Prozess in Regensburg

Gustl Mollath und das Misstrauen

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„Ich bin entsetzt über die Wahl der Zeugen“: Gustl Mollath.

Regensburg - Ein Psychiater bricht in Tränen aus, ein Anwalt hat Angst: Der Prozess gegen Gustl Mollath ist in vieler Hinsicht außergewöhnlich. Und das Misstrauen bleibt.

Vor dem Gerichtsgebäude hat ein Unterstützer eine Art Mahnmal aufgebaut. Auf Plakaten fordert er „Freiheit für Gustl Mollath“, mehr Rechte für Kinder, die Wahrung der Menschenrechte. Ein anderer Unterstützer filmt manchmal. Vorzugsweise Journalisten, Gutachter und Juristen, die er für Gegner Mollaths hält. Wieder andere verschickten Drohbriefe. Es ist ein in vieler Hinsicht außergewöhnlicher Prozess, der sich vor dem Landgericht Regensburg abspielt.

Für den Angeklagten Mollath läuft es bestens: Der Freispruch ist ihm sicher, die vorgeworfenen Taten sind ihm nicht nachzuweisen, die Einweisung in die Psychiatrie droht nicht mehr. Dem Gerichtspsychiater fehlen konkrete Anhaltspunkte für eine wahnhafte Störung, auch für gefährlich hält er ihn nicht. Mollaths Misstrauen aber bleibt.

Seit Juli läuft im Saal 104 der neu aufgerollte Prozess gegen den Mann, der wegen seiner siebenjährigen Zwangseinweisung in die Psychiatrie eine gewisse Berühmtheit in Deutschland erlangt hat. Die Kammer unter Vorsitz von Richterin Elke Escher soll klären, ob er im August 2001 seine Frau geschlagen, getreten, gebissen und bis zur Bewusstlosigkeit gewürgt, ob er sie im Mai 2002 eingesperrt und Jahre später Dutzende Autoreifen zerstochen hat. 17 Tage sind für den Prozess angesetzt, 13 bereits verhandelt.

Ein Urteil voller Fehler

Das Landgericht Nürnberg sah die Vorwürfe der gefährlichen Körperverletzung, der Freiheitsberaubung und Sachbeschädigung 2006 als erwiesen an. Das Gericht sprach Mollath wegen einer „wahnhaften psychischen Störung“ und daraus folgender Schuldunfähigkeit frei und wies ihn in die Psychiatrie ein, weil es ihn für allgemeingefährlich hielt. Vor einem Jahr hat das Oberlandesgericht Nürnberg die Wiederaufnahme des Verfahrens angeordnet, das Nürnberger Urteil aufgehoben und Mollath aus der Psychiatrie geholt. In Regensburg will er nun seine Unschuld beweisen. Aber vor allem will er die Schuld der anderen beweisen.

Mollath könnte Genugtuung empfinden. Zum Beispiel, weil die Richter, die ihn 2006 als psychisch krank in die Klinik sperrten, jetzt eine erschreckende Nonchalance offenbarten, mit der sie damals über sein Schicksal entschieden. Weil es eine Richterin damals in den Urlaub drängte, sprach sie das Urteil nicht nur „in aller Eile“, wie sie am fünften Prozesstag zugab, sondern auch voller Fehler in ihr Diktiergerät. Für die damalige Strafkammer war Mollaths Fall einer von vielen, nicht der Mühe wert.

Richterin Escher gibt sich nun die allergrößte Mühe. Sie geht an die Grenze des Möglichen, um Mollaths Bedürfnissen Raum zu geben. Er ist dennoch „entsetzt“ über die Auswahl der Zeugen durch Staatsanwaltschaft und Gericht: „Wenn man mir hier die Möglichkeit zur objektiven wahrheitsgemäßen Darstellung nimmt, spricht das für sich.“

Der Prozess zerrt an den Nerven

Der 57-Jährige sieht nicht sich auf der Anklagebank, sondern seine Exfrau, die Justiz, die Ärzte, die Bank, vielleicht auch die Politik. Diese hätten ihn für wahnsinnig erklärt und weggesperrt, weil er den „womöglich größten und wahnsinnigsten Steuerhinterziehungsskandal“ aufdecken wollte, in den seine damalige Frau, eine Bankangestellte, und die HypoVereinsbank verstrickt gewesen seien. Die Bank überprüfte Mollaths Vorwürfe. Ihr Prüfbericht gilt ihm als Beweis, dass er recht hat. Darin heißt es: „Alle nachprüfbaren Behauptungen haben sich als zutreffend herausgestellt.“ Nur: Beweise für Schwarzgeldgeschäfte wurden nicht gefunden.

Der Prozess zerrt an den Nerven vieler. Ein Psychiater bricht am elften Verhandlungstag in Tränen aus. Auch er hat anonym Briefe erhalten, „mit übelsten Beschimpfungen“, weil er noch 2010 zu dem Ergebnis kam, dass Mollath wahnkrank und gefährlich ist. Oder Mollaths früherer Pflichtverteidiger, Thomas D., der ihm 2006 bei seiner Verurteilung in Nürnberg als Anwalt beigeordnet war. Mollath wollte ihn nicht, und auch D. bat wieder und wieder vergeblich um seine Entbindung als Pflichtverteidiger. Der 58-Jährige fühlte sich von Mollath bedroht. Mollath stand eines Abends vor seiner Kanzlei und habe ihn als „wild gewordenen Nazistaatsanwalt“ beschimpft und Einlass gefordert. Seine Furcht ist geblieben: „Ich fühle mich von dem Angeklagten bedroht.“

Angstzustände bei Mollath

Mollaths Exfrau ist Nebenklägerin, im Gericht ist sie nicht. Sie verweigert die Aussage. Auch Mollath schweigt zu den Tatvorwürfen. In früheren Verfahren sagte er mal, er habe die Taten nicht begangen; mal, er habe sich nur gegen seine Frau gewehrt. Mollath begründet sein Schweigen mit der Anwesenheit von Psychiater Norbert Nedopil. Er habe Angstzustände in dessen Gegenwart. Er sehe bei Mollath durchaus wahnhafte Züge, sagt Nedopil am Freitag, als er sein Gutachten vorträgt. Doch eine psychische Störung sei nicht nachweisbar. Dennoch sei für ihn „nachvollziehbar“, dass Psychiater ihn zuvor als wahnkrank ansahen. Nedopil charakterisiert Mollath als übermäßig misstrauischen Mann. „Eine misstrauische Einstellung ist aber noch kein Wahn.“ Eine Gefährlichkeit gehe von ihm nicht aus.

Mollath hört nur das Negative. „Das war genau so, wie ich es erwartet habe“, sagt er hinterher: „Ein Spagat, damit Kollegen geschützt bleiben und damit die Institutionen wie Gericht und Staatsanwaltschaft nicht schlecht dabei wegkommen. Das ist natürlich alles zu meinen Lasten.“ Ein Urteil, das ihm genügt, wird es wohl nicht geben.

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