Papst Franziskus plaudert aus dem Nähkästchen

Gibt es eine „Homo-Lobby“ im Vatikan?

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Foto: Gibt es ein Netzwerk von Homosexuellen im Vatikan? Papst Franziskus nährt Spekulationen.

Vatikan - Über eine Schwulen-Seilschaft im Vatikan wird seit Monaten spekuliert. Alles geht auf Ermittlungen zum „Vatileaks“-Skandal zurück. Nun nährt der Papst Spekulationen um eine „Homo-Lobby“.

Er ist ja noch nicht lange Papst. Vielleicht hat Franziskus, als er sich mit Besuchern aus seiner Heimat unterhielt, einfach mal einen Moment lang vergessen, dass auch ein nebenbei hingesagter Halbsatz aus seinem Mund jetzt schnell den Weg in die Weltöffentlichkeit finden kann. Beim Empfang einiger Ordensleute aus Lateinamerika soll der Pontifex jedenfalls aus dem vatikanischen Nähkästchen geplaudert haben: „In der Kurie gibt es heilige Menschen“, sagte er, „aber es gibt auch Korruption“. Und: „Man spricht von einer ,Gay-Lobby‘, und das ist wahr, die ist da. Man muss sehen, wie wir damit umgehen.“

Wenn das stimmt, hätte der Papst ganz nebenbei die Existenz eines Netzwerks von Schwulen im Vatikan bestätigt, über das halb Rom seit Monaten munkelt. Ein chilenisches Internetportal enthüllte jetzt seine Äußerung aus der Privataudienz, deren Inhalt eigentlich vertraulich ist. Quelle des Portals „Reflexión y Liberación“ ist eine Zusammenfassung der Papstäußerungen, die einer der sechs Ordensleute nach dem Empfang niederschrieb. Daher ist der genaue Wortlaut nicht gewiss. Der Vatikan dementierte den Bericht nicht, lehnte jedoch eine Stellungnahme ab. Schließlich habe es sich um eine rein private Begegnung gehandelt.

Seit geraumer Zeit gibt es freilich Spekulationen über Seilschaften von Homosexuellen im Vatikan, über sexuelle Abhängigkeiten und Erpressbarkeit unter hohen Klerikern. Manche Vatikanisten glauben, dass es auch in einem Geheimdossier zur VatiLeaks-Affäre, das Franziskus von seinem Vorgänger bekommen hat, um brisante Details des Schwulennetzwerks geht. Einige vermuten gar, der betagte Papst Benedikt XVI. sei in Wirklichkeit allein wegen der „Gay-Lobby“ zurückgetreten. Die Grenzen zur Verschwörungstheorie sind da wohl fließend.Immerhin erscheinen andere Äußerungen, die aus der Privataudienz mit Franziskus überliefert werden, plausibel. So soll er noch einmal gesagt haben, dass er eine Reform der Kurie für nötig hält: „Ich kann diese aber nicht selbst machen. Das sind Verwaltungsfragen, und ich bin sehr unorganisiert“, wird er zitiert – er habe jedoch großes Vertrauen in die von ihm beauftragte Kommission, zu der auch der Münchener Kardinal Reinhard Marx gehört.

Außerdem soll sich der Papst wenig angetan gezeigt haben über eine dogmatisch eher laxe Oberin, die ihren Ordensschwestern empfahl, anstelle des Morgengebets lieber ein „spirituelles Bad im Kosmos“ zu nehmen. Allerdings scheint er auch alte katholische Traditionen für antiquiert zu halten: So hätten ihm Traditionalisten zu seiner Wahl auf einen Schlag 3525 Rosenkränze geschenkt. Laut Audienzprotokoll hätte er sich wohl Besseres vorstellen können: „Warum sagen die nicht einfach ,Wir beten für Sie‘?“

(mit: dpa)

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