Experte im Interview

„Gewitterwarnungen sind sehr schwierig“

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Blitze zucken während einem Gewitter am Himmel über der Norddeutschen Landesbank NordLB in Hannover.

Offenbach - Zwei Millionen Blitze im Jahr über Deutschland - dazu oft Donner, Hagel, Sturzregen. Gewitter sind faszinierend, aber auch gefährlich. Warnungen sind deshalb besonders wichtig, allerdings auch besonders schwierig, wie ein Wetter-Experte im dpa-Interview erläutert.

Erst rund 90 Minuten vorher können Meteorologen relativ genau sagen, wo ein Gewitter heruntergeht. Die Donnerwetter entstehen blitzschnell und lösen sich genauso schnell wieder auf. Im Voraus präzise berechenbar seien sie kaum, sagt der Meteorologe Andreas Friedrich vom Deutschen Wetterdienst (DWD) im Interview der Nachrichtenagentur dpa. "Gewitter gehören zu den schwierigsten Phänomenen für die Vorhersage." Vor Sturm oder Starkregen könne schon Stunden oder sogar Tage vorher gewarnt werden.

Warum ist eine Unwetterwarnung vor schweren Gewittern so schwierig?

Gewitter sind so klein und so schnell in der Entwicklung, dass sie für unsere klassischen Wettervorhersagemodelle quasi nicht vorhersagbar sind. Innerhalb von zehn Minuten kann aus einer harmlos aussehenden Wolke eine ausgewachsene Gewitterwolke werden, aus der es hagelt. Und das kann auf ganz kleinem Raum passieren, etwa in einem Stadtteil. Deshalb sind Warnungen so schwierig. Im sogenannten now-casting-Bereich null bis drei Stunden vor dem Ereignis benutzt man keine Modellvorhersagen, sondern man schaut auf andere Quellen. Wir bewerten dann das tatsächliche Geschehen - vor allem mit dem Wetterradarsystem, den Wettersatelliten und den Blitzerfassungssystemen. Neue Software errechnet dann aus den Daten der letzten Stunden bis Minuten, wo sich eine Gewitterzelle in den nächsten 90 Minuten hinbewegen wird, ob sie sich verstärkt oder abschwächt. Diese Technik nutzen wir, um konkret bestimmte Landkreise warnen zu können.

Wie sicher ist dann die Warnung? Geht ein Gewitter nach 90 Minuten genau dort nieder, wo Sie es vorhergesagt haben?

Nein, das ist natürlich mit Unsicherheiten behaftet, denn solche Zellen halten sich nicht immer an die Prognose. Die schlagen auf einmal Haken oder schwächen sich plötzlich ab. Dann bildet sich vielleicht nebenan eine neue Zelle. In solchen Fällen müssen sich die Meteorologen im Minutenabstand korrigieren. Vor Starkregen können wir schon Stunden vorher warnen.

Also können Sie eigentlich erst etwas Konkretes sagen, wenn es die Gewitterzelle schon gibt?

Im Prinzip ja. Aber es sind neue Programme in der Erprobung, die mit Hilfe der Wettersatelliten die Feuchte in der Atmosphäre messen und natürlich auch die Wolken, die sich entwickeln. Mit diesen Modellen, in die auch Erfahrungswerte einfließen, kann man prognostizieren, dass sich eine bestimmte Wolke mit hoher Wahrscheinlichkeit zu einer Gewitterwolke entwickeln wird. Diese Programme werden auch von unseren Meteorologen angeschaut, und da kann man schon bis zu einer Stunde, bevor der erste Blitz und das erste Hagelkorn am Boden sind, einschätzen: Das ist eine gefährliche Zelle. Das sind aber ganz neue Verfahren, da müssen wir noch Erfahrungen sammeln. Wir wollen ja auch nicht laufend Fehlalarme produzieren.

Die Computerberechnungen liefern die Daten für bevorstehende Unwettergefahren - wird dann auch automatisch vom Computer gewarnt?

Nein. Wenn wir die rote Karte ziehen - mit dieser Farbe auf der DWD-Warnskala werden Landkreise vor Unwettern gewarnt -, hat der Meteorologe das letzte Wort. Da spielt Erfahrung immer noch eine große Rolle. Die mathematischen Modelle liefern einen Vorschlag, und der Meteorologe entscheidet, für welche Landkreise er Warnungen herausgibt. Es ist uns bewusst, dass Unwetterwarnungen einen ganzen Schwanz von Folgen haben: Da werden ja zum Beispiel vor Ort Krisenstäbe gebildet.

Wie funktioniert das Warnsystem für schwere Gewitter?

Wir haben mehrere Stufen. Bis zu einer Woche im Voraus gibt es Hinweise auf mögliche Gefahren. Dann können wir aber noch nicht räumlich eingrenzen. In der zweiten Stufe gibt es zwölf bis 24 Stunden vorher Vorab-Informationen für Teile von Bundesländern, aber noch keine landkreisgenauen Informationen. Die dritte Stufe ist das "now casting" mit Warnungen für einzelne Kreise bis maximal 90 Minuten vor einem Unwetter. Es kann aber auch passieren, dass eine Warnung erst dann herausgeht, wenn die ersten Hagelkörner in einem Teil eines Landkreises bereits gefallen sind.

dpa

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