Patienten aus dem Ausland

Das Geschäft mit den reichen Kranken

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Der Ruf der deutschen Medizin sei einmalig.

Berlin - Mit Patienten aus dem Ausland verdienen deutsche Kliniken mehr als eine Milliarde Euro pro Jahr – doch oft fließt auch Geld an dubiose Vermittler. Etwa jedes zehnte der 2000 deutschen Krankenhäuser hat ein internationales „Office“ eingerichtet.

Simone Stein-Lücke hat ein ehrgeiziges Ziel. Oder ist es ein verwegener Traum? Die Bezirksbürgermeisterin von Bad Godesberg möchte mehr Ausländer in ihre Stadt locken. Genau genommen geht es um reiche Araber und Russen, die ärztliche Hilfe brauchen. Simone Stein-Lücke will aus dem Bonner Vorort die bundesweite Nummer eins für Medizintouristen machen. „Wir können ja hier schlecht nach Gold schürfen oder nach Öl bohren“, sagt sie. Als Alternative biete sich die Spitzenmedizin in der Region an. Nicht nur die Kliniken profitierten am Ende von zahlungskräftigen Patienten aus dem Orient.

Die Idee ist verwegen, aber keineswegs abwegig. Bereits heute prägen arabische Apotheken, Restaurants und Lebensmittelgeschäfte das Straßenbild der früheren Diplomatenviertel im Bonner Süden, ebenso wie Frauen in Burka und die jungen Schüler der König-Fahd-Akademie. Inzwischen lassen sich jedes Jahr weit mehr als 1000 Ausländer, vor allem aus Katar und den Vereinigten Arabischen Emiraten, in einer der örtlichen Kliniken behandeln. Aber ein kleines Problem bleibt: Bonn ist nicht die einzige Stadt, die auf den Gesundheitsmarkt drängt, der abseits des geregelten Kassensystems lukrative Zusatzeinnahmen verspricht.

Jens Juszczak, Wirtschaftswissenschaftler an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg in Sankt Augustin, forscht seit Jahren über den deutschen Medizintourismus. Die Statistik, die er jedes Jahr ­veröffentlicht, ist ein Muntermacher für Klinikmanager, denn die Umsatzkurve zeigt steil nach oben. 2012 kamen rund 224.000 Patienten zur Behandlung nach Deutschland, fast zehn Prozent mehr als im Vorjahr. Spitzengruppe waren erstmals Russen. Jeder zehnte Patient kam aus Ländern, in denen arabisch gesprochen wird. Der Erlös kletterte nach Angaben des Statistischen Bundesamts auf eine Milliarde Euro. Real dürfte es weitaus mehr sein. Denn sobald die Rechnung eine inländische Adresse trägt, wird sie in einer anderen Statistik erfasst. Zudem füllen die Gäste nicht nur die klammen Klinikkassen.

„Mehr als nur 20.000 Euro für die neue Hüfte“

„Wer beispielsweise aus Dubai anreist, um sich in Deutschland behandeln zu lassen, zahlt am Ende mehr als nur 20.000 Euro für die neue Hüfte“, sagt Juszczak. Parfümerien und Juweliere profitierten von der zahlungskräftigen Kundschaft. Nebenbei werde der Porsche getunt, das Flugzeug gewartet und eine teure Wohnung für die Großfamilie und das Personal angemietet, was nicht selten zu Konflikten mit der Nachbarschaft führt. Und immer häufiger werde die Gelegenheit genutzt, sich in der Region an einem Einkaufscenter zu beteiligen oder einen Fußballklub zu kaufen.

Mittlerweile werben nicht nur Privatkliniken wie das International Neuroscience Institute (INI) in Hannover mit einem speziellen Mitarbeiterstab um die Wünsche ausländischer Privatzahler. Etwa jedes zehnte der 2000 deutschen Krankenhäuser hat ein internationales „Office“ eingerichtet. Der Berliner Vivantes-Klinikkonzern beschäftigt 20 Mitarbeiter, die nur für arabische Länder zuständig sind. Im Bezirk Neukölln wurden Kliniketagen zu Hotelstationen umgebaut. In Hamburg organisieren Patientenmanager Stadtrundfahrten. In Leipzig wird für 18 Millionen Euro ein medizinisches Zentrum für ausländische Patienten gebaut. Münchener Krankenhäuser, seit Langem Topadresse für Scheichs, bieten getrennte Gebetsräume für Männer und Frauen sowie einen arabischen Speiseplan an.

Auf dem Wachstumsmarkt tummeln sich zudem immer mehr Vermittler, von der russischen Krankenschwester bis zur professionell organisierten Agentur wie der Firma Baden-Tour aus Baden-Baden. Jens Juszczak schätzt, dass sich etwa 1000 Agenten darauf spezialisiert haben, über das Internet Patienten im Ausland zu suchen und sie gegen ein Maklerhonorar an deutsche Kliniken zu vermitteln. Die Berliner Charité kooperiert mit knapp 100. Die Medizinische Hochschule Hannover beschränkt sich auf drei, darunter einen emeritierten Medizinprofessor. Provisionszahlungen sind zwar verboten, aber nicht jede deutsche Klinik beherzigt dies. Vor allem Privatkliniken nutzen die Grauzone.

Auch bei der Abrechnung sind nicht alle so seriös wie die MHH, die die üblichen Fallpauschalen verlangt und sich bei Wahlleistungen wie Chefarztbehandlung an die privatärztliche Gebührenordnung hält. „Viele Häuser stellen extrem überhöhte Rechnungen aus“, sagt Juszczak. Eine Stichprobe ergab, dass der Preis für die Behandlung eines Magenkarzinoms zwischen 14.000 und 75.000 Euro schwankte.

50.000 Euro werden in zwei Tagen „vershoppt“

Vadim Nasyrov zählt sich zu den Ehrlichen. Als ihn ein russischer Bekannter vor sechs Jahren bat, in Hannover einen Arzttermin zu vereinbaren und ihm als Dolmetscher zur Seite zu stehen, war dies der Start in die neue Selbstständigkeit als Patientenvermittler. Nasyrov teilt seine Kundschaft in drei Gruppen: Schwerkranke Russen, die ihre Wohnung verkaufen, um den deutschen Spezialisten zu bezahlen. Kinder, deren Behandlung von einer der vielen Stiftungen finanziert wird. Und schließlich die Reichen. „Während der Vater im Krankenhaus liegt, gibt die Tochter an zwei Tagen 50.000 Euro beim Shoppen aus.“ Wer Nasyrovs Sympathie genießt, ist offensichtlich. Bei der Zahl 50.000 kippt seine Stimme.

Die russische Dolmetscherin Swetlana lebt in Berlin und arbeitet wie Nasyrov als Vermittlerin. Von ihr erfährt man, warum ihre Landsleute Tausende Kilometer zurücklegen, um einen deutschen Arzt aufzusuchen, manche sogar, um zur Geburtsvorsorge zu gehen – allerdings nur, wenn man ihren Namen nicht nennt. Als ihr Schwager eine neue Hüfte brauchte, habe der Arzt in Moskau ihn vor die Alternative gestellt: „Wenn Sie wollen, dass Sie nach der OP nicht hinken oder nicht während der OP aufwachen, zahlen Sie lieber 1000 Euro ­extra!“ Krebspatienten, sagt Swetlana, warteten Wochen auf die rettende Chemotherapie. Wer sich die teuren Medikamente selbst besorge und aus eigener Tasche bezahle, sei früher dran. Zudem seien viele gefälschte, wirkungslose Arzneimittel auf dem Markt. „Am Ende kostet die Behandlung in der deutschen Klinik genauso viel wie in Russland, weil nichts ohne Schmiergeld läuft.“

Der Ruf der deutschen Medizin sei einmalig, sagt Swetlana. Auch die derzeitigen politischen Spannungen änderten daran nichts. Das kann auch Andreas Voges, zuständig für die internationalen Patienten an der MHH, bestätigen. Der Anteil russischer Patienten sei in diesem Jahr sogar ansteigend. Die meisten kommen, um eine Krebserkrankung behandeln zu lassen. Jens Juszczak rechnet dagegen mit leichten Rückgängen. Da die Lebenshaltungskosten in Russland steigen, werde vermutlich häufiger die Gesundheitsreise in den Westen gestrichen, sagt er.

Städte wie Berlin, Hamburg, Heidelberg und München dürfen dennoch weiter auf steigende Umsätze hoffen. Vor allem in den Sommermonaten, die Münchener Hoteliers die „Arabischen Wochen“ nennen. Zur Shoppingtour der arabischen Oberschicht gehört häufig der Besuch historischer Stätten – und einer Klinik. Auch die Psychiatrie der örtlichen Uniklinik ist gefragt. Kürzlich suchte eine arabische Familie Rat, deren 28-jährige Tochter unter einer schizophrenen Psychose litt und Stimmen hörte. Bereits nach wenigen Tagen ging es ihr dank neuer Medikamente besser. Der Ruf der Münchener Mediziner sei nun mal blendend, sagt Klinikdirektor Peter Falkai. Zudem gebe es einen großen Flughafen.

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