Prozess gegen ehemaligen SS-Mann

Gröning räumt Mitschuld am Holocaust ein

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Foto: Der ehemalige SS-Mann Oskar Gröning.

Lüneburg - Im Auschwitz-Prozess in Lüneburg hat der frühere SS-Mann Oskar Gröning erneut seine Beteiligung und Mitschuld am Holocaust eingeräumt. Durch seine Tätigkeit habe er dazu beigetragen, dass das System Auschwitz funktionierte, erklärte der 94-Jährige am Mittwoch in einer schriftlichen Einlassung, die sein Verteidiger verlas.

Obwohl er seit seiner Ankunft in Auschwitz von der Judenvernichtung dort gewusst habe, hätten ihn im Gericht die Aussagen der Überlebenden über ihr Leiden bei der Deportation, im Lager und während ihres späteren Lebens sehr beeindruckt. Sein anerzogener Gehorsam habe verhindert, dass er gegen das Morden in Auschwitz rebelliert habe. Nach heutigen Maßstäben sei dies nicht zu fassen. Die Opfer habe er vor Gericht bewusst nicht um Vergebung gebeten.

Dies stehe ihm angesichts der Dimension des Leids nicht zu. "Um Vergebung kann ich nur meinen Herrgott bitten", ließ Gröning seinen Anwalt verlesen. Dem 94-Jährigen wird Beihilfe zum Mord in mindestens 300.000 Fällen vorgeworfen. Er hatte eingeräumt, aus dem Gepäck von verschleppten Juden Geld gezählt und an die SS weitergeleitet zu haben. Ob nach der Aussage einer weiteren Auschwitz-Überlebenden am Mittwoch bereits die Plädoyers beginnen, ist noch offen.

KZ-Verbrecher vor Gericht

Prozesse gegen frühere KZ-Beschäftigte wie jetzt in Lüneburg gibt es nur noch selten. Die juristische Aufarbeitung begann gleich nach dem Krieg mit den Nürnberger Prozessen 1945 und 1946 gegen führende Vertreter des NS-Regimes. Dem größten Prozess um die Hauptkriegsverbrecher folgten bis 1949 zwölf weitere. Das Internationale Militärtribunal der Siegermächte verhängte insgesamt 36 Todesurteile.

Mit dem Vernichtungslager Auschwitz befasste sich ein Frankfurter Schwurgericht 1963 bis 1965. Dieser Auschwitz-Prozess endete mit lebenslangem Zuchthaus für 6 der 20 Angeklagten. Ihm folgten weitere Verfahren. Im Düsseldorfer Treblinka-Prozess wurden 1965 vier Angeklagte zu lebenslangem Zuchthaus und fünf zu Freiheitsstrafen zwischen drei und zwölf Jahren verurteilt. Der Majdanek-Prozess in Düsseldorf endete 1981 mit lebenslanger Haft für eine frühere Aufseherin und Freiheitsstrafen bis zu zwölf Jahren für sieben weitere Angeklagte.

Danach gab es nur noch wenige Prozesse gegen meist hochbetagte KZ-Wachmänner. Das Landgericht München I verurteilte den ehemaligen Aufseher im Gestapo-Gefängnis Kleine Festung Theresienstadt, Anton Malloth, 2001 zu lebenslanger Haft wegen Mordes. Schon 2002 wurde er wegen Haftunfähigkeit entlassen, der 90-Jährige starb wenige Tage später.

Der mutmaßliche Wachmann im Vernichtungslager Belzec, Samuel Kunz, starb 2010 kurz vor Beginn seines Prozesses. Der 89-Jährige war wegen Mordes in zehn und Beihilfe in mindestens 430000 Fällen angeklagt. Der 91-jährige gebürtige Ukrainer John Demjanjuk starb 2012 in einem bayerischen Pflegeheim - zehn Monate nach seiner Verurteilung als Holocaust-Mittäter. Das Landgericht München hatte ihn wegen Beihilfe zum Mord an 28000 Juden im Lager Sobibor zu fünf Jahren verurteilt. Mit Blick auf sein Alter wurde der Haftbefehl aber aufgehoben.

dpa

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