„Hello Barbie“

Der große Flauschangriff im Kinderzimmer

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Direkter Draht in die Mattel-Zentrale? Die neue „Hello Barbie“.

New York - Mattels neue „Hello Barbie“ kann zuhören, sie spricht, lernt und speichert alles ab – eine Schreckensvorstellung für Datenschützer und Pädagogen.

Der erste Teddy ist oft unvergessen, das Lieblingskuscheltier von damals weckt wohlige Gefühl von Wehmut und Wärme. Man braucht keinen Kinderpsychologen, um zu wissen, dass kleine und nicht mehr ganz so kleine Jungen und Mädchen enge Bindungen zu Puppen und Stofftieren aufbauen. Die Figuren sind oft jahrelange Begleiter in prägenden Phasen. Dass sie Namen haben, ist selbstverständlich - und in den Köpfen ihrer menschlichen Freunde haben sie sogar ausgeprägte Persönlichkeiten.

Natürlich wird seit Menschengedenken auch mit den kleinen Freunden gesprochen. Bislang kam keine Antwort zurück. Die Aufnahmen mit einfachen Sätzen, die man per Schnur betätigen konnte, setzten sich nicht durch, der einseitige Dialog war allzu frustrierend. Doch im digitalen Zeitalter rückt die Idee eines „echten“ Gesprächs mit dem Stoff-Kumpanen näher: Pionier ist wieder einmal Barbie - die erfolgreichste und umstrittenste Puppe aller Zeiten.

Per WLAN mit dem Server verbunden

Nachdem Barbie-Hersteller Mattel zuletzt starke Umsatzeinbußen beklagen musste, hat man sich mit Verve ins digitale Zeitalter gestürzt. Das Ergebnis ist ein Spielzeug namens „Hello Barbie“. Die voraussichtlich rund 75 Dollar (68 Euro) teure Puppe, die von Herbst an zunächst in den USA erhältlich sein soll, wird nicht nur ausgiebige Gespräche mit ihren Besitzern führen können, sie soll auch eine „einzigartige digitale Beziehung“ (Mattel) zu ihnen aufbauen: Per WLAN ist sie mit Servern verbunden, die nicht nur reichlich Daten über die Geschichte und die Biografie der Puppe gespeichert haben, sondern sich auch über ihren Dialogpartner allerlei merken. Die sogenannte „Smart Doll“ (schlaue Puppe) wird sich an die Interessen und Vorlieben ihrer Besitzer erinnern können, sich die Namen ihrer Freunde merken und auf dem Laufenden sein, wie es in der Schule so geht und ob ein Facebook-Statusupdate ansteht. So soll die Barbie 2.0 ein stets ansprechbarer, dauerhaft „lernender“, interaktiver „Freund“ sein.

Das erinnert doch stark an die düstere Vision von „Bibigirl, der vollkommenen Puppe“ aus Michael Endes „Momo“. Auf die Frage „Was soll ich werden, wenn ich groß bin?“ antwortet „Hello Barbie“ in einem Firmendemo etwa: „Du hast mir mal gesagt, du bist gern auf der Bühne. Wie wär’s also mit Tänzerin? Oder mit Politikerin? Oder mit einer tanzenden Politikerin?“ Das findet natürlich nicht jeder toll. Schon Monate vor dem Verkaufsstart sind die Kritiker und Skeptiker auf den Barrikaden. So fordert die Gruppe „Campaign for a Commercial-Free Childhood“ („Kampagne für eine werbefreie Kindheit“) den sofortigen Produktionsstopp.

„Setzen wir unseren Kindern Wanzen ins Zimmer?“

Eine Sprecherin der Bürgerrechtsvereinigung American Civil Liberties Union fragte: „Setzen wir unseren Kindern hier Wanzen ins Zimmer? Was wird denn hier aufgezeichnet, wo und wie lange wird es aufbewahrt und wer hat Zugang dazu?“ Die Bedenken sind durchaus berechtigt. Das Speichern von Interessen und Vorlieben der kleinen Konsumenten ist für Vermarkter Gold wert. Wofür Facebook komplizierte Algorithmen erstellen muss, wird so quasi frei Haus geliefert. Was die Puppe im Haus aber noch alles so aufnimmt, speichert und möglicherweise auswertet, ist weder zu durchschauen noch zu kontrollieren. Mattel versichert den Verbrauchern zwar, dass Daten vertraulich behandelt würden.

Die Informationen, so wurde beteuert, würden allein dazu verwendet, das Produkt zu verbessern, die Verbraucher müssten dem Zugriff durch Mattel explizit zustimmen. Doch Bedenken bleiben. „Die Kinder denken, sie sprächen mit Barbie“, sagt Susan Linn, Iniatorin der Kampagne gegen die Sprechbarbie. „Aber in Wirklichkeit sprechen sie mit einem Konzern.“

Von Sebastian Moll

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