des Sohnes angesprochen habe, beruhigt mit den Worten: „Ist nicht so wild. Ist halt so im Vollzug.“

Sven E. (Name geändert) sitzt gar nicht im Vollzug. Er ist Untersuchungshäftling. Jener jugendliche Untersuchungshäftling, dessen monatelanges Martyrium Justizministerin Antje Niewisch-Lennartz (Grüne) vergangene Woche in einer eilig einberufenen Pressekonferenz „erschüttert“ hat. Der 17-Jährige soll von sechs Mitgefangenen über zwei Monate lang gequält, gedemütigt und vergewaltigt worden sein. Erst sollen sie ihm das Bett mit Kot beschmiert haben, dann hätten sie ihn mit einem Beutel voller Fäkalien verprügelt. Sie bedrängten ihn sexuell, vergewaltigten ihn schließlich mit einem Besenstiel und zwangen ihn zu Oralverkehr. So lautet der Tatverdacht, den ein Mitgefangener bestätigt habe.

Seine Leidensgeschichte hat der junge Göttinger erst vergangene Woche einer Anstaltspsychologin offenbart und sie inzwischen seinem Vater gebeichtet. In den Telefonaten mit ihm, sagt der alleinerziehende Vater von fünf Kindern, sei der Sohn nie so direkt gewesen – aus Scham. Wenn er ihn im Gefängnis besucht habe, habe sich der Sohn nicht öffnen können. Die Gespräche seien im Beisein anderer Häftlinge und Besucher geführt worden und hätten stets unter der Kontrolle eines Wachmanns gestanden. Auch aus Angst, dass Mitgefangene hören und weitertragen, dass er über die Gewalt spricht, die ihm offenbar angetan wurde, schwieg der Sohn lange gegenüber seinem Vater.

„Er wollte kein Verräter sein“

Er habe „kein Einunddreißiger“ sein wollen, sagt der Vater. Das sei eine Umschreibung für Paragraf 31 des Betäubungsmittelgesetzes, der Straffreiheit bei Offenbarung einer Straftat zusichert. Dass man Mitgefangene nicht verrät, gilt wohl als eherne Regel.Dennoch hatte der Jugendliche genug Hinweise gegeben, dass er drangsaliert wird. Der Vater versuchte auch aus der Ferne zu helfen. Mehrmals habe er die Justizmitarbeiterin darauf hingewiesen. Doch die sei, anfangs freundlich, „immer wortkarger geworden“. Inzwischen habe der Sohn ihm berichtet, dass die Frau gar beobachtet habe, wenn ihn die anderen (Südosteuropäer aus dem Raum Bremen und Hannover) drangsalierten. Sie habe aber nicht eingegriffen.

Hinweise habe es sogar schriftlich in einem ärztlichen Gutachten gegeben, das am 4. Juli an die Jugendrichterin weitergeleitet worden sei. Andere Jugendliche würden „ihn ablehnen und drangsalieren“, heißt es darin. Am 27. Juni war der Göttinger in der Universitäts-Psychiatrie untersucht worden, weil zu begutachten ist, ob er bei der ihm vorgeworfenen räuberischen Erpressung, deretwegen er in Untersuchungshaft sitzt, schuldfähig war. Eine „emotional impulsive Persönlichkeitsstörung“ wird ihm diagnostiziert, maßgeblich beeinflusst davon, dass er als Zwölfjähriger litt, als die Eltern sich trennten und die Mutter ihre fünf Kinder verließ. Seitdem gab es immer wieder Straftaten, Drogenmissbrauch und Selbstverletzungen, Heimaufenthalt, eine halbjährige Jugendhaft und zuletzt einen Überfall auf einen Gleichaltrigen.

Am 15. Mai hatte Sven in Göttingen für Schlagzeilen gesorgt. Er war bei der Vorführung vor dem Haftrichter in Handschellen getürmt. Die Polizei observierte danach Vater, Oma und Freunde. Zwei Tage später war er gefasst. Seitdem sitzt er in Braunschweig, dem alten Innenstadtgefängnis mit nur 18 Haftplätzen, wo jugendliche Untersuchungshäftlinge festgehalten werden und wo die Taten geschehen sein sollen.

Nach deren Entdeckung wurde er intern verlegt – zu den Erwachsenen. Dort gehe es ihm besser, hoffte der Vater noch am Mittwoch – und erfährt am Donnerstag, dass sich sein Sohn erneut selbst verletzt hat. Warum er noch nicht zur Behandlung in einer psychiatrischen Anstalt ist, wie es das Gutachten der Universitätsmedizin empfiehlt? Weil die Zusage des Kostenträgers fehlt. Und es fehlt bisher jede Erklärung der Justiz an den Vater, was mit seinem Sohn passiert ist. Rechtsanwalt Dietrich Homann hat inzwischen Akteneinsicht verlangt. Ihm ist auf Anfrage mitgeteilt worden, dass gegen mehrere Jugendliche ermittelt werde.

Von Jürgen Gückel

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