Sachbücher zum Ersten Weltkrieg

Der Große Krieg

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Foto: Im August 2014 jährt sich der Beginn des Ersten Weltkrieges zum 100. Mal - in zahlreichen Sachbüchern wird noch einmal zurückgeblickt. Und neue Fragen aufgeworfen.

Hannover - Im August jährt sich der Beginn des Ersten Weltkrieges zum 100. Mal. Schon jetzt erscheinen wichtige Sachbücher zum Thema. Ein Überblick.

Es ist eine sehr deutsche Sichtweise, den Ersten Weltkrieg als Ersten Weltkrieg zu bezeichnen. Die grausamen Jahre zwischen 1914 und 1918, die rund 17 Millionen Menschen das Leben kosteten und noch einmal mehrere Millionen Menschen verwundet und verstümmelt zurückließen, gelten in der historischen Rückschau hierzulande als bloße Vorgeschichte zur großen deutschen Katastrophe, dem Zweiten Weltkrieg. Unsere Nachbarn wie England und Frankreich hingegen nennen die weltumspannende militärische Auseinandersetzung „The Great War“ und „La Grande Guerre“ - den „Großen Krieg“ also.

Warum das so ist, zeigen die Opferzahlen: Im Ersten Weltkrieg fielen doppelt so viele Briten und viermal so viele Franzosen wie zwischen 1939 und 1945. Der Politikwissenschaftler Herfried Münkler übernimmt nun in seiner großen Monografie über die Kriegsjahre 1914 bis 1918 den Begriff „Der Große Krieg“ bereits im Titel. Für Münkler ist dieser Krieg das „Laboratorium, in dem fast alles entwickelt worden ist, was in den Konflikten der folgenden Jahrzehnte eine Rolle spielen sollte: vom strategischen Luftkrieg, der nicht zwischen Kombattanten und Nonkombattanten unterschied, bis zur Vertreibung und Ermordung ganzer Bevölkerungsgruppen“ sowie zur „Idee des Kreuzzugs zur Durchsetzung demokratischer Ideale, mit der die US-Regierung ihr Eingreifen in den europäischen Krieg rechtfertigte“. Der Erste Weltkrieg, schreibt Münkler, sei der „Brutkasten, in dem fast all jene Technologien, Strategien und Ideologien entwickelt wurden, die sich seitdem im Arsenal politischer Akteure befinden“.

Münkler ist aber nicht der einzige Autor, der den Großen Krieg als „allein stehendes komplexes Ereignis“ und nicht nur als Vorgeschichte des Zweiten Weltkriegs betrachtet. Auch der Historiker Christopher Clark interpretiert den Ersten Weltkrieg und vor allem dessen Vorgeschichte als enorm wichtiges, solitäres Ereignis. Die Julikrise von 1914, in der sich das Schicksal Europas entscheiden sollte, bezeichnet Clark in seinem Bestseller „Die Schlafwandler“ gar als „das komplexeste Ereignis der heutigen Zeit, womöglich bislang aller Zeiten“. Der Australier konzentriert sich in seinem 900-Seiten-Werk anders als Münkler auf die Vorgeschichte des Krieges. Zum einen legt er sein Augenmerk auf die Vorkriegszeit auf dem Balkan, wo mit dem Attentat von Sarajevo auf den österreichischen Erzherzog Franz Ferdinand der Weg in die „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ (George F. Kennan) seinen Anfang nahm. Zum anderen setzt er sich intensiv mit der Kriegsschuldfrage auseinander.

Die Kriegsursachenanalyse beschäftigt die Historiker, seit sie auf den Großen Krieg zurückblicken. Im Vertrag von Versailles war die Sache klar formuliert: „Die alliierten und assoziierten Regierungen erklären, und Deutschland erkennt an, dass Deutschland und seine Verbündeten als Urheber für alle Verluste und Schäden verantwortlich sind, die die alliierten und assoziierten Regierungen und ihre Staatsangehörigen infolge des Krieges (...) erlitten haben“, heißt es im berühmten Artikel 231 des Versailler Vertrags. Der Historiker Fritz Fischer kam in seinem Buch „Griff nach der Weltmacht“ 1961 zum selben Ergebnis: Die deutsche Reichsführung trage einen erheblichen Teil der historischen Verantwortung für den Ausbruch des Krieges. Nach einer intensiven gesellschaftlichen Kontroverse setzte sich Fischer mit seiner Ansicht durch, die These von der deutschen Schuld am Ersten Weltkrieg wurde bundesrepublikanischer Konsens.

Münkler und Clark, die die beiden bislang wichtigsten der zahlreichen neuen Bücher geschrieben haben, die zurzeit zum 100. Jahrestag des Beginns des Ersten Weltkriegs erscheinen, rütteln nun heftig an dieser Antwort auf die Kriegsschuldfrage. Allerdings betont der Cambridge-Professor Christopher Clark, dass er keineswegs Deutschland und seinen Verbündeten Österreich-Ungarn entlasten, sondern die Verantwortung aller am Krieg beteiligten Großmächte herausarbeiten will. Diese Sichtweise hat schon vereinzelt zu Missbilligung geführt.

Der Historiker Volker Ullrich hat Clarks Buch ebenso kritisiert wie sein Kollege Hans-Ulrich Wehler. „Bei Clark weht jetzt wieder ein Hauch der Entlastung für die deutsche Position“, sagte Wehler in einem Interview. Die Dokumente aber, argumentiert der Bielefelder Historiker, zeigten deutlich: Der Generalstab „wollte einen Krieg, wie es der Generalstabschef Moltke immer wieder sagte: ,So schnell wie möglich’ - weil die russische und französische Aufrüstung die deutsche Rüstung spätestens 1916 überholen würde“. Eine Debatte wie nach dem Erscheinen von Fritz Fischers Buch im Jahr 1961 ist bislang aber ausgeblieben.

Herfried Münkler steht auf der Seite Christopher Clarks. Er lehnt die These von der besonders aggressiven Strategie Deutschlands unter anderem mit dem Argument ab, dass das Verhältnis des Deutschen Reichs zu Frankreich und England im Sommer 1914 ein eher entspanntes war. Noch deutlicher spreche gegen die Fischer-These allerdings, dass, „als der Krieg begann, Deutschland nur schlecht auf ihn vorbereitet“ war. So waren keine hinreichenden Munitionsvorräte angelegt, auch Rohstoffe und Lebensmittel wurden nicht in Massen gelagert. „Es standen auch nicht genügend Truppen zur Verfügung, um eine groß angelegte Offensive erfolgreich durchführen zu können.“

Der Kriegsexperte Münkler legt mit „Der Große Krieg“ die erste umfassende Monografie eines deutschen Autors zu dem Thema seit 1968 vor. Er verschränkt Sozial-, Kultur-, Politik- und Militärgeschichte zu einem Gesamtblick auf den Ersten Weltkrieg. Die Strategie des Generalstabs wird ebenso betrachtet wie Erfahrungen des kleinen Soldaten. Die einflussreiche Rolle der Intellektuellen wird genauso beschrieben wie das Ungleichgewicht im Reich zwischen zivilen und militärischen Kräften.

Besonders betont der Berliner Politologe die Rolle von Zufällen, „in deren Folge sich manche auf den ersten Blick wohlkalkulierte und lange durchdachte Entscheidung ganz anders auswirkte als geplant“. Ein Beispiel Münklers: Hätte es keinen deutschen Spion in der Londoner Botschaft Russlands gegeben, der der Reichsregierung von russisch-britischen Gesprächen über eine gegen Deutschland gerichtete Marinekonvention berichtete, hätte Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg „vermutlich das britische Vermittlungsangebot“ im Frühsommer 1914 angenommen.

Ein ums andere Mal wird so dem Leser bei der Lektüre bewusst: Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs war nicht zwangsläufig. Weil man dessen Folgen für den weiteren Verlauf des 20. Jahrhunderts kennt, schmerzt diese Einsicht ganz besonders.

Christopher Clark: „Die Schlafwandler. Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog“. Deutsche Verlagsanstalt. 895 Seiten, 39,99 Euro

Herfried Münkler: „Der Große Krieg. Die Welt 1914 bis 1918“. Rowohlt Berlin. 924 Seiten, 29,95 Euro

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