Prozess nach Kindermord in Peine

Gericht prüft Schuldfähigkeit des Vaters im Familiendrama

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Ein Ermittler in weißem Anzug trägt am 15.06.2012 in Groß Ilsede bei Peine einen blauen Plastiksack aus dem Reihenhaus, in dem vier Kinder zu Tode kamen. (Archiv)

Hildesheim - Rund vier Monate nach dem Tod von vier Geschwistern in Niedersachsen beginnt am Mittwoch der Mordprozess gegen den Vater der Kinder. Er ist wegen dreifachen Mordes und Totschlag in einem Fall angeklagt.

Es gibt Dinge, die so grausam sind, dass sie das Vorstellungsvermögen übersteigen. Was am Abend des 14. Juni in Groß Ilsede bei Peine geschah, gehört ganz sicher dazu. Ein Vater tötete seine vier Kinder in ihren Betten. Lio (5), Lean (7) und Noah (9) schliefen, als Andreas S. ihnen mit einem Teppichmesser die Kehlen durchschnitt. Pia dagegen, die zwölfjährige Schwester der drei Jungen, wachte auf. Doch auch sie konnte nicht verhindern, dass ihr Vater auf sie einstach. Nach der Tat schnitt sich der Mann die Pulsadern auf und lag mehrere Tage im Koma.

Morgen beginnt vor dem Landgericht Hildesheim der Prozess gegen Andreas S. Der 37-Jährige ist angeklagt wegen Mordes in drei Fällen und Totschlags in einem Fall. Da Pia aufwachte, war sie im Sinne des Gesetzes nicht wie ihre kleinen Brüder arglos. Somit entfällt in ihrem Fall das Mordmerkmal der Heimtücke, so dass „nur“ von Totschlag die Rede ist und - anders als beim Mord - kein lebenslang droht. Juristische Feinheiten, die für Nicht-Juristen kaum nachvollziehbar sind.

Ohnehin ist unklar, inwieweit Andreas S. für sein Tun strafrechtlich zur Verantwortung gezogen werden kann. Nach einem bisherigen Gutachten war die Schuldfähigkeit des Angeklagten zur Tatzeit erheblich eingeschränkt. Wegen psychischer Störungen ist der frühere Angestellte einer Straßenmeisterei jetzt auch nicht in einem Gefängnis, sondern in einer Klinik untergebracht. Ein Psychiater wird Andreas S. während des Verfahrens weiter beobachten und am Ende seine abschließende Bewertung vortragen.

Schon vor der Tat ist Andreas S. offenbar wegen psychischer Störungen behandelt worden. Das eigentliche Motiv indessen ist fast so etwas wie ein Normalfall bei Familientragödien: Trennungsleid. Schon seit mehreren Wochen war Andreas S. aus dem gemeinsamen Reihenhaus im Schmedenstedter Weg ausgezogen, hatte sich aber weiter um seine Kinder gekümmert - sehr liebevoll, wie die Nachbarn sagen. Im Juni schließlich war seine Frau Tanja zu einem Urlaub nach Dänemark aufgebrochen und hatte ihm Haus und Kinder anvertraut. Gleichzeitig hatte Andreas S. offenbar das Gefühl gewonnen, dass sich seine Frau nun endgültig von ihm trennen wolle. Dies scheint nach den bisherigen Erkenntnissen das Fass zum Überlaufen gebracht haben.

„Der ist mit diesem Problemdruck einfach nicht fertig geworden“, sagt Nachbar Reinhard Waldhauer. „Frau verloren, Kinder verloren, Haus verloren, und dann auch noch die Unterhaltszahlungen - das war einfach zu viel für den.“ Immer noch werde in der Nachbarschaft über das Unfassbare gesprochen, sagt der Rentner. „Und mit dem Prozess wird das nun natürlich alles wieder aufgewühlt.“

Die Mutter der getöteten Kinder ist inzwischen wieder in ihr Reihenhaus zurückgekehrt. Die Schlafzimmerwände sind neu tapeziert, betroffene Einrichtungsgegenstände entfernt worden. Doch auch wenn äußerlich nichts mehr an das Blutbad erinnert, bleibt das Grauen gegenwärtig. Im Prozess wird Tanja S. nun als Nebenklägerin auftreten. Ob sie auch selbst erscheint und ihrem Mann in die Augen blickt, ist aber unklar. Als Zeugin zumindest ist die 34-Jährige bisher nicht vorgesehen. Sie wolle von ihrem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch machen, heißt es.

Für das Verfahren sind fünf Prozesstage eingeplant. Offen ist, ob sich der Angeklagte zur Tat äußern wird. Im Zuge der Vernehmungen hat Andreas S. indessen bereits ein umfassendes Geständnis abgelegt. „Er musste nicht gedrängt werden“, sagt der Hildesheimer Oberstaatsanwalt Bernd Seemann. „Es war ihm wichtig auszusagen.“

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