Eichenprozessionsspinner

Giftige Raupen trotzen dem langen Winter

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Haariger Baumbefall: In langen wohlgeordneten Kolonnen ziehen die Raupen aus ihren Nestern in Eichen auf Nahrungssuche, was ihnen auch ihren Namen beschert hat.

Hannover/Braunschweig - Gefahr im Grünen: Die giftigen Eichenprozessionsspinner vermehren sich trotz des lang anhaltenden Winters immer stärker. Nicht nur ländliche Regionen sind von ihrem Befall betroffen.

Wer gehofft hatte, dass der lange Winter wenigstens Insekten und Schädlingen an den Kragen gehen würde, hat sich geirrt. Experten warnen derzeit: Der Eichenprozessionsspinner (Nachtfalter) lässt sich nicht von der Kälte kleinkriegen, sondern breitet sich im Gegenteil auch in diesem Jahr immer weiter aus. Die Raupen können in ihren Eiern nämlich ein bis zwei Winter überdauern, erklärt Stefanie Hahn, Sprecherin des Julius Kühn-Instituts (JKI) in Braunschweig. „Der Winter diktiert lediglich, wann sie ihr Gelege verlassen.“

Eigentlich „lieben es die Tiere warm und trocken“, sagt Hahn. Als Hauptvermehrungszeit gelte daher die Zeit von Ende Mai bis August. Seit fünf Jahre würden sich die Eichenprozessionsspinner immer stärker ausbreiten und damit den Eichen und den Menschen zunehmend Probleme bescheren. Ursache für die Verbreitung seien die im Durchschnitt gestiegenen Temperaturen in den Frühjahrsmonaten.

Auch natürliche Fressfeinde und Pestizide scheinen die Entwicklung nicht stoppen zu können, sie halten die Population bloß „in Schach“. Was die Tiere, die sich ausschließlich auf Eichen stürzen, so gefährlich für den Menschen macht: Die feinen Härchen können durch Luftströmungen sogar über 100 Meter weit getragen werden und verursachen starke Reizungen der Haut und Atemwege. Auch Schwindel und Fieber, in Ausnahmefällen sogar ein lebensgefährlicher allergischer Schock, können Folgen sein. Da die Raupen oft auf Grünstreifen von Siedlungen und Parkanlagen vorkommen, bekämpfen viele Kommunen mit Beginn des Frühjahrs die Schädlinge massiv mit chemischen Mitteln. Der Landkreis Lüneburg etwa will befallene Bäume mit Hubschraubern besprühen und Brandenburgs Agrarminister Jörg Vogelsänger (SPD) hat aufgrund der starken Verbreitung sogar beim Bund Hilfe bei der Bekämpfung des Eichenprozessionsspinners gefordert.

Bei Umweltschützern kommt das weniger gut an: Sie halten den flächendeckenden Gifteinsatz für bedenklich. Die Naturschutzverbände BUND und Nabu weisen darauf hin, dass Insektizide immer auch in das ökologische Wirkungsgefüge eingreifen. So könnten zum Beispiel raupenfressende Vögel geschädigt werden.

Kam die Raupenart ursprünglich vermehrt in Süddeutschland vor, hat sie sich jetzt erstmalig auch in Sachsen und rasant in Norddeutschland angesiedelt – unter anderem im Osten Niedersachsens und in den Eichenalleen Mecklenburg-Vorpommerns, berichtet Hahn. In eher eichenarmeren Gebieten wie Bremen kommen die Tiere kaum vor, klimatische Gründe habe das nicht. „Die Nachtfalter können bloß nicht so weit fliegen“. Die Folge: Wo wenig Eichen sind, fehlen sozusagen die nötigen Transportwege, um in neue Gebiete vorzudringen.

Auch die Eichen selbst leiden unter den Raupen, die sie kahlfressen. Keine gute Nachricht für die Forstwirtschaft, gilt die Eiche, die rund zehn Prozent des gesamten deutschen Forstbestandes ausmacht, ohnehin als Sorgenkind. Dem jüngsten Waldsschadensbericht zufolge sind daran auch besagte Raupen schuld. Die Niedersächsische Landesforsten aber sieht den Eichenbestand durch die Raupen derzeit nicht gefährdet. „Das ist kein Thema für uns“, betonte ein Sprecher. „Viel brisanter ist das in den städtischen Siedlungen.“ Dort sei es wärmer, und Menschen kämen tagtäglich mit den Raupen in Kontakt.

Kirsten Elschner

Tipps gegen das Raupengift

Wie schütze ich mich?

Ein Kontakt mit den Raupen oder Nestern sollte unbedingt vermieden werden. In befallenen Gebieten empfiehlt das Niedersächsische Gesundheitsamt, unbedeckte Körperflächen wie Nacken, Arme und Beine zu verhüllen. Auch vor dem Sitzen im Unterholz in der Nähe eines Nests wird gewarnt. Die Warnung der Behörde richtet sich dabei nicht nur an Spaziergänger und Anwohner von Waldgebieten, sondern auch an Forstpflegebetriebe und Personen im urbanen Grün wie Freibädern.

Was passiert nach Hautkontakt?

Die Haut kann nach Kontakt mit den Haaren mit starkem Juckreiz und Entzündungen reagieren. Auch Nesselsucht trete gelegentlich auf, schreibt das Gesundheitsamt. Gelangen die Haare in die Augen oder Atemwege, kommt es zu Reizungen und Atemnot. Auch Schwindelgefühl und Fieber sind möglich. In jedem Fall sei ein Arztbesuch notwendig, rät die Behörde. Nach Kontakt mit den Brennhaaren sollte geduscht, die Kleidung gewechselt und bei 60 Grad Celsius gewaschen werden. So werden Haare und Nesselgift aus dem Material gespült und vernichtet.

Ein Baum ist befallen. Was nun?

Einem Nest sollte mit Augenmaß begegnet werden, rät das Gesundheitsamt. Vom Entfernen mit einem Wasserstrahl, Abbrennen oder Abreißen auf eigene Faust wird abgeraten. Firmen aus dem Bereich Schädlingsbekämpfung bieten für die Entsorgung spezielle Verfahren an.

kla

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