ESC-Vorentscheid

Wer gewinnt heute Abend „Unser Song für Malmö“?

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Foto: Am 14. Februar findet in Hannover der ESC-Vorentscheid „Unser Song für Malmö“ statt.

Hannover - Zwölf Künstler treten heute beim deutschen Grand-Prix-Vorentscheid in Hannover an. Sie wollen Deutschland beim Eurovision Song Contest am 18. Mai im schwedischen Malmö vertreten. Wir stellen alle Kandidaten und ihre Lieder vor.

Ben Ivory: „The Righteous Ones“

Das klingt doch sehr nach Achtziger-Revival: keine Gitarre weit und breit, kühler Elektropop über einem flauschigen Synthesizer-Bett. Spandau Ballett trifft Duran Duran. Wer mit neonfarbenen Schweißbändern groß wurde, fühlt sich zu Hause. Ben Ivory gründete mit 14 Jahren seine erste Band, war Sänger der Rockband SplinterX und ist als Elektro-Fashion-Gesamtkunstwerk in der Berliner Szene eine feste Größe. Am 22.März erscheint sein Debüt-Soloalbum „Neon Cathedral“.

Chance auf Schweden: ***

Betty Dittrich: „LaLaLa“

Ein hippiemäßiges Feelgood-Liedlein auf deutsch - artig vorgetragen von einer 28-jährigen Schwedin aus Malmö (!), die seit zwei Jahren in Berlin lebt. Mit ihrer Band Shebang war sie bis 2008 in Schweden und Japan unterwegs, dann kam die Auflösung. Der Song? Ein Sechziger-Jahre-Piffpaff-Leichtgewicht ohne jede Modernisierungsabsicht, je ein Schuss Mamas & Papas, Jefferson Airplane und Connie Froboess. Text? Es geht um Jimmy, Franz und Angelo, die weg sind, warum bloß, ach Mensch, Pech. Aus der Zeit gefallen wie Schwarzwälder Kirschtorte.

Chance auf Schweden: *



Blitzkids mvt.: „Heart On The Line“

Und noch mal Achtziger. Frontfrau Nomi - benannt nach dem homosexuellen Countertenor Klaus Nomi - möchte gern die deutsche Antwort auf Lady Gaga werden. An ihrer Seite: Der Hamburger Produzent Petone (Tommy Peters). Ihr Projekt „Blitzkids mtv.“ („mtv“ steht für „Movement“) will an die „Blitz Kids“-Szene anknüpfen, die in London vor 30 Jahren die New-Romantic-Bewegung ins Leben rief, Boy George und so. Entsprechend dadaistisch sind Makeup und Klamotte. Ganz schon viel Hipsterkunst fürs ARD-Publikum.

Chance auf Schweden: **

Cascada: „Glorious“

Deutschlands erfolgreichste Discotruppe ("Evacuate The Dancefloor") mit Frontblondine Natalie Horler liefert, was die ESC-Stammkundschaft liebt: Dancefloorstampf reinsten Herzens. Leider fehlt der Knaller-Refrain, der hängenbleibt – wie bei Loreens Siegersong „Euphoria“. Der DJ-Bobo-Sound klingt, als hätte David Guetta nur koffeinfreien Kaffee gekriegt. Im Fußball würde man sagen: Da war mehr drin.

Chance auf Schweden: ***

Finn Martin: „Change“

Aufrichtiger Folkpop mit Sonnenaufgangs-Sound - das richtige Lied, um morgens durch die Wüste Nevadas zu fahren. Hübsche, harmlos Gitarrenromantik, die an Lenas „Stardust“ erinnert und klingt wie ein Wahlwerbesong für Jürgen Trittin, mit Kindern und Sonnenblumen. Der 28-jährige Finn Martin aus Berlin spielte mit seiner Band Asher Lane 2006 beim WM-Halbfinale am Brandenburger Tor schon vor einer Million Menschen und war mit P.Ink auf Tour.

Chance auf Schweden: ****

LaBrassBanda: „Nackert“

Für die bayerische Ska-Blümchenpunk-Volksmusik-Bläserkapelle dürfte das ESC-Publikum einfach nicht betrunken genug sein. Ein bisschen Jägermeister muss schon sein für den Laut-und-lustig-Jazz der fünf barfuß spielenden Ex-Musikstudenten, die ausgezogen sind, „die Wucht des Blechs zu erkunden“. Musikalisch ist ihr Schnellbläser-Song eher ein Sportereignis. Textauszug: „Duad an jedn schee ja mei si ko ned ohne de kloana Buam schaugn ihr noch und dramman vo da Vroni.“ Ja gut... äh?

Chance auf Schweden: ***

Mia Diekow: „Lieblingslied“

Wie Betty Dittrich versucht's auch die 25-jährige Hamburgerin Mia mit treuherzig vorgetragenem Deutschpop. Ihr „Lieblingslied“ allerdings klingt deutlich gegenwärtiger („Wenn ich reden will, kann ich zu Tocotronic geh'n“) als Dittrichs, wenngleich der Ich-bin-ein-Mädchen-und-das-muss-so-Charme auch hier nach spätestens anderthalb Minuten anstrengend wird („Mein Körper hüpft zu deinem Beat“). Im Juli 2012 veröffentlichte Mia Diekow ihr Debütalbum „Die Logik liegt am Boden und wir sind frei“. Genau.

Chance auf Schweden: **

Mobilée: „Little Sister“

Das gutgelaunte Stück Neofolkpop mit Mandoline, Banjo, Ukulele und Akkordeon ist der Titelsong des Kinofilms „Vampirschwestern“. In der Kopfkommode landet man in der Schublade von Of Monsters And Men oder Mumford & Sons, nur ohne deren Melancholie. Bisher war Mobilée aus Duisburg oft Vorband (2011 bei Roxette, 2012 bei Tim Bendzko) – jetzt drängen die fünf Herren und Sängerin Caroline Wolter selber ans Licht. Jüngst mischten sie den ZDF-Fernsehgarten auf, als sie mit selbstgebastelten Masken inmitten schunkelnder Senioren ihre Solidarität zu Pussy Riot bekundeten.

Chance auf Schweden: **

Nica & Joe: „Elevated“

Klassik und Pop – das klingt nach Nagelstudio-Beschallung. Im Geiste stehen dann Vanessa May und David Gareth in kniehoer Brandung und fiedeln wehenden Haares um ihr Leben. Aber Pop-Profi Veronika Belyavskaya und Tenor Joseph Guyton alias Nica & Joe – 2011 Finalisten der Castinghshow „X Factor“ - haben einen ESC-kompatiblen, nicht allzu plump kitschigen Song im Angebot. Mit ähnlichem Stoff gewannen Ell & Nikki 2011 in Düsseldorf für Aserbaidschan.

Chance auf Schweden: ****

Die Priester & Mojca Erdmann: „Meerstern, sei gegrüßt“

Was klingt wie die Knorkator-Quatsch-Fraktion 2013 ist in Wahrheit ernstgemeint. „Die Priester“ sind keine durchgeknallten Flaschenbiertrinker mit Blödsinn im Blut, sondern – nun ja: Priester. Seit 2011 machen die Gottesmänner stromunterstützte christliche Popmusik. Das Lied der himmlischen Boyband „orientiert sich“ am historischen Mariengesang „Ave Maris Stella“. Vorveröffentlicht? Ja. Aber „Bearbeitungen“ seien üblich gewesen in den letzten 1200 Jahren, findet der NDR. Irgendwo zwischen Pathospop und Sakralsülze.

Chance auf Schweden: *

Saint Lu: „Craving“

Doch, man darf an Amy Winehouse denken, an Duffy, Adele oder Anastacia - oder an einen souligen Bond-Song, der nie erschien. Luise Gruber (30) aus Wels in Oberösterreich zog es erst nach New York und dann nach Berlin. Dort arbeitet sie mit Branchengrößen wie Produzent Patrik Majer zusammen, der schon Wir sind Helden und Rosenstolz veredelte. Ihr Song ist robust, die Jury dürfte ihn mögen, ihre Fanbasis ist stabil, und Retrosoul passt ja immer noch. Saint Lu muss man im Auge behalten.

Chance auf Schweden: ****

Söhne Mannheims: „One Love“

Tja, blöd: Beim ESC-Finale dürfen maximal sechs Künstler pro Song auf die Bühne. Da müssten die zwölf „Söhne“ erst mal Streichhölzchen ziehen. Doch ihr R'n'B-Soul-Rap-Werk „One Love“ mit seiner Kirchentagslyrik und dem braven Groove gehört ohnehin nicht zu den stärksten im Feld, abgesehen davon, dass Übervater Xavier Naidoo nicht mitmacht. Sie sind die bekanntesten Teilnehmer - aber so richtig passen sie nicht in die ESC-Welt. Dennoch: der Markenbonus könnte helfen. Und sei es, weil die Leute mal gucken wollen, wie lustig die „Monnemer“ Weltverbesserer zwischen weißrussischen Discomäuschen aussehen.

Chance auf Schweden: ****

Hier kann im Vorfeld abgestimmt werden.

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