Lehrerstreik

In Göttingen gibt es schon Schulfrieden

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Foto: In Göttingen ist der Schulfrieden zurückgekehrt.

Göttingen - Seit Monaten kämpfen die Gymnasiallehrer in Niedersachsen dagegen, dass sie ab August eine Stunde in der Woche mehr unterrichten sollen. In Göttingen ist der Schulfrieden jedoch zurückgekehrt.

Von einem Schulfrieden ist Niedersachsen derzeit ganz weit entfernt. Seit Monaten kämpfen die Gymnasiallehrer dagegen, dass sie ab August eine Stunde in der Woche mehr unterrichten sollen. Beschlossen hat dies die rot-grüne Regierungskoalition gleichwohl. Angesichts des geplanten massiven Ausbaus der Ganztagsschulen, von dem auch ein Großteil der Gymnasien profitieren werde, sei es den Lehrern zuzumuten, 24,5 Stunden in der Woche zu unterrichten, meint Kultusministerin Frauke Heiligenstadt (SPD). An den Gesamtschulen gelte diese Unterrichtsverpflichtung schließlich schon lange.

Gymnasien oder Gesamtschule – die ideologische Systemfrage stellt sich in Göttingen nicht mehr. „Annähernd 89 Prozent der Schüler eines Jahrgangs besuchen ab Klasse 5 gleichwertige Schulen, fünf Gymnasien und zwei Gesamtschulen, die direkt oder überwiegend zum Abitur führen. Für diese Schüler ist der Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und früher Selektion durch das Schulsystem aufgehoben“, stellt der Göttinger Bildungsforscher Peter Brammer fest. Er hat untersucht, wie sich die Schullandschaft in der Stadt seit 2009 entwickelt hat. Im vergangenen Sommer lag der Anteil der Schüler, die Abitur gemacht haben, bei 69 Prozent. Die Qualität der Abschlüsse sei exzellent und liege weit über dem Landesschnitt, fasst Brammer in seinem vorläufigen Fazit der Studie gegenüber der HAZ zusammen. Es gebe viele Bildungsaufsteiger, aber kaum Bildungsabsteiger. Der Anteil der Abbrecher sei kontinuierlich auf unter zwei Prozent eines Jahrgangs gesunken.

Alle sieben Schulen, die derzeit von rund 8300 Kindern und Jugendlichen besucht werden, sind Ganztagsschulen. Die Schullaufbahnempfehlungen der Grundschulen hätten vor dem Hintergrund der Angebotsvielfalt, der formalen Gleichwertigkeit von Gymnasien und Gesamtschulen und dem freien Elternwillen ihren aussortierenden Charakter verloren, sagt Brammer. Nicht bestätigen könne er jüngste Studien, sagt der Wissenschaftler der Göttinger Universität, wonach die Freigabe der Wahlfreiheit die bildungsbürgerliche Mittelschicht begünstigt und bildungsfernere Schichten benachteiligt.

Wichtig für die Göttinger Schullandschaft, die in Deutschland laut Brammer ihresgleichen sucht, sei ein pädagogischer Wettbewerb um die Schüler durch unterschiedliche Schulprofile, engagierte Rektoren, qualifizierte Lehrer und gut ausgestattete Gebäude. Die Entwicklung sei ein fast 40-jähriger Prozess gewesen, der 1975 mit der Gründung von zwei Gesamtschulen begonnen habe. Die konfrontative, parteipolitische Systemdebatte habe der Diskussion um wirklich gute Schulen Platz gemacht. Dies könne ein Vorbild für das ganze Land sein, glaubt Brammer.

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